Sonntag, 23. November 2014
Ärzte Zeitung online, 04.06.2011

EHEC und das RKI - Behörde in der Kritik

Seit mehr als zwei Wochen kämpft die Republik mit dem gefährlichen EHEC-Keim. Eine Ursache ist bislang nicht gefunden - ein idealer Nährboden für teils schräge Theorien und Kritik. Deutschlands oberste Seuchenbekämpfer rücken in die Schusslinie und das Gerücht eines Terroranschlags macht die Runde.

EHEC und das RKI - Behörde in der Kritik

Das RKI in Berlin - im Fokus der Kritiker.

© dpa

BERLIN (nös). Deutschlandweit sind hunderte Menschen mit dem enterohämorrhagischen Escherichia coli (EHEC) infiziert, hunderte sind schwer erkrankt. Während die Ärzte kräftezehrend um das Leben ihrer Patienten kämpfen, rückt die oberste Seuchenkontrollbehörde, das Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin zunehmend in die Kritik.

Die Vorwürfe sind iterierend und oft ähnlich: Die Behörde habe zu langsam reagiert, sie habe die falsche Strategie verfolgt. Der jüngste Vorwurf: Das RKI habe sich zu früh auf Gemüse als Übertragungsweg festgelegt.

Und diese Kritik kommt offenbar aus dem Institut selbst. Nach einem Bericht des Nachrichtenmagazins "Focus" wird die "frühe Festlegung auf Gemüse als einzig wahrscheinlichen Überträger" nun sogar innerhalb der Behörde kritisiert. Fleischprodukte - sie sind bekannte Übertragungswege für EHEC - müssten durchaus als Quellen in Betracht gezogen werden.

Doch das RKI kann sich auf der sicheren Seite wähnen. Erst am Freitag hat es neue Zahlen aus einer Fall-Kontroll-Studie veröffentlicht. Das Ergebnis: Die Erkrankten haben deutlich häufiger Salat, Tomaten und Gurken gegessen als Gesunde.

Befragt hat die Behörde 46 Patienten aus Hamburg, Bremen und Lübeck nach dem, was sie vor der Erkrankung gegessen hatten. Die Befragten waren entweder an dem hämolytisch-urämischen Syndrom, kurz HUS, erkrankt oder mit EHEC infiziert.

Zum Vergleich befragten die Epidemiologen eine Kontrollgruppe aus 2100 gesunden Menschen - Geschlecht, Altersgruppe und Wohnregion waren identisch.

Und die Ergebnisse sprechen für die Gemüse-Hypothese des RKI: Während 84 Prozent der Erkrankten zuvor Salat gegessen hatten, waren es in der Kontrollgruppe nur 47 Prozent. Bei den Gurken ist der Unterschied mit 74 versus 50 Prozent ebenso ähnlich wie bei den Tomaten mit 80 versus 63 Prozent. Summa summarum hatten laut RKI 95 Prozent aller Erkrankten zuvor eines dieser drei abgefragten Gemüse gegessen.

Zusammengefasst und statistisch ausgewertet folgert das RKI, "dass der Verzehr von rohen Tomaten, Gurken und Blattsalaten weiterhin signifikant mit der HUS-Erkrankung assoziiert ist".

Doch die Kritiker lassen nicht locker. Weiterer Angriffspunkt ist die Schnelligkeit. Als namhafter Kritiker trat am Samstag der ärztliche Direktor der Berliner Charité, Professor Ulrich Frei, auf den Plan.

Im "Tagesspiegel" kritisierte er direkt die Arbeit des RKI am Beispiel der jüngst an die Kliniken versendeten Fragebögen. "Das reicht nicht", sagte Frei. "Man hätte die Patienten interviewen sollen." Es mache ihn "unruhig", dass "wir außer den verdächtigen Gurken aus Spanien noch immer keinen Hinweis auf die originäre Erregerquelle haben".

Es sei für ihn nicht erkennbar, woran das Robert Koch-Institut derzeit arbeite, kritisierte Frei. "Wir brauchen eine bessere Informationspolitik."

Das Institut wies diese Vorwürfe gegenüber dem "Tagesspiegel" zurück. Man habe zügig gehandelt, sagte RKI-Sprecherin Susanne Glasmacher. Das Bundesgesundheitsministerium nahm die Behörde gegenüber dem Blatt ebenfalls in Schutz: Die Behörden hätten sehr schnell gehandelt und arbeiteten eng verzahnt, sagte ein Sprecher.

Doch die Kritik des späten Handelns hat sich offenbar festgesetzt. Gegenüber dem "Focus" beklagte der Hallenser Mikrobiologe Professor Alexander Kekulé "ein möglicherweise zu spätes Handeln".

