Ärzte Zeitung, 31.08.2016

Impfkalender der STIKO

Zu wenig Schutz vor Lungenentzündung

Trotz des hohen Risikos alter Menschen für Pneumokokken-Pneumonie hat noch nicht einmal jeder dritte Senior den Impfschutz. Die STIKO appelliert deshalb an Ärzte, sich stärker für den Schutz zu engagieren.

Ein Leitartikel von Wolfgang Geissel

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Die größte Risikogruppe für Pneumokokken-Pneumonie sind ältere Menschen ab 60 Jahren. Ärzte sollten sich daher stärker für den Impfschutz einsetzen, fordert die Stiko.

© Lukas Schulze / dpa

>NEU-ISENBURG. Pneumokokken sind in Europa die Hauptursache bakterieller Pneumonien. Allein in Deutschland sterben nach Schätzungen jedes Jahr mehr als 5000 Menschen an den Folgen einer Erkrankung mit den Keimen, berichtet die Ständige Impfkommission (STIKO) in einer Mitteilung.

Besonders gefährdet sind dabei Kinder im Alter unter zwei Jahren sowie chronisch kranke Menschen, etwa mit Anfallsleiden, Herz- und Lungenerkrankungen oder auch Immunschwäche. Die weitaus größte Risikogruppe sind jedoch ältere Menschen ab 60 Jahren.

Und diese Gruppe ist besonders schlecht durch Impfungen geschützt: Nur 31 Prozent der Senioren im Alter von 65 bis 79 sind gegen Pneumokokken geimpft, wie die Deutsche Erwachsenengesundheitsstudie DEGS des Robert Koch-Instituts (RKI) ergeben hat.

Impf-Empfehlungen sollten auch umgesetzt werden

"Eine bessere Umsetzung der Impf-Empfehlungen ist dringend wünschenswert", betont die STIKO daher bei der Vorstellung des neuen Impfkalenders (Epi Bull 2016; 34: 301). Außer einigen Modifikationen steht darin vor allem die Pneumokokken-Impfung im Fokus.

Die Impfsituation ist insofern schwierig, weil der seit 1983 zugelassene 23-valente PneumokokkenPolysaccharidimpfstoff (PPSV23) bei vielen Ärzten keinen guten Ruf hat. Das liegt vor allem an schwankenden Daten zur Wirksamkeit, die je nach Zielpopulationen und Erfolgsparametern ganz unterschiedlich ausgefallen sind. Einige Studienergebnisse zu PPSV23 sind zudem von fragwürdiger Qualität.

Moderner Impfstoff für Erwachsene

Ein viel besseres Image hat hingegen der moderne 13-valente Pneumokokken-Konjugatimpfstoff (PCV13), der seit einigen Jahren in Deutschland auch für die Impfung von Erwachsenen zur Verfügung steht.

Für Säuglinge und Kleinkinder war die Vakzine ein Durchbruch: Erstmals ließ sich damit ein Pneumokokken-Schutz bei unreifem Immunsystem erzielen. Die generelle Impfung der unter Zweijährigen ist dabei eine der großen Erfolgsgeschichten der Impfmedizin. Denn die Vakzine schützt nicht nur die Impflinge selbst, sondern hat durch Herdenimmunität die Krankheitslast auch in anderen Altersgruppen reduziert.

Keine Vergleichsstudie bei Erwachsenen

Die Frage ist nur: Schützt PCV13 auch alte Menschen besser vor Pneumokokken-Erkrankungen als PPSV23? Hier hat die STIKO offenbar keine überzeugenden Antworten gefunden. Für eine Klärung wären Vergleichsstudien nötig, die nicht zu erwarten sind.

Das Fazit der Impfexperten nach Prüfung der Evidenz: Auch im neuen Impfkalender wird für alle Personen ab dem Alter von 60 Jahren die alleinige Impfung mit PPSV23 empfohlen. Neu dabei ist nur der Rat für Wiederholungsimpfungen: Hier hält die STIKO aufgrund der begrenzten Dauer des Impfschutzes grundsätzlich für alle Risikogruppen Booster mit PPSV23 im Mindestabstand von sechs Jahren für sinnvoll.

Breite Wirksamkeit

Dies kollidiert allerdings mit den Fachinformationen, wonach "gesunde Erwachsene nicht routinemäßig erneut geimpft werden" sollten. Wiederholungsimpfungen sind laut Beipackzettel aber zu erwägen "bei Personen mit erhöhtem Risiko für schwere Pneumokokken-Erkrankungen".

Die Entscheidung für PPSV23 als Standard bei Erwachsenen begründen die Impfexperten dabei auch mit der breiteren Wirksamkeit: PPSV23 hat gegenüber PCV13 den Vorteil, gegen 23 der insgesamt über 90 Pneumokokken-Serotypen zu schützen; wohingegen der Konjugatimpfstoff nur 13 Serotypen abdeckt.

Sequenzielle Impfung für Risikogruppen

Den Stellenwert von PCV13 sieht die STIKO bisher bei Erwachsenen und Risikogruppen nur in der sequenziellen Impfung von Risikogruppen. So sollen Menschen mit Immunschwäche oder auch mit anatomischen oder Fremdkörper-assoziierten Risiken für Pneumokokken-Meningitis (etwa Liquorfistel oder Cochlea-Implantat) mit beiden Vakzinen geimpft werden.

Das gleiche gilt für minderjährige chronisch Kranke (bis 15 Jahre) mit neurologischen Erkrankungen, Herz- oder Lungenleiden oder auch mit Diabetes. Gestartet wird bei der sequenziellen Impfung mit PCV13 gefolgt von PPSV23 nach sechs bis zwölf Monaten. PPSV23 sollte dabei erst ab einem Alter von zwei Jahren gegeben werden. Wer in dieser Gruppe bereits PPSV23 erhalten hat, sollte frühestens ein Jahr später mit PCV13 geimpft werden.

Für Kinder unter zwei Jahren gilt weiterhin die Empfehlung der routinemäßigen Impfung mit Konjugatimpfstoff, weil diese nach Impfung mit PPSV23 keine ausreichende Immunantwort entwickeln.

Fazit: Der Impfschutz gegen Pneumokokken sollte wegen der hohen Krankheitslast bei Kindern und Erwachsene eine hohe Priorität haben, betont die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Wo der Schutz im Impfplan vorgesehen ist, sollten sich niedergelassene Ärzte daher auch bemühen, die Risikogruppen möglichst vollständig zu erreichen.

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