Samstag, 1. November 2014
Ärzte Zeitung online, 29.05.2011

Immer mehr EHEC-Fälle

Der gefährliche EHEC-Erreger hält Deutschland weiter in Atem: Am Samstag stieg die Zahl der Erkrankungs- und Verdachtsfälle auf über 1000, auch aus dem Ausland werden immer mehr Fälle gemeldet. Bislang sind zehn Menschen an den Folgen gestorben. Ärzte geben keine Entwarnung.

Keine Entwarnung vor EHEC

Fotogene EHEC: Unter dem Elektronenmikroskop erkennt man ihre Gefährlichkeit nicht. Von dem jüngsten Ausbruch sind womöglich über 1000 Menschen betroffen.

© HZI / dpa

NEU-ISENBURG (nös). Am Donnerstag gab es das erste Mal Licht am Ende des Tunnels: Nach den massenhaften Infektionen mit enterohämorrhagischen Escherichia coli, kurz EHEC, fanden die Behörden eine erste Infektionsquelle. Zeitgleich konnten Forscher den genauen Erregertyp identifizieren.

Es schien, als sei nun bald der Zenit dieser Erkrankungswelle überstanden. Verbraucher würden jetzt gewisse Lebensmittel meiden, die Zahl der Neuerkrankungen würde schließlich sinken.

Doch die Rechnung macht in diesem Fall nicht der "Wirt" sondern der Erreger. Und der scheint sich weiter auszubreiten. Das Problem ist schlicht: Zwischen dem Zeitpunkt einer Infektion und den ersten, teils gravierenden Symptomen können Tage vergehen, in manchen Fällen mehr als eine Woche.

Und so stieg die Zahl der bestätigten EHEC-Fälle und der Fälle, in denen zumindest ein Verdacht besteht, am Samstag binnen einer Woche auf über 1000.

Zum Vergleich: Pro Jahr registriert das Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin "nur" rund 900 Fälle. Krisenherd ist nach wie vor Norddeutschland, obwohl jetzt alle 16 Bundesländer Infektionsfälle gemeldet haben.

Was aber noch tragischer ist: Auch die Zahl der Todesfälle stieg indes. Am Samstag wurden zunächst drei weitere, dann am Abend der vierte Todesfall bestätigt. Die Zahl der offiziell gemeldeten Todesopfer stieg damit auf zehn.

Eine 87-jährige Frau starb in der Nacht zum Samstag am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Insgesamt drei weitere Todesfälle wurden aus Schleswig-Holstein gemeldet: eine 84-Jährige im Kreis Herzogtum Lauenburg und eine 86-Jährige in Lübek. Eine 38 Jahre alte Frau in Kiel starb bereits am Donnerstag. Alle litten an der schweren Komplikation, dem hämolytisch-uramischen Syndrom (HUS). Viele Erkrankte schweben in Lebensgefahr.

Das RKI sprach am Freitagmorgen von 276 bestätigten HUS-Fällen in der Republik. Auch hier zum Vergleich: Im Gesamtjahr erkranken im Schnitt gerade einmal rund 60 Menschen an der schweren Komplikation. RKI-Chef Professor Reinhard Burger sagte denn auch: "Der Ausbruch ist noch nicht vorüber."

Ein Sprecher von Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) schloss sich am Samstag der Warnung an: "Es sind weitere Fälle zu befürchten."

Die Zahl der HUS-Fälle dürfte bereits die Marke von 300 überschritten haben. Die meisten Bundesländer melden inzwischen EHEC-Infektionen und Fälle von HUS.

"Wir müssen davon ausgehen, dass die Zahl der Schwererkrankten noch weiter steigt", sagte ein Sprecher des niedersächsischen Sozialministeriums. Das Bundesland zählt 141 bestätigte EHEC-Fälle, 48 Verdachtsfälle und 42 HUS-Fälle.

Im nördlichsten Bundesland Schleswig-Holstein hat sich die Zahl der gemeldeten EHEC-Fälle am Freitag nahezu verdoppelt. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums stieg sie seit Donnerstag von 109 auf 248 Fälle am Samstag. Die Zahl der Erkrankten mit HUS stieg von 30 auf 73.

In Hamburg sieht die Lage nicht weniger schwierig aus. Dort sind mehr als 400 Menschen mit EHEC infiziert. Allein am UKE wurden 300 Verdachtsfälle untersucht, bei den meisten mit positivem Ergebnis. An der Uniklinik wurden bis Freitag 65 HUS-Patienten behandelt. Die Zahl der in Hamburg gemeldeten HUS-Fälle stieg inzwischen auf insgesamt 91.

Das UKE warnte nun vor einem Engpass bei Plasma und rief zu Blutspenden auf. Für die Standardtherapie bei HUS wird die Plasmapherese eingesetzt. Die Kliniken verwenden dazu gefrorenes Frischplasma (FFP). Pro Patient und Therapie wird Plasma von mindestens einem halben Dutzend Spendern benötigt.

Allein am UKE werden derzeit täglich 500 Beutel verbraucht. Die Reserven hielten zwar noch einige Wochen stand, erklärte die Klinik. "Allerdings zehrt das UKE die Vorräte auf, sodass in wenigen Wochen mit einem deutlichen Engpass zu rechnen ist."

Die Hansestadt spricht mittlerweile von einer Überlastung der Kliniken. Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) sagte: "Es ist offensichtlich, dass wir auf Kapazitäten in anderen Bundesländern zurückgreifen müssen." Erste Patienten wurden bereits nach Niedersachsen verlegt.

Eine neue Hoffnung in der Therapie kam indes aus Heidelberg. Ärzte und Forscher der Uniklinik haben mit internationalen Kollegen über den Einsatz des Antikörpers Eculizumab bei HUS berichtet - mit "dramatischem Erfolg", wie sie es nannten. Erste Kliniken in der Republik setzten den Wirkstoff nun ein.

Unterdessen hat sich der EHEC-Erreger ins Ausland ausgebreitet. War die Infektionswelle bis zur Wochenmitte noch ein rein auf Deutschland begrenztes Geschehen, melden nun immer mehr Nachbarstaaten Erkrankungsfälle.

Schweden hat den Darmkeim bisher bei 25 Erkrankten nachgewiesen. In Dänemark sind sieben Menschen betroffen, in Großbritannien drei, in Österreich zwei und in den Niederlanden eine.

Die meisten Betroffenen waren kurz zuvor allerdings in Deutschland zu Besuch, vorwiegend in den norddeutschen Bundesländern.

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