Ärzte Zeitung online, 06.11.2008

Immer mehr Krankenkassen zahlen Baby-Impfungen gegen Rotaviren

MÜNCHEN. Außer Schnupfen und Husten ist ein Durchfall der häufigste Grund, mit einem Kleinkind zum Arzt zu gehen. Die Hälfte aller Kinder erkrankt in den ersten zweieinhalb Jahren mindestens einmal an einem akuten Durchfall. Zu den wichtigsten Durchfallursachen gehören dabei Rotaviren. Gegen diese Erreger sind mittlerweile zwei wirksame und gut verträgliche Impfstoffe zugelassen. Die Impfung gehört zwar bisher nicht zu den Standardleistungen der Krankenkassen. Die Kosten werden aber inzwischen von immer mehr Kassen erstattet, freut sich die Stiftung Kindergesundheit aus München.

Von Lajos Schöne

Immer mehr Krankenkassen zahlen Baby-Impfungen gegen Rotaviren

Ein Baby erhält eine Schluckimpfung gegen Rotaviren. So können Gastroenteritiden verhindert werden.

Foto: GSK

Wenn ein Kind plötzlich unter Durchfall leidet, vermuten viele Eltern eine Nahrungsunverträglichkeit als Ursache. "Die Hauptursache von Durchfällen sind aber Infektionen", sagt Professor Berthold Koletzko, der Vorsitzende der Stiftung. Und die häufigsten Erreger bei Babys und Kleinkindern sind dabei Rotaviren.

Rotaviren führen nach Angaben der Stiftung in Europa jedes Jahr zu etwa 3,6 Millionen Durchfallerkrankungen bei Kindern. Etwa 87 000 Kinder müssen deshalb ins Krankenhaus. Und weltweit sterben 400 000 bis 600 000 Kindern unter fünf Jahren an den Durchfällen. Rotviren sind damit die dritthäufigste Todesursache in Entwicklungsländern.

In Deutschland ist die Sterblichkeit gering, aber viele Babys erkranken

In Deutschland ist die Sterblichkeit zum Glück gering, die Erkrankungshäufigkeit aber ebenfalls beträchtlich. In den ersten 39 Wochen dieses Jahres wurden dem Robert-Koch-Institut in Berlin 69 979 Krankheitsfälle gemeldet, 20 773 mehr als im Jahr zuvor. Die wirkliche Anzahl der Infektionen liegt jedoch noch wesentlich höher, betont die Stiftung, denn nur ein kleiner Teil der Erkrankungen werde auch gemeldet.

Rotaviren sind extrem ansteckend: In einem Milliliter Kinderstuhl können sich 100 000 000 000 Viren befinden - zehn davon reichen schon zur Infektion! Meistens werden die Durchfallerreger durch die stuhlverschmierten Hände übertragen, aber auch durch Gemeinschaftshandtücher. Möglich ist die Ansteckung auch durch Husten, Niesen und Speichel oder über Kinderspielzeug. Die Infektion tritt vor allem im Winter, insbesondere in den Monaten Februar und März auf. Jungen sind häufiger betroffen als Mädchen.

Die Viren lähmen die Darmschleimhaut und verhindern die Resorption von Wasser und Nahrung

Nachdem die Viren sich in den Darmzellen festgesetzt haben, lähmen sie die Darmschleimhaut. Diese kann immer weniger Nahrung und Wasser aufnehmen. Das Kind leidet unter einem wässrigen Durchfall, der meist auch von Übelkeit und Erbrechen, Kopfschmerzen und Fieber begleitet wird, häufig verbunden mit heftigen Bauchschmerzen. Mehr als 20 Brech- oder Durchfallepisoden pro Tag sind möglich. Mit dem wässrigen Stuhl werden auch lebenswichtige Elektrolyte aus dem Körper geschwemmt, was im extremen Fall zu Organversagen führen kann. Der Durchfall dauert zwei bis sechs Tage.

Möglich ist ein harmloser Verlauf mit nur milden Beschwerden bis hin zu lebensbedrohlichen Situationen, wenn der Körper aufgrund des hohen Wasser- und Salzverlustes austrocknet. Das Tückische dabei: Auch eine vermeintlich leichte Rotavirus-Infektion kann über Nacht plötzlich lebensbedrohlich werden und eine stationäre Therapie erfordern.

Eine Ansteckung mit Rotaviren ist bei Kleinkindern nahezu unvermeidbar. "96 Prozent der Kinder erkranken bis zum Ende des zweiten Lebensjahres mindestens einmal an einer Rotavirus-Infektion", sagt die Münchner Kinder- und Jugendärztin Dr. Ursel Lindlbauer-Eisenach. Die höchste Erkrankungsrate liegt nach Angaben des STIKO-Mitglieds bei Kindern unter zwei Jahren. In dieser Altersgruppe bestehe auch das höchste Risiko für einen schweren Verlauf.

Europäische pädiatrische Fachgesellschaften sind für eine allgemeine Impfung aller Babys gegen Rotaviren

Die einzige Behandlung gegen den Infekt war früher der rasche Ersatz der durch den Durchfall verlorenen Flüssigkeit und Mineralien. Inzwischen stehen jedoch zwei orale Impfstoffe zur Verfügung, die beide als hocheffektiv und sicher gelten. Sie können die Anzahl der durch Rotaviren bedingten Durchfallerkrankungen um bis zu 98 Prozent reduzieren und die Zahl der Klinikaufenthalte um bis zu 90 Prozent verringern. Die europäischen pädiatrischen Fachgesellschaften ESPID und ESPHGAN sprechen sich daher für eine allgemeine Impfung aller Babys gegen Rotaviren aus

"Von der Schluckimpfung profitiert die ganze Familie", betont Koletzko. Ein Baby mit Durchfall benötige nämlich eine intensive Pflege. Häufig erfasse die Virusinfektion nach und nach auch die Geschwister, die Eltern und manchmal sogar die Großeltern. Eltern sollten daher die Möglichkeit nutzen, die Krankheit, die auch ihrem Kind drohen kann, durch eine gut wirksame Impfung zu verhindern.

Eine Liste von Kassen, die bereits die Rotavirus-Impfung bezahlen, gibt es unter www.impfkontrolle.de

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