Ärzte Zeitung, 24.04.2009

Antibiose verkürzt die Dauer von Reisedurchfall

Abhängig vom Reisestil bekommt etwa jeder dritte Mensch auf Fernreisen Durchfall. Meist reichen symptomatische Therapie und orale Rehydrierung aus. Antibiotika können die Erkrankung jedoch verkürzen und auch für die Prophylaxe gibt es Optionen.

Von Wolfgang Geissel

Durchfall trifft bis zu 50 Prozent der Urlauber in den Tropen: Meist reicht eine symptomatische Therapie aus.

Foto: dragon- fang© www.fotolia.de

Das Durchfallrisiko hängt stark vom Reiseland ab, wie Professor Thomas Weinke aus Potsdam berichtet hat. So hat eine Analyse bei über 15 000 Reisenden ergeben, dass in Kenia etwa 55 Prozent, in Indien 53 Prozent, in Jamaica 24 Prozent und in Brasilien 14 Prozent Durchfall bekommen hatten.

Als häufigste Erreger führen dabei Enterotoxin-bildende E. coli (ETEC) zu 25 bis 75 Prozent aller Episoden an Reisedurchfall. Weitere bakterielle und virale Erreger sind möglich. Bei chronischer Reisediarrhoe sind zudem Parasiten wie Entamoeba histolytica und Giardia lamblia abzuklären, so Weinke beim 10. Forum Reisen und Gesundheit in Berlin.

90 Prozent der Betroffenen brauchen nur Rehydrierung

Zur Therapie reiche bei 90 Prozent der Patienten mit Reisedurchfall orale Rehydratation möglichst mit elektrolythaltigen Trinklösungen aus, betont der Gastroenterologe. Eine symptomatische Therapie ist mit Motilitätshemmern wie Loperamid (kontraindiziert bei kleinen Kindern sowie bei invasiven Erregern!) oder Sekretionshemmern (Racecadotril) möglich.

Eine Behandlung mit Antibiotika kann die Dauer der Krankheit verkürzen, wie zum Beispiel in einer Studie mit 380 Patienten und dem nur im Darm wirksamen Antibiotikum Rifaximin (Xifaxan®) belegt wurde. Gemessen wurde bei den Patienten die Zeit bis zum letzten ungeformten Stuhl (time to last unformed stool). Sie betrug bei Therapie mit täglich 600 mg des Antibiotikums 32,5 Stunden und bei Placebo 60 Stunden. "Gewonnen wird immerhin ein Tag mit Urlaubsqualität", sagte Weinke.

Einen idealen Impfstoff gibt es bisher nicht

An die Expositionsprophylaxe (cook it, peel it....) zum Schutz vor Durchfall halten sich nur wenige Reisende konsequent. Eine ideale Impfung gegen Reisedurchfall gibt es bisher nicht. So hat die Rotavirus-Vakzine zum Schutz von Kleinkindern vor Brechdurchfall für die Reisemedizin keine Bedeutung. Der Impfstoff gegen Cholera (Dukoral®) schützt jedoch auch zum Teil gegen ETEC, weil das Cholera-Toxin und das ETEC-Toxin sehr ähnlich sind. Die Vakzine ist daher in der Schweiz auch für diese Indikation zugelassen. Weinke empfiehlt den Schutz etwa für Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, bei denen Durchfall einen Schub auslösen könnte.

Vielversprechende Daten gibt es zu einem Impf-Pflaster: Dieses ist mit ETEC-Toxinen präpariert, die langsam in die Haut eindringen und dabei eine Immunreaktion auslösen. In einer Phase-II-Studie erhielten knapp 180 Reisende entweder zwei Impfungen mit einem wirkstoffhaltigen Pflaster oder mit einem Placebo-Pflaster, zwei bis drei Wochen vor Reisebeginn (Lancet 371, 2008, 2019). Das Ergebnis: Mit Placebo erkrankten 22 Prozent an Durchfall, davon 10 Prozent an ETEC. Mit der Vakzine bekamen nur 15 Prozent Durchfall, davon 5 Prozent durch ETEC.

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