Ärzte Zeitung online, 05.10.2012

Gastroenteritis

Erdbeeren und die dritte Welle

Die Quelle scheint gefunden: Erdbeeren sollen die Welle von Brechdurchfällen im Osten ausgelöst haben. Der Caterer, der die Tiefkühlfrüchte verarbeitet hat, vollzieht derweil eine bemerkenswerte Wende.

Droht eine dritte Welle?

Erbrechen: In Sachsen gibt es neue Gastroenteritis-Fälle.

© Sven Simon / imago

BERLIN (nös). Krankmachendes Kompott zum Nachtisch: Tiefgekühlte Erdbeeren könnten die Ursache für die Gastroenteritis-Epidemie in Ostdeutschland gewesen sein.

Darauf deuten zumindest epidemiologische Untersuchungen und Rückverfolgungen von Lebensmitteln hin. Zudem verdichten sich die Hinweise, dass Noroviren die Erkrankungswelle ausgelöst haben könnten.

Allerdings fehlen bislang ausreichend harte mikrobiologische Nachweise - sowohl was den Erreger betrifft, als auch die Erdbeeren. Offen ist außerdem, ob die Epidemie bereits überstanden ist: Aus Sachsen wurden am Freitag neue Fälle gemeldet.

Seit dem 25. September ist im Osten der Republik die Zahl akuter Gastroenteritiden sprunghaft angestiegen. Bis Freitag wurden 11.200 Erkrankungen aus 497 Kindergärten und Schulen gemeldet. Betroffen sind alle ostdeutschen Bundesländer mit Ausnahme von Mecklenburg-Vorpommern.

Das Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin spricht von dem "mit Abstand größten bekannten lebensmittelbedingten Ausbruch in Deutschland". Relativ rasch war für die Lebensmittelfahnder klar, dass die Erkrankungen mit Mensa- und Kantinenessen in Verbindung stehen.

Fast alle betroffenen Einrichtungen hatten ihre Mahlzeiten von Großküchen des Cateringunternehmens Sodexo erhalten. Das Unternehmen hat inzwischen angekündigt, die Erkrankten entschädigen zu wollen.

Grießbrei mit Erdbeeren, Kirschen, Zucker und Zimt

Federführend bei den Ermittlungen ist die Task-Force aus Bund und Ländern am Bundesinstitut für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), eingebunden ist auch das RKI. Dessen Epidemiologen hatten vergangene Woche mit den Gesundheitsämtern vor Ort Fall-Kontroll-Studien gestartet.

An zwei Gymnasien in Sachsen und Thüringen, an einer Schule in Berlin-Steglitz und in mehreren Berliner Kindergärten hatten die Seuchenfahnder die Menüs von Erkrankten mit denen von Gesunden verglichen.

Während in Berlin in der vergangenen Woche schon die Herbstferien begonnen hatten, waren die Schulen in Thüringen und Sachsen noch geöffnet. Dort konnten die RKI-Experten Lehrer und Schüler, kranke wie gesunde, direkt befragen.

Bereits an dem sächsischen Gymnasium war das Ergebnis deutlich: Von den Erkrankten hatten am 24. September, einem Montag, deutlich mehr "Grießbrei mit Erdbeerkompott und Kirschen, dazu Zucker und Zimt" gegessen - die Odds ratio (OR) ergab ein 2,2-fach erhöhtes Erkrankungsrisiko (p=0,07).

Eine Befragung weiterer Schüler am folgenden Tag ergab ein 8,2-fach erhöhtes Risiko für Erdbeerkompott (p=0,01).

Noch deutlicher war die Auswertung der Fragebögen von den Thüringer Gymnasiasten: Auch dort stand an dem besagten Montag Erdbeerkompott auf dem Speiseplan. Wer ihn aß, hatte ein 24-fach erhöhtes Gastroenteritis-Risiko (p<0,01).

Untermauert wurden diese Ergebnisse durch zwei Studien in Berlin - einer E-Mail-Befragung von Schülern einer Steglitzer Oberschule und einer Telefonbefragung von 29 Kindergärten.

