Ärzte Zeitung online, 03.11.2014

Bad Hersfeld

Vierjährige kämpft nach Masern-Infektion um ihr Leben

Ein vierjähriges Mädchen in Bad Hersfeld schwebt nach einer Masern-Infektion in Lebensgefahr. Sie leidet an einer unheilbaren Folgeerkrankung. Der Grund: Ihre Mutter war nicht gegen Masern geimpft.

BAD HERSFELD. Die vierjährige Aliana wird sterben. "Der Verfall ist erschreckend rasant. Das Kind wird das Jahresende möglicherweise nicht mehr erleben", sagt der Bad Hersfelder Kinderarzt Dr. Georg J. Witte, der das kleine Mädchen betreut. Die Ursache für die unheilbare Krankheit, an der Aliana leidet: Masern.

"Aliana war ein fröhliches Kind", sagt ihre Mutter Mirella Kunzmann mit Tränen in den Augen. Das Mädchen sprang viel herum und lachte. Doch mit vier Jahren nickt Aliana plötzlich häufiger beim Essen mit dem Kopf weg, Sekundenschlaf nennt es ihre Mutter.

Dann wird das Mädchen vergesslich und fällt immer öfter hin. Die Diagnose: die chronische Maserngehirnentzündung SSPE. Die Krankheit ist eine Spätfolge einer Maserninfektion und verläuft immer tödlich.

In einem von 150 bis 300 Fällen besteht nach Angaben des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte in Deutschland bei Säuglingen das Risiko, dass nach Masern später diese tödliche Spätkomplikation auftritt.

Laut Robert-Koch-Institut haben sich 2013 bundesweit 86 Säuglinge mit Masern angesteckt, 19 bislang in diesem Jahr. Da die ansteckende Krankheit aber nicht immer - wie auch bei Aliana - erkannt wird, könnte die Dunkelziffer höher sein.

"Wussten nicht, dass Masern so gefährlich sein können"

Mittlerweile kann Aliana weder stehen noch sitzen, sie spricht nicht mehr und wird über eine Sonde ernährt. "Wir wussten nicht, dass Masern so gefährlich sein können", sagt Kunzmann. Hätte sie selbst Masern gehabt oder wäre geimpft gewesen, wäre ihrer Tochter wohl nichts passiert.

Doch die 27-Jährige ist durchs Raster gefallen, als in den 70er und 80er Jahren zum Teil nur unzureichend geimpft wurde - oder aber gar nicht, weil die Masern-Infektionen deutlich zurückgegangen waren.

Nur Mütter mit Antikörpern können ihren Kindern den sogenannten Nestschutz mitgeben, der das Neugeborene in den ersten Monaten schützt. Geimpft werden Kinder in der Regel ab dem elften Lebensmonat. Aliana hatte offenbar unbemerkt mit drei Monaten die hochansteckenden Masern bekommen. Ihre Eltern haben eine Facebook-Seite eröffnet, um aufzuklären und anderen Betroffenen zu helfen.

Der Kinderärzteverband fordert Frauen - vor allem der betroffenen Jahrgänge - mit Kinderwunsch auf, frühzeitig ihren Impfschutz zu kontrollieren. "Wer nicht zweimal gegen Masern geimpft wurde, sollte dies dringend nachholen", sagt Verbandssprecher Dr. Ulrich Fegeler.

Gefordert seien vor allem auch Frauenärzte, die ihre Patientinnen frühzeitig aufklären und den Impfstatus testen sollten. Denn während der Schwangerschaft ist es nicht mehr möglich zu impfen, da es sich bei Masern um einen sogenannten Lebendimpfstoff handelt.

Angst vor Nebenwirkungen

Doch nicht alle wollen sich impfen lassen. "Ich bin von der Masern-Impfung nicht überzeugt", sagt der umstrittene Impfgegner Hans Tolzin. Die Zahl der Masern-Infektionen sei bereits vor Beginn der Impfungen deutlich zurückgegangen und es gebe Alternativen, meint er.

Zudem sei das Risiko einer Impfung nicht kalkulierbar. Dem widerspricht Kinderarzt Witte. "Ich betreibe die Praxis seit 1983. Nebenwirkungen bei Impfungen kennen wir eigentlich nicht. Man sollte keine Angst haben, die Impfung zu machen."

Und auch Mutter Mirella Kunzmann fordert alle auf, sich und die Kinder impfen zu lassen. "Ich kann nicht verstehen, dass es Frauen gibt, die sich gegen eine Impfung entscheiden, denn sie gefährden nicht nur ihre, sondern auch unsere Kinder."

Auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) rät dringend zur Impfung. Die Impfung schütze nicht nur den Einzelnen wie Familienangehörige, sondern indirekt auch Säuglinge, die noch nicht geimpft werden können.

Kinderarzt Witte rät ungeimpften Müttern, die wissen, dass sie ihren Kindern keinen Nestschutz mitgegeben haben, nur geimpfte Familienmitglieder an das Kind zu lassen und unbedingt größere Menschenansammlungen zu meiden. Damit könnten Leben gerettet werden - das von Aliana allerdings nicht mehr. (dpa)

[05.11.2014, 15:21:31]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
richtig! liebe Vorrednerin,
der Anstieg der Neuinfektionen ist allarmierend, 2013 auf 1771 Fälle nach RKI und damit im oberen 1/3 der Hitliste in Deutschland gelandet. Hinzu kommt die heute frühere "Kollektivierung", weg von der Mutter.
Hier könnten die Medien etwas aufklärender tätig werden.
Man hat da schlicht einiges aus der nicht so weit entfernten Vergangenheit vergessen.
Bei Diphtherie ist das auch (bei Erwachsenen) theoretisch möglich, da hier Immunität nicht ewig wehrt.
Die "Impfindustrie" wäre bei Masern arbeitslos, wenn das ausgestorben ist, eine realistische Möglichkeit. zum Beitrag »
[04.11.2014, 08:30:31]
Margarita Moerth 
Fälle wie diese an die Öffentlichkeit bringen!
Besonders tragisch wird dieser Einzelfall dadurch, da offenbar die Eltern gar nicht bewusst und aus Überzeugung auf eine Impfung verzichtet haben, sondern die Ursache bereits bei den Impfversäumnissen in der Kindheit der Mutter liegt.

Fälle wie der der kleinen Aliana müssten unbedingt ebenso in die Massenmedien gebracht werden, wie dies mit nahezu jedem einzelnen Fall von Impfschäden getan wird. Es muss doch noch irgendwo Journalisten geben die zugeben, dass Schutzimpfungen nicht nur den Interessen der Pharmaindustrie dienen, sondern Menschen vor Epidemien, Leiden und Massensterben bewahren.

Welch ein Szenario, wenn aufgrund irgendwelcher Ereignisse einige Jahre hindurch kein einziges Kind mehr die Grundimmunisierung (MMR usw.) erhalten könnte!

Dass die Pharmaindustrie keine Wohltätigkeitseinrichtung ist, ist eine Sache. Auch an Ebola werden jetzt wieder einige Konzerne (und deren Aktionäre) eine goldene Nase verdienen.

Doch was ist dieses "Übel" gegen den Tod Hunderttausender Menschen? zum Beitrag »

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