Ärzte Zeitung, 07.10.2008

Ziel für 2010: Drei von vier über 60-Jährigen sind Grippe-geimpft

Mit geschätzten 1,2 Millionen Grippe-bedingten Arztbesuchen war die Grippesaison 2007/08 eine der schwächeren der vergangenen Jahre. Erstmals traten allerdings in größerem Umfang Grippeviren auf, die gegen Oseltamivir resistent waren.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Im vergangenen Winter mussten relativ wenige Menschen wegen Grippe im Bett bleiben - das kann sich bald wieder ändern.

Foto: Dušan Zidar©www.fotolia.de

"Die Grippewelle 2007/2008 begann in Südwestdeutschland relativ stark. Sie breitete sich nach Mitteldeutschland und ins Rheinland aus, war dann aber vor allem im Norden und Osten des Landes nur schwach ausgeprägt", sagte die Grippeexpertin Dr. Silke Buda vom Robert-Koch-Institut bei der jährlichen Pressekonferenz der Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI) in Berlin. Buda stellte Zahlen aus dem Sentinel-System der AGI vor, an dem sich in der abgelaufenen Saison 863 Haus- und Kinderärzte beteiligt haben.

550 000 Krankschreibungen wegen Grippe

Während der vor allem in der vierten bis elften Kalenderwoche 2008 kulminierenden Grippewelle kam es zu 550 000 wahrscheinlich auf die Grippe zurück zu führenden Krankschreibungen und zu etwa 4500 grippebedingten Klinikeinweisungen. In der Saison davor lagen diese Quoten mehr als doppelt so hoch.

"Neu in diesem Jahr war vor allem, dass wir in größerer Zahl Influenza A-Viren des Typs H1N1 nachweisen konnten, die resistent gegen den Neuraminidase-Hemmstoff Oseltamivir waren", so Buda.

Über die gesamte Saison lag die Quote resistenter H1N1-Viren bei 13 Prozent, wobei es einen Anstieg gab von 5 Prozent im Dezember 2007 auf 28 Prozent im März 2008. Ob das in der neuen Saison ähnlich aussehen wird oder nicht, lasse sich nicht sicher vorhersagen, betonte Dr. Brunhilde Schweiger, ebenfalls vom RKI.

Die Erfahrung zeige, dass ein Stamm wie H1N1, der in dieser Saison einer der Hauptstämme war, in der dann folgenden Saison oft eher schwächer ausgeprägt sei. Das würde dafür sprechen, dass das Resistenzproblem in der kommenden Saison eher geringer ausfällt.

Resistenzen vermutlich nicht von Arzneien verursacht

Kein großes Resistenzproblem in der nächsten Saison erwartet.

Der Grund für das gehäufte Auftreten von Oseltamivir-Resistenzen ist unklar: "Wir gehen davon aus, dass die Verbreitung der Resistenzen nicht auf übermäßige Medikamenteneinnahme zurück zu führen ist", so Schweiger. In jedem Fall werde das RKI die Resistenzentwicklung in diesem Jahr wieder genau beobachten. Der Einsatz von Neuraminidase-Hemmern bei Patienten mit schweren Grippeverläufen bleibe indiziert, so Schweiger.

Die Experten kommentierten auch mehrere epidemiologische Erhebungen zur Grippeimpfung, in denen eine unerwartet geringe Schutzwirkung vor ambulant erworbenen Pneumonien gezeigt wurde. Diese Erhebungen seien schwer zu interpretieren, so die in Berlin versammelten Experten unisono. Möglich ist ein "Healthy-user-Effekt", wonach sich eher gesunde und gesundheitlich engagierte Menschen impfen lassen, was die Schutzwirkung unrealistisch niedrig erscheinen lässt. Zweifelsfrei nachgewiesen sei das nicht, so Dr. Udo Buchholz vom RKI.

Effektivität der Impfung variiert saisonal

Professor Tom Schaberg vom Diakoniekrankenhaus Rotenburg wies darauf hin, dass die Effektivität der Influenza-Impfung auch von der Übereinstimmung zwischen Impfstoff und tatsächlich auftretenden Influenzaviren abhänge und demnach saisonal variiert. Das könne in retrospektiven Erhebungen über mehrere Jahre kaum berücksichtigt werden. Dass konsequent weiter geimpft werden sollte, darin waren sich jedenfalls alle einig. "Wenn wir bis 2010 eine 75-prozentige Durchimpfungsrate bei den über 60-Jährigen erreichen wollen, haben wir noch viel Arbeit vor uns", sagte Buchholz.

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