Ärzte Zeitung online, 03.09.2010

Pneumokokken-Impfung für Raucher in USA empfohlen

Risiko für invasive Erkrankungen durch Pneumokokken bei Rauchern vervierfacht

ATLANTA (hub). Raucher haben ein vierfach erhöhtes Risiko für invasive Pneumokokken-Erkrankungen. Deshalb rät die US-Impfkommission in ihren aktuellen Empfehlungen, jetzt auch erwachsene Raucher jeden Alters gegen die Bakterien zu impfen.

Pneumokokken-Impfung für Raucher in USA empfohlen

Besonders auch Raucher unter 60 Jahren haben ein erhöhtes Risiko, an einer invasiven Pneumokokken-Infektion zu erkranken.

© Walter Luger / fotolia.com

Etwa 44 000 invasive Pneumokokken-Erkrankungen (IPD) und 5000 Todesfälle gibt es nach Angaben der Centers for Diseases Control and Prevention (CDC) pro Jahr in den USA. Etwa 84 Prozent der invasiven Erkrankungen durch die Bakterien und nahezu alle Todesfälle betreffen Erwachsene (MMWR 2010; 59: 1102). Vor allem bei Personen mit Grunderkrankungen habe es eine deutliche IPD-Zunahme gegeben.

In den USA ist die Impfung mit Pneumokokken-Polysaccharid-Impfstoff (PPV, in Deutschland Pneumovax 23®) für alle Menschen über 65 Jahre sowie chronisch Kranke empfohlen. Da die USA jetzt auch Asthmatiker in die Empfehlung zur Impfung aufgenommen haben, entsprechen die US-Empfehlungen im Wesentlichen jenen der Deutschen Impfkommission STIKO. Mit zwei Ausnahmen: Bei uns ist die Impfung Standard für alle Menschen bereits über 60 Jahre und in den USA sollen jetzt auch Raucher die PPV erhalten.

Als Grund hierfür nennt die US-Impfkommission ACIP (Advisory Committee on Immunization Practices) das vierfach erhöhte Risiko einer invasiven Pneumokokken-Erkrankung für immunkompetente Zigarettenraucher im Alter von 18 bis 64 Jahren. Schon 2002 hatten in Deutschland medizinische Fachgesellschaften und Berufsverbände in einem gemeinsamen Positionspapier auf diesen Zusammenhang hingewiesen. Darin heißt es: "Zigarettenrauchen ist für immunkompetente Menschen unter 65 Jahren der stärkste unabhängige Risikofaktor für invasive Pneumokokken-Erkrankungen." Die CDC geben für die USA an, dass gut die Hälfte der 18- bis 65-jährigen Patienten mit einer IPD aktive Raucher waren.

Zu den Schutzraten durch den Polysaccharid-Impfstoff heißt es in der US-Veröffentlichung, dass es unterschiedliche Studien mit unterschiedlichen Schutzraten gebe. So habe eine jüngst veröffentlichte Metaanalyse eine Effektivität der Vakzine von 74 Prozent gegen IPD ergeben. Im Gegensatz dazu habe eine andere, ebenfalls kürzlich publizierte, Metaanalyse nur eine Schutzrate von zehn Prozent gezeigt. Die Differenzen könnten durch den Einschluss unterschiedlicher Studien in die Analyse zustande kommen, heißt es.

Zur Erinnerung: Über diese Impfung wird in Deutschland seit Einführung des Impfstoffes im Jahr 1983 immer wieder kontrovers diskutiert. Die Impfraten dümpeln daher in den Zielgruppen knapp oberhalb von zehn Prozent. Ärzte, die sich an die STIKO-Empfehlungen halten, stehen medizinisch und rechtlich dabei auf der richtigen Seite. Die STIKO rät im Übrigen ausdrücklich, auch Personen, die in ihren Empfehlungen nicht explizit als Impfindikationsgruppe genannt sind, auf einen möglichen Nutzen durch bestimmte Schutzimpfungen hinzuweisen. Konkret: Abgeleitet aus den vorhandenen Daten und mit der US-Empfehlung im Hinterkopf, sollte jetzt auch erwachsenen Rauchern die Pneumokokken-Impfung nahe gelegt werden, auch wenn sie diese selbst bezahlen müssen.

Lesen Sie auch:
Nur noch einmaliger Schuss gegen Pneumokokken

[06.09.2010, 08:34:23]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Der Bundesgesundheitsminister rät: Rauchen gefährdet ihre Gesundheit!
Diese praktischen US-Amerikaner! Für jeden der amerikanischen 18-80 jährigen Raucher/-innen übernimmt jetzt die Tabak- und Zigarettenindustrie die Kosten für eine Pneumokokken-Impfung. Oder, noch besser, jedem 10. Zigarettenpäckchen wird einfach 1 Impfdosis beigefügt.
Warum muss ich hier egentlich immer an "Loki und Smoky" alias Jürgen Becker und Wilfried Schmickler von den "Mitternachtsspitzen" denken?
MfG Dr. med Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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