Ärzte Zeitung online, 30.12.2010

Viele Ansatzpunkte für den Kampf gegen Pneumonien in Entwicklungsländern

BERLIN (gvg). In Entwicklungsländern sind akute Atemwegsinfekte (ARI) weiterhin der Killer Nummer eins unter den Infektionskrankheiten. Das muss nicht sein, wie Erfahrungen in Malawi in Afrika zeigen. Dort konnten ARI deutlich reduziert werden - weil das Problem ernst genommen wurde.

Viele Ansatzpunkte für den Kampf gegen Pneumonien in Entwicklungsländern

Streptococcus pneumoniae. In Malawi wurde auch diesem Keim der Kampf angesagt.

© CDC / Dr. Richard Facklam

In Entwicklungsländer sind ARI noch heute für mindestens jeden zehnten Todesfall verantwortlich, wie Dr. Neil Schluger von der World Lung Foundation beim 41. Weltlungenkongress in Berlin berichtet hat. Dabei sind die Länder in Afrika südlich der Sahara besonders stark betroffen.

Von dort gibt es aber auch eine der größten Erfolgsgeschichten bei der ARI-Bekämpfung. Dr. Nils Billo, Direktor der Internationalen Union gegen Tuberkulose und Lungenerkrankungen, berichtete in Berlin über ein Programm in Malawi, das seit dem Jahr 2000 mit Hilfe von Haushaltsgeldern sowie ergänzend (etwa 30 Prozent) mit Geldern der Gates Foundation umgesetzt wurde.

In Malawi starben in den 1990er Jahren weit über 20 Prozent der Kinder vor ihrem fünften Lebensjahr an einer Lungenentzündung.

Bei der in Malawi umgesetzten Strategie handele sich um einen Case-Management-Ansatz, bei dem an verschiedenen Stellschrauben gedreht werde, so Billo.

Eine wichtige Komponente sind umfangreiche, jeweils fünf Tage dauernde Trainingsprogramme für nicht-ärztliche Mitarbeiter von Gesundheitseinrichtungen zum Thema Kindergesundheit im Allgemeinen und Atemwegsinfekte im Besonderen.

Hintergrund ist, dass erkrankte Kinder in vielen Orten Malawis gar nicht von Ärzten gesehen werden, weil es dort keine gibt. In diesen Fortbildungen wurden unter anderen die wichtigsten therapeutischen Ansätze vermittelt und über Impfungen aufgeklärt.

Die zweite, auf die Akuttherapie abzielende Komponente war eine Verbesserung der Ausstattung mit Sauerstoffgeräten. Sie stehen in Malawi heute vielerorts zur Verfügung und können von nicht-ärztlichem Personal bedient werden.

Durch diese und einige andere Maßnahmen konnte die Sterberate bei Pneumonien in 25 staatlichen Krankenhäusern von 18,6 Prozent auf 8,4 Prozent mehr als halbiert werden. Das Programm wird jetzt auch auf private Kliniken ausgedehnt.

"Leider wurden solche Programme noch nicht in anderen Ländern umgesetzt", betonte Billo. Der Grund seien nicht nur fehlende finanzielle Mittel, sondern oft auch eine fehlende Bereitschaft der Gesundheitssysteme, die Initiative zu ergreifen.

Gelernt hat man auch in Indien, wo jedes Jahr über eine Million Menschen an ARI sterben. Dort wurde in den 1990er Jahren versucht, das Problem der Todesfälle durch ARI über ein besseres Antibiotikamanagement in den ländlichen Gebieten in den Griff zu bekommen. Das alleine hatte aber nicht den gewünschten Effekt.

Erst als man auch Impfungen stärker propagierte und für eine bessere Ernährung der Kinder warb, fing die Sterberate an zu sinken. Sie lag 2008 bei 69 Todesfällen pro 1000 Kinder unter fünf Jahren. In den 90ern waren es fast doppelt so viele.

"Die Beispiele aus Indien und Malawi zeigen, dass es möglich ist, dass ARI-Problem in Entwicklungsländern einzudämmen. Wir müssen jetzt alles daran setzen, dass uns das auch in anderen Ländern gelingt", betonte Schluger.

Derzeit gibt es 15 Länder, in denen pro Jahr und 100000 Einwohner aller Altersklassen mehr als 200 Personen an ARI sterben. In den meisten Industrienationen liegt diese Quote bei 10 bis maximal 30 pro 100.000 Einwohner.

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