Gerade in dem Krisenherd Hamburg hätte "nach der Häufung von Erkrankungen" in der zweiten Maiwoche" eine "konzertierte Aktion aller Behörden erfolgen" müssen".

Unterschlagen wird jedoch, dass Experten des RKI gemeinsam mit den lokalen Behörden kurz nach den ersten Fällen in der Hansestadt erste Untersuchungen eingeleitet hatten.

Aber auch von der ärztlichen Basis wurde jüngst Kritik an der Arbeit des Instituts laut. Im "Weser-Kurier" äußerte ein Arzt Zweifel an der Strategie des Instituts. Die Ärzte im Norden seien "sehr unzufrieden" und forderten "mehr Effektivität".

Und weiter: "Das Robert-Koch-Institut ist eine große Behörde, in der sicherlich sehr fleißig gearbeitet wird. Aber die müssen noch fleißiger arbeiten." Nötig seien vor allem Befragungen von erkrankten Personen, die außerhalb Norddeutschlands wohnen.

RKI-Sprecherin Glasmacher verwies gegenüber der "Ärzte Zeitung" auf die laufenden Befragungen: "Das RKI befragt natürlich auch Personen außerhalb Norddeutschland, wir gehen auch Ausbrüchen außerhalb Norddeutschlands nach."

Unterdessen macht das Gerücht eines möglichen Terroranschlags die Runde. "Es kann durchaus sein, dass ein Schwachkopf unterwegs ist und denkt, ich bringe mal ein paar Leute um oder verpasse 10.000 Leuten Durchfälle", sagte Dr. Klaus-Dieter Zastrow der Nachrichtenagentur dapd.

Zastrow ist Chefarzt am Vivantes Klinikum in Berlin und Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene. "Das aus dem Blickfeld zu nehmen, halte ich für einen Fehler und geradezu fahrlässig", so Zastrow weiter. "Wenn wir es jetzt mit einem völlig neuen Keim zu tun haben, muss man auch fragen, woher er kommt."

Mikrobiologen und Genetiker hatten jüngst das Genom des derzeit zirkulierenden EHEC-Keim analysiert. Sie fanden eine sehr seltene Form, die bislang noch nicht mit einem größeren Ausbruch in Verbindung gebracht wurde und eine Chimäre aus zwei verschiedenen Escherchia Coli zu sein scheint.

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[07.06.2011, 14:44:39]
Dr. Joachim Malinowski 
Befragung der Patienten...--- weitere Ursachenforschung
"...Befragt hat die Behörde 46 Patienten aus Hamburg, Bremen und Lübeck nach dem, was sie vor der Erkrankung gegessen hatten..."
"...um Vergleich befragten die Epidemiologen eine Kontrollgruppe aus 2100 gesunden Menschen - Geschlecht, Altersgruppe und Wohnregion waren identisch..."

Und ich dachte immer, dass es üblich und lege artis sei, grundsätzlich alle Opfer zu befragen, solange diese noch leben und vor allem solange man die Quelle noch nicht sicher gefunden hat!

Haben die Opfer denn n u r Gemüse und keine anderen Lebensmittel dazu gegessen? Wäre doch ganz schön untypisch für Deutsche, dass diese kein Fleisch oder Nachtisch oder Getränke zum Mittag etc. zu sich nehmen.

Tja, und dann ist da immer auch noch die Möglichkeit eines "bewußten" oder fahrlässigen Ausbringens eines Keims, was man eben nicht(!) so einfach unter den Tisch kehren kann. Unser TV ist voll von solchen Schreckens-Szenarien, was widerum die Phantasie einiger Biokrimineller angeregt haben kann.

Es wäre ein Fehler, sich alle Terroristen als "dumm und ungebildet" vorzustellen. Wie am Anschlag vom 11.Sept. gesehen werden konnte, hatten diese Terroristen einen Pilotenschein, kannten sich im Flugverkehrwesen aus etc., was so gar nicht nach "ungebildet" klingt.

Genausogut könnten sie/jemand über detaillierte mikrobiologische Kenntnisse verfügen. Neue Keime kann man schließlich in jeder privaten "Küche" ohne allzu große Gerätschaften züchten, wie jeder Mikrobiologe weiß. Die Reinheit dieses neuen Erregers muss stark zu denken geben. Ein Gemisch von Durchfallerregern wäre leichter als "natürliches Phänomen" zu verstehen.

In jedem Fall wäre es schön, wenn endlich valide Ergebnisse auf den Tisch kommen, auch wenn es den bis dato Verstorbenen nicht mehr helfen kann.

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