Ärzte Zeitung online, 18.08.2009

Mit Sonnenstrahlen lässt sich in warmen Ländern ganz einfach Wasser entkeimen

Die UVA-Strahlung tötet pathogene Keime im verschmutzten Wasser ab. Mit dieser Methode lässt sich die Rate an Durchfallerkrankungen in tropischen und subtropischen Ländern erheblich reduzieren.

Von Ursula Armstrong

Mit Sonnenstrahlen lässt sich in warmen Ländern ganz einfach Wasser entkeimen

Foto: flucas©www.fotolia.de

Mineralwasser, Saft, Limonaden und sogar Bier werden in PET-Flaschen verkauft. Bei uns gibt es immer wieder Kritik an diesen Plastikflaschen. In tropischen und subtropischen Ländern aber sind die Flaschen aus Polyethylenterephthalat (PET) ein Segen, denn mit ihnen kann Trinkwasser einfach, schnell und billig desinfiziert werden.

SODIS (solar water disinfection, solare Trinkwasserdesinfektion) heißt diese Methode. Dabei werden durchsichtige PET-Flaschen mit verschmutztem Wasser gefüllt und für sechs Stunden waagerecht in die Sonne gelegt. Die UVA-Strahlung zerstört dabei die Hüllen von pathogenen Bakterien und Viren. Das funktioniert auch an leicht bewölkten Tagen. Dann müssen die Flaschen nur länger unter freien Himmel liegen, nämlich bis zu zwei Tage lang. Das Resultat ist trinkbares Wasser.

Die Methode entdeckte der Mikrobiologe Professor Aftim Acra aus dem Libanon bereits vor mehr als 20 Jahren. Während des libanesischen Bürgerkriegs legte er sich immer einen Notvorrat Leitungswasser in Plastikflaschen auf dem Balkon an. Da Acra um die Wasserqualität fürchtete, untersuchte er den Inhalt. Ergebnis: Die Keimbelastung nahm unter der heißen Sonne nicht etwa zu, sondern ab.

Eine derart einfache Methode, Trinkwasser zu desinfizieren, kann in den Tropen gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Denn mindestens ein Drittel der Bevölkerung in Entwicklungsländern hat keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Jedes Jahr kommt es deshalb zu etwa 4 Milliarden Durchfallerkrankungen. Davon führen 1,8 Millionen zum Tod, vor allem bei Kindern unter fünf Jahren. Dies bedeutet, dass jeden Tag 4500 Kinder an Diarrhö sterben, so das Schweizer Wasserforschungsinstitut Eawag in Dübendorf, wo SODIS seit 1991 intensiv in Labor- und Feldversuchen getestet und entwickelt wurde.

SODIS produziert demnach kein steriles Wasser. Doch pathogene, Durchfall erzeugende Keime werden abgetötet. Die Schweizer Forscher haben nachgewiesen, dass etwa E. coli, Cholera-Vibrionen, Shigellen, Salmonellen, Rotaviren, Aspergillus, Candida, Gardia und Cryptosporidien inaktiviert werden. "Die Laborexperimente zeigten eine effiziente Reduktion von E. coli durch SODIS, auch wenn das Rohwasser ursprünglich eine Kontamination von 10 000 bis 1 Million E. coli pro 100 ml enthielt", heißt es auf der Website. Diese Konzentrationen seien viel höher als sie normalerweise in natürlichen Gewässern gefunden würden.

Die Methode ist also sehr effizient. Sie wird deshalb von Hilfsorganisationen propagiert und inzwischen in vielen Entwicklungsländern eingesetzt. In den 90er Jahren haben irische Ärzte in einer Studie nachgewiesen, dass durch die solare Trinkwasserdesinfektion die Zahl der Durchfallerkrankungen in Kenia um 16 Prozent zurückgegangen sei, berichtet der Lions Club International. Auch in Bolivien lief eine Health-Impact-Studie (2004). Schweizer Tropenmediziner haben drei Jahre lang den Einfluss von SODIS auf mehr als 200 Kinder unter fünf Jahren beobachtet. Das Ergebnis: Die Durchfallrate wurde um mehr als 35 Prozent gesenkt.

Das Praktische an SODIS ist: Jeder kann damit einfach und fast kostenfrei Wasser desinfizieren. Und: SODIS tötet nicht nur die pathogenen Keime ab. Auch der Geschmack des Wassers bleibt frisch. SODIS-Trinkwasser schmeckt besser als abgekochtes Wasser.

Wasserdesinfektion auf Reisen

Für Reisende ist die solare Trinkwasserdesinfektion SODIS meist nicht geeignet. Abenteuer-Reisenden sollten andere Methoden empfohlen werden, etwa das Wasser abzukochen und mit unterschiedlichen Filtermedien zu filtrieren, so das Centrum für Reisemedizin (CRM) in Düsseldorf.

Außerdem kann das Wasser mit Jod, Chlor oder Silber entkeimt und konserviert werden. Voraussetzung ist dann die Verwendung von klarem Wasser oder die vorherige Filterung. Jod und Chlor wirken kurzzeitig keimabtötend, führen aber zu einer Geschmacksbeeinträchtigung des Wassers. Jodhaltige Mittel können zudem bei Personen mit Schilddrüsenerkrankungen bei längerem Gebrauch eine Schilddrüsenüberfunktion verursachen. Silber wirkt weniger desinfizierend, schützt aber durch seine bakteriostatische Wirkung bis zu 6 Monaten vor einer Wiederverkeimung des Wassers.

Da es mit chemischen Mitteln allein nicht gelingt, alle denkbaren Verunreinigungen zu beseitigen, rät das CRM zu einer Kombination von Filterung mit Abkochen oder Zusatz von desinfizierenden Chemikalien.

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