Ärzte Zeitung, 27.02.2015

"Ärzte Zeitung"-Umfrage

Klares Votum für die Impfpflicht

Der Masern-Ausbruch in Berlin geht ungebremst weiter. Die WHO ist besorgt, und in Deutschland diskutieren Politiker und Ärzte über eine Impfpflicht. Die "Ärzte Zeitung" hat ihre Leser gefragt, wie diese zur Debatte stehen - das Ergebnis ist eindeutig.

Von Jana Kötter

Klares Votum für die Impfpflicht

NEU-ISENBURG. Nach dem Tod eines an Masern erkrankten Kleinkindes wird die Debatte um eine Impfpflicht in Deutschland immer hitziger.

Vor allem die Frage, wie überzeugte Impfgegner erreicht werden können, beschäftigt - und lässt dabei auch den Ruf nach einer allgemeinen Impfpflicht lauter werden.

Wie stehen die Leser der "Ärzte Zeitung" zu einer möglichen Einführung eines Impfzwangs in Deutschland? Wir haben mittels Online-Voting nachgefragt - und das Ergebnis spricht eine deutliche Sprache.

"Impfen erlaubt staatlichen Zwang"

Fast drei Viertel der insgesamt 611 Teilnehmer haben sich für einen Impfzwang ausgesprochen. 73 Prozent beantworteten die Frage "Sind Sie als Arzt für oder gegen einen Impfzwang in Deutschland?" mit der eindeutigen Antwort "Ich bin für eine Impfpflicht."

"Impfen ist Bürgerpflicht und erlaubt auch staatlichen Zwang“, meint etwa Dr. Martin Junker in einem Kommentar auf unserer Webseite.

Andere sprechen sich zwar für Konsequenzen für Impfverweigerer aus, jedoch nicht ausdrücklich für eine Impfpflicht.

So stellt Dr. Manfred Stapff in seinem Leserkommentar zwei Forderungen: "Ohne Impfnachweis keine Nutzung der öffentlichen Infrastruktur (Kindergarten, Schule, Hort etc.)" und eine "saftige zivile Schadensersatzklage gegen diejenigen, deren vorsätzliche Impfverweigerung zur Entstehung oder Weiterverbreitung einer Epidemie mit entsprechenden wirtschaftlichen Schäden geführt hat".

Dr. Klaus Weiner hingegen meint: "Es braucht keine neue Strategie, es hapert an der Umsetzung der vorhandenen."

Impfgegner schwer zu bekehren

Nur rund ein Viertel der Teilnehmer - 26 Prozent - hat sich in der Umfrage ausdrücklich gegen die Einführung eines Impfzwangs ausgesprochen. Dabei liegt zwischen überzeugten Impfgegnern und klaren Befürwortern ein spürbares Spannungsfeld.

"Fanatiker kann man nicht beraten. Sie wissen sowieso alles besser. Je extremer eine Position, Haltung, Überzeugung ist, desto weniger kann man mit Sachargumenten überzeugen", sagt Dr. Franz J. Linnenbaum.

Eine Impfpflicht ist für ihn zwar unvorstellbar, doch dürfe man sich bei der Beratung von überzeugten Gegnern der Prävention auch nicht zu viel Hoffnung machen, diese "bekehren" zu können.

"Dass Impfgegner sich überhaupt so breit machen konnten, liegt auch an der Unfähigkeit der Politik, endlich eine verbindliche Regelung zu treffen. Wissenschaftliche Argumentation beeindruckt Impfverweigerer in der Regel nicht, sie leben in ihrer eigenen Realität", kritisiert "Ärzte Zeitung"-Leser Dr. Rüdiger Storm.

Dr. Karlheinz Bayer warnt jedoch: "Impfkritiker als pseudoreligiös zu bezeichnen ist dann bedenklich, wenn die Argumente der Impfgegner nicht widerlegbar sind. Schließlich impfen wir erst seit einem halben Jahrhundert gegen Masern und wissen im Grunde genommen überhaupt nicht, was wir damit machen. Langzeiterfahrungen fehlen."

611 Leser stimmen in nur 48 Stunden ab

Lediglich knapp ein Prozent der Teilnehmer hat zu dem Thema keine Meinung.