Mitarbeiter beim Hersteller erkrankt

In beiden Untersuchungen ergab sich für Erdbeerkompott ein deutlich höheres Erkrankungsrisiko: 26-fach an der Oberschule und 11,5-fach bei den Kindergärten.

Mit der Kita-Untersuchung konnten die RKI-Experten außerdem ein unterschiedliches Risiko zwischen erhitzten und unerhitzten Erdbeeren errechnen (OR 5,4 versus 11,5) - ein Ergebnis, das auf hitzeinstabile Erreger oder Toxine hindeutet, etwa Noroviren.

Fast alle der betroffenen knapp 500 Betreuungseinrichtungen sollen ihr Essen von Sodexo erhalten haben. Das Unternehmen besitzt allein in Ostdeutschland 40 Regionalküchen, von mindestens zehn sollen die Schulen und Kitas beliefert worden sein.

Die Tiefkühlerdbeeren wurden nach Angaben der Task-Force von einem einzigen Lieferanten in Sachsen an die Küchen geliefert. Betroffen ist offenbar nur eine Charge.

Ein Teil davon ging noch an zwei weitere Caterer. Auch bei deren Kunden soll es Erkrankungsfälle gegeben haben. Die restliche Ware der betroffenen Charge wurde zwischenzeitlich zurückgerufen.

Seit Ende der Woche erhärten sich außerdem die Hinweise, dass Noroviren die Erreger des Ausbruchs sein könnten. Die Task-Force-Experten beim BVL sprechen davon, dass die Viren "bei einem beträchtlichen Teil der Patienten" nachgewiesen wurden.

Auch Mitarbeiter des Caterers Sodexo sollen an Norovirus-Gastroenteritiden erkrankt gewesen sein. Das Problem: Sämtliche Laboruntersuchungen von Rückstellproben - etliche Hundert - waren bis zum Wochenende negativ.

Die Experten hoffen nun auf weitere Proben. Allerdings ist die Goldstandard-Diagnostik mittels Reverse-Transkriptase-PCR (RT-PCR) entsprechend aufwändig. Ergebnisse werden erst im Laufe der Woche erwartet.

Neue Fallmeldungen aus Sachsen

Für Noroviren spricht allerdings das Krankheitsbild. Das RKI spricht von schnellen Krankheitsbeginnen und kurzen Verläufen.

Die Inkubationszeit bei Norovirus-Infektionen liegt üblicherweise zwischen sechs Stunden und etwa zwei Tagen, nach ein bis drei Tagen lassen die klinischen Symptome bereits wieder nach.

Beides trifft ähnlich allerdings auch für toxinbildende Bakterien zu, etwa Bacillus cereus oder Staphylococcus aureus. Für Noroviren hingegen würde eine deutliche Zahl von Sekundärinfektionen sprechen.

Etwa hundert dieser Fälle wurden bis Freitag aus Sachsen gemeldet. Dort scheint der Ausbruch außerdem längst nicht vorüber zu sein.

Anfang der Woche hieß es zunächst, die Epidemie könnte überstanden sein. Die meisten Meldungen waren damals Nachmeldungen von dem Höhepunkt der Erkrankungswelle zwischen 25. und 28. September.

Ab Donnerstag jedoch wurden aus Sachsen 220 neue Fälle aus 10 weiteren Einrichtungen gemeldet. Die Neuerkrankungen sollen bereits am Mittwoch (3. Oktober) aufgetreten sein und deuten laut RKI darauf hin, "dass dort der Ausbruch nicht vorüber ist".

Noroviren verursachen allerdings jedes Jahr ein großes Hintergrundrauschen, allein im vergangenen Jahr wurden dem RKI über 110.000 Fälle gemeldet. Jahreszeitliche Höhepunkte sind die Wintermonate am Jahresanfang und Jahresende.

