Ärzte Zeitung online, 08.04.2011

Resistenz-Gen NDM-1 auf dem Vormarsch

LONDON (dpa/eb). In öffentlichen Wasserstellen in Indien haben Forscher ein gefährliches Resistenz-Gen von Bakterien nachgewiesen. Erstmals konnten sie auch Cholera-Erreger nachweisen, die das Gen in sich tragen. Das Problem: Gegen Keime, die NDM-1 in sich tragen, sind die meisten Antibiotika machtlos.

Resistenz-Gen auf dem Vormarsch

NDM-1 ist nun auch in den Erregern für Ruhr und Cholera gefunden worden.

© dpa

Das Resistenz-Gen wurde in der Untersuchung in 20 Bakterienstämmen entdeckt - darunter elf, in denen es zuvor noch nicht gefunden worden war, berichtet das britisch-australische Forscherteam um den australischen Mikrobiologen Professor Timothy Walsh (The Lancet Infectious Diseases 2011, online).

Das Gen NDM-1, die Neu Delhi Metallo-Beta-Laktamase-1, sorgte im Sommer des vergangenen Jahres für Aufsehen. Forscher sprachen von dem neuen "Superkeim". Sie hatten damals gram-negative Enterobakterien (Escherichia coli und Klebsiella pneumoniae) in ersten Isolaten aus Indien nachgewiesen, die gegen die meisten hochwirksamen Antibiotika resistent sind. Tigecyclin und Colistin sind die Ausnahmen.

"Besorgniserregendes Potenzial"

Das Forscherteam um Walsh hat sich Ende des vergangenen Jahres erneut nach Neu Dehli aufgemacht, um Proben aus Sickergrupen und dem Trinkwasser zu untersuchen. Ihr Resultat: In 51 von 171 Sickerwasserproben und in 2 der 50 Trinkwasserproben konnten sie das Gen mittels PCR-Test nachweisen. Die Kontrollproben, die sie im britischen Cardiff genommen hatten, waren alle negativ.

Zum ersten Mal hätten sie NDM-1 außerdem in 11 neuen Bakterienstämmen nachgewiesen, schreiben die Wissenschaftler. Darunter waren etwa der Bakterienruhr-Erreger Shigella boydii und der Choleraerreger Vibrio cholerae.

Die Daten würden das "besorgniserregende Potenzial für eine umfassende Ausbreitung von NDM-1 in der Umwelt" deutlich aufzeigen, schreibt Dr. Mohammad Shahid von der indischen Aligarh Muslim Universität in einem Kommentar des Journals.

Die Forscher fanden zudem heraus, dass Plasmide mit dem Gen vor allem bei Temperaturen von 30 Grad Celsius von anderen Bakterien aufgenommen werden.

Weil die Menschen in Indien nur schwer an sauberes Wasser und saubere Toiletten gelangen, sei die Gefahr besonders groß, dass sich dort das Resistenz-Gen weiter verbreitet. "Die Oral-fäkale Übertragung von Bakterien ist ein weltweites Problem, aber das potenzielle Risiko dafür schwankt mit den sanitären Standards."

Erreger auch in westlichen Ländern gefunden

Die Erreger waren zunächst vor allem in Indien und Pakistan aufgetaucht, wurden aber auch schon in Europa nachgewiesen und auch in China. Mit zum Teil fatalen Folgen: In Belgien starb im August 2008 ein Mann am "Super-Bakterium".

Durch Urlauber, aber auch durch Medizintouristen, die wegen Schönheitsoperationen nach Indien reisen, können die multiresistenten Keime weltweit verbreitet werden. Das Robert Koch-Institut (RKI) schätzt, dass NDM-1-Resistenzen in Deutschland bislang sehr selten sind.

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