Doch nicht nur an dieser geringen Zahl wird deutlich, dass das Thema bewegt: Die 611 Teilnehmer haben innerhalb von nur 48 Stunden ihre Meinung abgegeben - und die aktuelle Berichterstattung der "Ärzte Zeitung" mit zahlreichen Beiträgen kommentiert.

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Jana Kötter (198)
[28.02.2015, 21:56:25]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
freut mich sehr, dass sich nun auch mein sehr geehrter Vorredner zur Impfempfehlung durchgerungen hat.
Nicht die Impfung gehört auf den Prüfstand, sondern die Durchimpfungsquote
und der Ausbruch in Berlin beantworten die Frage schon, SIE IST ZU NIEDRIG.
Das Übertragungsrisiko bei Masern ist bekanntlich sehr hoch, es reicht schon der Aufenthalt im gleichen Zimmer ohne direkten Kontakt. Im Fokus steht ja offensichtlich besonders das rel. hoher Krankheitsrisiko der Säuglinge, die noch nicht geimpft werden können.

Dass die Schutzwirkung auch vom Titer abhängig ist, kennen wir doch schon von der Tetanusschutzimpfung und zeigt ja auch, dass eine einzelne Impfung gegen Masern auch für Kinder nicht reicht.
Das ist im Zweifelsfall alles nachprüfbar (Titer) und gar nicht so teuer.
Wer wegen Impfrisiken als Arzt Bedenken halt, sollte wenigsten einen Blick ins Paul-Ehrlich-Institut werfen,
das sogar für Nicht-Mediziner online zugänglich ist. Seit der Meldepflicht für Masern 2001 besteht selbstverständlich auch eine Meldepflicht für "Nebenwirkung" ebenfalls im Paul-Ehrlich-Institut. Gesicherte Todesfälle sind jedenfalls nicht dabei.

mit freundlichem Gruß
Dr.Bayerl zum Beitrag »
[28.02.2015, 14:51:37]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Masern-Impfempfehlung - damit ich nicht missverstanden werde!
Im Umfeld von Kommentatoren/-innen, die als "Impfkritiker" z. T. völlig unlogisch, fundamentalistisch und Zahlen-verdrehend argumentieren, sprechen m. E. selbstverständlich alle Daten und die Schwere des Krankheitsverlaufs selbst f ü r eine dringende, generelle Masern-Impf-Empfehlung.

Nur das RKI und viele andere Infektionsepidemiologen verschließen davor die Augen, dass eine zuverlässige lebenslange Serumkonversion mit bleibenden protektiven Impf-Antikörpern bisher nicht ausreichend untersucht und belegt wurde. Alle ausländischen Daten sprechen f ü r z. T. erhebliche Lücken, nicht zuletzt durch ein zu früh einsetzendes Impfregime: Defay, F. et al. "Measles in Children Vaccinated With 2 Doses of MMR. Pediatrics 2013; online 21. Oktober 2013; DOI: 10.1542/peds.2012-3975. Die frühe Masernimpfung bei Kindern im Alter von bis zwölf Monaten sei eher ungünstig. Nach den Daten dieser kanadischen Studie wäre die Gefahr, dass der Impfstoff dann versagt, fünfmal höher. Besser sei es, mit einer Erstimpfung erst im 15. Lebensmonat zu beginnen
http://pediatrics.aappublications.org/content/early/2013/10/16/peds.2012-3975.abstract

In der Masern-Problematik kann es kein einfaches "weiter so und durchwursteln" mehr geben. Impfstoffe, Impf-Empfehlungen und infektions-epidemiologisches Verhalten gehören auf den Prüfstand!

Wenn allerdings die Leserinnen und Leser der "Ärzte Zeitung" zur möglichen Einführung eines Impfzwangs in Deutschland mittels Online-Voting befragt werden, und nach "Impfpflicht ja oder nein?" gefragt wird, müssten die Antwortmöglichkeiten schon differenzierter als "Ja/Nein/Weiß nicht" sein.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
 zum Beitrag »
[28.02.2015, 14:14:21]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
@Werner Schreiner, Sie haben die richtige Frage gestellt, nur leider völlig falsch darauf geantwortet.
Sie haben an der ersten Stelle des Impfnutzens den Impfschutz ganz vergessen.
Ich empfehle einen Blick ins RKI, das Sie hoffentlich kennen. zum Beitrag »
[27.02.2015, 08:58:35]
Werner Schreiner 
Zwang oder Aufklärung
Fragen wir doch einmal anders herum: wem nutzt denn ein Impfzwang? Als erstem natürlich der Pharmaindustrie (Umsatzmaximierung) und als zweitem den Ärzten, weil sie dadurch auch die lebenslang Gesunden, die nie einen Arzt benötigen, in ihr Geschäftsmodell einbeziehen können. Damit erhalten die Ärzte obendrein noch weitere Patienten, die wegen Impfreaktionen behandelt und diese Therapien auch von den Krankenkassen bezahlt werden müssen - also von der Volksgemeinschaft. Natürlich nutzen Imfpungen vielen Menschen - aber bei weitem nicht allen!