Im Jahr 2010 etwa verzeichnete das RKI in einer einzigen Februarwoche über 9000 Erkrankungen. Daher bleibt die Frage offen, ob die "dritte Welle" in Sachsen in einem direkten Zusammenhang mit den mutmaßlich verunreinigten Tiefkühlerdbeeren steht, oder ob es sich dabei um einen separaten Ausbruch handelt.

Der Caterer Sodexo zeigte sich derweil bestürzt über den "Sachverhalt" und bat die Betroffenen um Entschuldigung. Das Rüsselsheimer Unternehmen kündigte eine Entschädigung für die "Unannehmlichkeiten an", nannte aber keine Details.

Bemerkenswert ist die Kehrtwende in der Kommunikation: Noch vor gut einer Woche, kurz nach Beginn der Epidemie, wies das Unternehmen eine Verantwortung für die Erkrankungen von sich. Untersuchungen hätten keine Hinweise ergeben, dass die Fälle mit Sodexo-Produkten zusammenhängen, hieß es damals.

Jetzt will das Unternehmen davon nichts mehr wissen: Schon nach den ersten Meldungen sei man "durch firmeninterne Ermittlungen" aufgefallen, "dass Tiefkühlerdbeeren zusammen mit anderen Lebensmitteln als mögliche Ursache in Betracht kommen", heißt es in einer Mitteilung von Freitag.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Gut gemacht, Gesundheitsdienst

[16.10.2012, 19:08:28]
Dr. Horst Grünwoldt 
Über dem Volk
Sehr geehrter Herr Prof. Gottschalk!
Ihre epidemiologischen Verdienste als ärztlicher Mitarbeiter des Frankfurter Gesundheitsamtes, insbesondere als Influenza-Experte, sind mir bekannt. Sie sollten aber nicht einen Facharzt für Allgemeinmedizin (FAfAM), den durch seine tägliche Praxis und profunden Kommentare medizinisch höchst kompetenten Dr. Schätzler aus Dortmund, als ahnungslos auf dem Gebiet der "Gefahr über dem Volk" (Epidemiologie oder "Seuchenlehre") erklären.
Wer sonst, als ein erfahrener Allgemeinmediziner, hat jeden Tag Gelegenheit festzustellen, welche Bedeutung tatsächlich Infektions-Krankheiten im aktuellen Gesundheitsgeschehen und unter seinem "Patientengut" haben.
Wenn das RKI im Falle des "Ausbruchs" (der Feststellung!) von ansteckenden Brech-Durchfall-Krankheiten in gehäufter Fallzahl berichtet, so ist natürlich vor dem rohen Verzehr von tierischen, leicht verderblichen Lebensmitteln als optimaler bakteriologischer Nährboden angemessen zu warnen.
Gleichzeitig aber, wie beim EHEC-Gurken/Sprossen-Skandal auch wieder das Pasteurisieren von Obst und Gemüse aus "epidemilogischen" Gründen öffentlich zu fordern, geht an jeder infektiologischen Realität vorbei und malt nur wichtigtuerisch den "unsichtbaren Feind" an die Wand.
Schließlich können die wertvollen Vegetabilien nicht "in-fiziert", sondern lediglich und zufällig mit allem Möglichen äußerlich kontaminiert sein. Da hilft tatsächlich die hygienische Küchenbehandlung mit der äußerlichen Auqua-fontana-Behandlung oder dem Schälen zur Schonung der vitaminreichen Früchte. Und das gilt sogar für den "Seuchenkampf" gegen den Fuchsbandwurm, dessen infektiösen Körperteil man abspülen kann, ohne die leckeren Heidelbeeren durch Hitzebehandlung zu denaturieren.
Wie Sie wissen, hatten wir auf Grund von wiederholt absurden "Pandemie"-Warnungen ja erst einen großen Impf-(stoff)Skandal, für den vor allem auch unsere epidemiologischen Bundesoberbehörden -wie das RKI- als fachliche Regierungsberater mitverantwortlich, -aber nicht regreßpflichtig-, gewesen sind.
Denn wer vor dem Schlimmsten warnt, ist bekanntlich immer fein raus!
Daraus sollten auch die verantwortlichen Bundes-Experten lernen, die das Privileg haben, ohne epidemiologische Risiken im Warmen und Trockenen ihre Befunde wirklichkeitsnah zu interpretieren.
Dr. med.vet. Horst Grünwoldt (FTA für Hygiene und Mikrobiologie), Rostock (früher Frankfurt a.M.) zum Beitrag »
[08.10.2012, 21:24:11]
Prof. Dr. Dr. Rene Gottschalk 
Zum Kommentar von Herrn Dr. Schätzler
Es ist schlimm, dass auch Kollegen, die keine tiefgreifende Ahnung von Epidemiologie haben, sich bemüßigt fühlen, solche Kommentare abzugeben.
Oder wie sagte G. C. Lichtenberg: "Jeder Fehler erscheint unglaublich dumm, wenn andere ihn begehen."

