Ärzte Zeitung, 23.07.2008

HINTERGRUND

Kinder mit Brechdurchfall brauchen nur selten Medikamente oder Infusionen

Von Thomas Meißner

Zur Therapie von Kindern mit Gastroenteritis gibt es neue Leitlinien.

Foto: Klaro

Kinder mit unkomplizierter akuter Gastroenteritis brauchen in der Regel keine medikamentöse Therapie. Medikamente können die Dauer der Krankheit aber etwas verkürzen. 95 Prozent der Betroffenen mit leichter bis mäßiggradiger Dehydratation lassen sich oral rehydrieren, heißt es zudem in einer Leitlinie der Gesellschaft für Pädiatrische Gastroenterologie und Ernährung (GPGE). Dabei haben sich hypotone Elektrolytlösungen mit Glukose bewährt.

In den ersten drei Lebensjahren erkranken Kinder durchschnittlich ein- bis zweimal jährlich an akuter Gastroenteritis. Etwa 40 Prozent der Erkrankungen würden durch Rotaviren ausgelöst, bei jedem fünften Kind fänden sich bakterielle Erreger wie Campylobacter, Yersinien, Salmonellen oder andere, schreiben Professor Sybille Koletzko aus München und der Bonner Professor Michael J. Lentze in der GPGE-Leitlinie*. Häufig jedoch lassen sich gar keine Erreger nachweisen. Überhaupt ist der Erregernachweis nur in besonderen Situationen erforderlich.

Insofern ist klar, dass bei den allermeisten Kindern die symptomatische Behandlung mit dem Ersatz der Flüssigkeits- und Elektrolytverluste im Vordergrund steht. Antibiotika sind nur selten erforderlich.

Gewicht und Symptome helfen, Dehydratation abzuschätzen

Wichtig ist zunächst, den Flüssigkeitsverlust richtig abzuschätzen. Dies gelingt anhand von Körpergewicht und Dehydratations-Symptomen. So ist etwa bei unruhigen Kindern, die gierig trinken, trockene Schleimhäute, kühle Extremitäten und drei bis acht Prozent Gewicht verloren haben, von einer leichten bis mittelschweren Dehydratation auszugehen.

Eine geschätzte Dehydratation von fünf Prozent bei einem 10 kg schweren Kind bedeutet, dass etwa 500 ml fehlen. Diese sollten nun binnen drei bis vier Stunden als orale Rehydratationslösung zugeführt werden, also zum Beispiel 125 ml/h über vier Stunden, so Koletzko und Lentze. Sie sprechen sich vehement dagegen aus, dafür Cola-Getränke oder Säfte zu verwenden, vor allem wegen der zu hohen Zuckerkonzentrationen, der zu hohen Osmolarität und weil kaum Natrium sowie zum Teil kein Kalium enthalten sei.

Auch von selbst hergestellten Saft/Zucker-Salz-Wasser-Lösungen raten sie bei unter Fünfjährigen ab, weil dabei zu viele Fehler gemacht würden. In Gebieten ohne Cholera seien Glukose-Elektrolytlösungen mit einem Natrium-Gehalt von 45 bis 60 mmol/l ausreichend, Bikarbonat- oder Zitratzusätze beschleunigten den Ausgleich der metabolischen Azidose.

Bereits unmittelbar nach der Rehydrierung dürfen Kinder mit leichter bis mäßiggradiger Dehydratation wieder die gewohnte Ernährung aufnehmen. Gestillte Säuglinge können bereits in der Rehydrierungsphase zwischendurch immer mal wieder angelegt werden. Flaschenernährte Säuglinge sollten ihre unverdünnte Säuglingsmilchnahrung erhalten und keine so genannten Heilnahrungen etwa mit reduziertem Laktose- oder Fettgehalt, raten die Kinderärzte.

Medikamente sind bei unkomplizierter Gastroenteritis in der Regel verzichtbar. Es gibt jedoch zugelassene Mittel, die die Durchfalldauer signifikant verkürzen. So ist seit 2004 der Wirkstoff Racecadotril (Tiorfan®) zugelassen. In drei großen Studien wurde nach Angaben von Koletzko und Lentze die Durchfalldauer bei Kindern mit akuter Gastroenteritis um durchschnittlich 28 Stunden verkürzt und dabei das Stuhlvolumen um 50 Prozent vermindert. Der Sekretionshemmer reduziert den Wasserverlust über die Darmzellen, beeinflusst jedoch nicht die Darmmotilität. Bei Rotavirus-Infektionen sind 80 Prozent der Kinder binnen 24 Stunden beschwerdefrei, hat eine der Studien ergeben.

Positive Daten liegen auch für Probiotika vor

Eine andere Option sind Probiotika, wobei die Wirkmechanismen nach wie vor unklar sind. Es liegen vor allem positive Studien für Lactobacillus rhamnosus GG vor, insbesondere bei Rotavirus-Infektionen. Bei bakterieller Genese der Gastroenteritis gab es jedoch kaum Effekte. Für andere Probiotika lägen relativ wenige Daten vor, schreiben Koletzko und Lentze. Zu anderen Medikamenten oder Lebensmittelzusätzen äußern sie sich sehr zurückhaltend bis ablehnend.

Schließlich brechen die Pädiater erneut eine Lanze für das Stillen: "Stillen, auch teilweises Stillen, schützt vor Infektionen, einschließlich der akuten Gastroenteritis". Und weitere simple und eigentlich selbstverständliche Maßnahmen müsse man Eltern offenbar immer wieder vermitteln: Händewaschen, Abwaschen von Lebensmitteln und Reinigung potenziell kontaminierter Gebrauchsgegenstände.

*Die GPGE-Leitlinie zum Download www.gpge.de/docs/leitlinien_gastroenteritis.pdf

STICHWORT

Erregerdiagnostik bei Gastroenteritis

Gastroenteritis bei Kindern - in diesen Fällen ist eine Erregerdiagnostik nötig (Kultur, Antigen- oder Toxin-Nachweis, molekulare Methoden):

  • schwere blutige Durchfälle,
  • Verlauf schwer oder protrahiert,
  • kürzliche Aufenthalte in Risikoländern,
  • endemisches Auftreten von Gastroenteritiden mit Verdacht auf Lebensmittelvergiftung,
  • bei Immunschwäche,
  • bei Verdacht auf Clostridium-difficile-Toxin-induzierte Kolitis (jenseits des ersten Lebensjahres),
  • bei Säuglingen im Alter unter drei Lebensmonaten, besonders bei Frühgeborenen.
  • bei Verdacht auf ein hämolytisch urämisches Syndrom.

(ner)

Quelle: gekürzt nach Koletzko/Lentze, GPGE-Leitlinie

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