Ganz zu schweigen von den Nebenwikungen und Reaktionen auf die Zusatzstoffe in den Impfstoffen. Aufgeklärte Bürger erinnern sich an die Diskussion über die Vor- und Nachteile von Impfbeschleunigern. Dies sind sehr häufig die Vorbehalte aufgeklärter Bürger - sie sind ja nicht explizit gegen Impfungen, sondern nur gegen Impfungen, die mit einem Cocktail von nicht deklarierten Zusatzstoffen versehen sind. Und Zusätze, die bewußt verschwiegen werden, sind i.d. Regel nie positiv zu beurteilen (nach dem Motto: wer etwas verheimlicht, der hat auch "Dreck am Stecken").

Statt Impfzwang sollten die Imfphersteller erst einmal dazu gezwungen werden, offen und komplett sämtliche Zusatzstoffe in ihren Impfstoffen zu veröffentlichen - und zwar so, daß über die Wirkungfen und die Nebenwirkungen des Impfstoffs und alle Zusatzstoffe klinische Studien vorgelegt werden. Und wenn die Hersteller diese Studien finanziell nicht stemmen können, dann muß der Staat diese Studien durchführen lassen und auch finanzieren.

So lange die Politik von den Lobbyisten der mächtigen Pharmabranche geleitet wird, hat das ganze System immer ein "Gmschäckle" und wird immer Gegner von Arzneimitteln u./o. Impfstoffen "produzieren". Aber eine gesunde Volkswirtschaft mit (teilweise) gelebter Demokratie muß das aber aushalten! zum Beitrag »
[27.02.2015, 08:38:44]
Barbara Lube 
Leserumfrage aussagekräftig?
Wie kann man eine Leserumfrage als aussagekräftig einstufen, wenn eine Person so oft daran teilnehmen kann,wie sie möchte? Wie sinnvoll ist das?  zum Beitrag »
[27.02.2015, 08:35:52]
Annett Fischer 
Impfzwang ??
a) Risikofaktor Fiebersenkung
Immer mehr Studien weisen darauf hin, dass das künstliche Senken des Fiebers die Sterberate drastisch erhöhen kann. Das Fieber ist eine Heilungsreaktion des Körpers, es sollte nach Möglichkeit nicht darin behindert werden, seine Aufgabe zu erfüllen. Es wäre interessant zu wissen, welche Medikamente z. B. das kürzlich in Berlin verstorbene Kind erhalten hat.
b) Risikofaktor Vitamin-A-Mangel
Die WHO propagiert die Behandlung schwerer Masernverläufe und die Vorsorge durch hochdosierte Vitamin-A-Gaben. Studien weisen auf einen Zusammenhang zwischen einem Mangel an Vitamin A und  schweren Masernverläufen hin.