Die Arbeit des RKI‘s zur Aufdeckung dieser Epidemie war und ist hervorragend!
Prof. Dr. Dr. R. Gottschalk

PS: Die Abkürzung "FAfAM" ist mir nicht geläufig!





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[07.10.2012, 13:26:40]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Die "Gurkentruppe" meldet sich zurück
Die Task-Force aus Bund und Ländern im Bundesinstitut für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) macht gemeinsam mit den RKI-Experten vermutlich ähnliche Fehler wie bei der EHEC-Krise 2011. Da es bisher keine handfesten infektiologischen Nachweise bei Laboruntersuchungen von Hunderten von Rückstellproben gab, verlegt man sich auf statistische Wahrscheinlichkeiten bei der Rückverfolgung möglicher Krankheitsursachen und Infektionswege.

Persönliche-, telefonische- oder E-Mail-Befragungen beruhen auch bei sorgfältiger Fall-Kontroll-Studie auf einer entscheidenden Irrtumswahrscheinlichkeit in Folge retrospektiver Fehlannahme ("bias"): Wer bei hoffentlich gut überstandener akuter Gastroenteritis-Epidemie nach dem Genuss von aus China importierten Tiefkühl-Erdbeeren gefragt wird, ist eher geneigt dies zu bejahen, als jemand, der dasselbe gegessen hatte und n i c h t erkrankte. Ebenso würden bei Befragungen Nichterkrankte die Einhaltung persönlicher und sozialer Hygiene-Regeln eher behaupten, als akut Erkrankte nicht doch Hygiene-Fehler mit möglicher Schmutz- und Schmierinfektion einräumen würden.

Beim letztjährigen EHEC-Wirrwarr waren es erst Gurken, dann Salat, Gemüse und Sprossen, die massenweise unverkauft vernichtet werden mussten, bis sich ägyptischer Bockshornkleesamen als wahrscheinlicher Übeltäter entpuppte. Medial weitgehend unbemerkt blieb, dass schon länger bis 2010 jährlich ca. 900 EHEC-Infektionen als "Grundrauschen" gemeldet werden. 2011 wurde dann von knapp 5.000 EHEC-Fällen berichtet. In wesentlich höherer Inzidenz und Prävalenz gehören auch ubiquitäre Norovirus-Infektionen zum Alltagsgeschäft in der allgemein- und hausärztlichen Praxis.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) macht im aktuellen Merkblatt zu EHEC unter
http://www.bfr.bund.de/cm/350/verbrauchertipps-schutz-vor-infektionen-mit-enterohaemorrhagischen-e-coli-ehec.pdf
präventiv deutlich, dass (Roh-)Milch, Mett(-Wurst), Tatar, Obst, Gemüse, Salat und vor allen Dingen Sprossen n i c h t genossen werden dürfen, wenn Alles nicht zuvor m i n d e s t e n s pasteurisiert wurde.

Da kann man wirklich nur noch versuchen, krumme Gurken gerade zu biegen.
Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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