1. Die Masernrisiken werden ohne Not aufgebauscht
Vor kurzem hieß es noch auf der Webseite des Robert-Koch-Instituts (RKI), der Bundeseuchenbehörde, das Risiko, bei einer Masernerkrankung zu sterben liege bei 1:10.000. Diese Angabe wurde kürzlich klammheimlich geändert. Jetzt ist es plötzlich 1:1000. Eine Begründung
fehlt. Manche sehr impffreudige Ärzte sprechen sogar öffentlich von 1:500 oder gar 1:300, also einem Todesfall unter 300 Erkrankten.
Für diese Zahlen gibt es keine Grundlage. Die Tatsache, dass es eine unbekannte Anzahl von Masernfällen gibt, die gar nicht gemeldet werden, z. B. weil die Eltern mit ihnen nicht zum Arzt gehen oder weil die Ärzte die Masern nicht erkennen, fällt völlig unter den Tisch. Darüber hinaus wissen wir nicht, wie viele Kinder die sogenannte „stille Feiung“ durchmachen, also an Masern erkrankten, ohne Symptome zu zeigen. Die müsste man natürlich alle mitzählen. Möglicherweise liegt das Verhältnis also in Wahrheit bei 1:100.000. Aber so genau weiß man das nun mal nicht, auch nicht beim RKI. Weshalb die Angaben des RKI wissenschaftlich gesehen grober Unfug sind.
„Und wenn die Impfpflicht doch kommt?"
Wir halten es für unwahrscheinlich, dass eine Masernimpfpflicht kommen wird, denn das ist faktisch und juristisch nicht machbar. Gewissen Experten versuchen jetzt zwar mit Hilfe des Todesfalls in Berlin eine Epidemie herbeizureden, damit eine Impfpflicht aufgrund des Infektionsschutzgesetzes (IfSG) greift, doch das ist nicht haltbar.
Falls das Ganze eine unvorhergesehene Eigendynamik entwickelt und es doch zu einer Impfpflicht käme, hätten wir endlich Gelegenheit zu einer Verfassungsklage.
dieser Meinung von Hans Tolzin schließe ich mich gerne an zum Beitrag »
[27.02.2015, 08:14:06]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Masern-Impfzwang funktionsfähig?
A. Uzicanin und L. Zimmerman vom Centers for Disease Control and Prevention, Atlanta, Georgia/USA (CDC) haben unter dem Titel:
"Field Effectiveness of Live Attenuated Measles-Containing Vaccines: A Review of Published Literature"
die Feld-Effektivität von abgeschwächten Masern-Lebendimpfstoffen als "vaccine effectiveness" (VE) untersucht. Dazu wurden die Ergebnisse von VE-Studien, die von 1960 bis 2010 veröffentlicht wurden, überprüft ["Methods - We reviewed results of VE studies published during 1960–2010"].

Die VE war aber bei Masern-Erstimpfungen zwischen den 9. bis 11. Lebensmonaten weit weniger wirksam (77% vs. 92%), als mit den Erstimpfungen erst ab dem 12. Lebensmonat aufwärts zu beginnen ["For a single dose of vaccine administered at 9–11 months of age and >/=12 months, the median VE was 77.0% (interquartile range [IQR], 62%–91%) and 92.0% (IQR, 86%–96%), respectively"].

Die z w e i m a l i g e Masernimpfung wies gegenüber Ungeimpften mit einer VE von 94,1% eine hohe Wirksamkeit auf ["For 2 doses of measles-containing vaccine, compared with no vaccination, the median VE was 94.1% (IQR, 88.3%–98.3%)"].
Vgl.: http://jid.oxfordjournals.org/content/204/suppl_1/S133 und
J Infect Dis. (2011) 204 (suppl 1):S133-S149.doi: 10.1093/infdis/jir102

Doch was ist mit den immerhin 5,9 Prozent, die mit der klassischen 2-fach-MMR-Impfung in Deutschland z. B. n i c h t erfolgreich immunisiert werden konnten?

Bezogen auf unsere knapp 81 Millionen Menschen in Deutschland, blieben selbst bei 100-prozentiger MMR-2-fach-Durchimpfungsrate noch knapp 4,8 Millionen Einwohner o h n e den erhofften Masern-Impfschutz!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
 zum Beitrag »
[27.02.2015, 08:13:15]
Dr. Joseph Kuhn 
Impfpflicht Pro und Contra
Pro und Contra:
http://scienceblogs.de/gesundheits-check/2015/02/26/impfpflicht-pro-und-contra/ zum Beitrag »
[27.02.2015, 07:51:07]
Carsten Windt 
Impfzwang bei einem toten Kind?
Wo wollen wir anfangen oder aufhören? Ein totes Kind macht keine Epidemie. Auch die Anzahl der Erkrankten ist gemessen an der Bevölkerung eher marginal.

jedes Jahr gibt es einige tausend Grippetote. Soll hier auch Impfzwang ausgesprochen werden?

Bitte nicht falsch verstehen. Ich bin sicher kein Impfgegner. Zwang ist aber nur gegeben, wenn eine echte Gefahr für die Mehrheit der Bevölkerung besteht.  zum Beitrag »

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