Ärzte Zeitung, 20.11.2015

Alarm im Darm

Antibiotika auf Fernreisen fördern Problemkeime

Unsachgemäßer Gebrauch von Antibiotika begünstigt resistente Keime. Besonders auch bei Fernreisen ist die Anwendung sorgfältig zu erwägen. Denn die Arzneien können Problemkeimen erst den Weg in den Darm der Reisenden ebnen.

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Darminfektion im Modell: Ist die Darmflora durch Antibiotika geschädigt, dann können sich Problemkeime einfacher ausbreiten.

© Sebastian Kaulitzki / fotolia.com

DÜSSELDORF. Die zunehmende Verbreitung von Keimen, die unempfindlich gegen gängige Antibiotika sind, gehört zu den größten globalen Herausforderungen in der Medizin. Auch mit dem weltweiten Tourismus werden multiresistente Erreger verbreitet.

Verschiedene Studien haben gezeigt, dass zwischen 20 und 30 Prozent der Reisenden, die ein Land mit geringem Hygienestandard besuchen, im Anschluss mit multiresistenten Darmkeimen in die Heimat zurückkehren.

Das Risiko erhöht sich noch, wenn Reisende ein Antibiotikum einnehmen. Reisende sollten im Umgang mit Antibiotika deshalb besonders sorgsam sein, teilt das CRM Centrum für Reisemedizin anlässlich des Europäischen Antibiotikatages am 18. November mit.

Befall durch geschädigte Darmflora

Eine aktuelle finnische Studie hat ergeben: Jeder fünfte Tourist, der Länder mit niedrigen Hygienestandards bereist, kehrt mit multiresistenten ESBL-bildenden Darmkeimen in die Heimat zurück (Clinical Infectious Disease 2015, 60: 837).

Das Risiko dafür stieg, wenn die Urlauber unterwegs an Reisedurchfall erkrankt waren und erhöhte sich noch einmal deutlich, wenn der Reisende ein Antibiotikum eingenommen hatte, zeigt die Untersuchung.

Je nach Reiseland waren bis zu 80 Prozent der Urlauber, die unterwegs Antibiotika eingenommen hatten, im Anschluss mit multiresistenten Darmbakterien besiedelt. Der Grund: Die Antiinfektiva schädigen die Darmflora, Bakterien können sich leichter ansiedeln und ausbreiten.

Nicht vollständig geklärt ist, wie die Keime auf Reisende übertragen werden. Sie bleiben jedoch mitunter länger als ein halbes Jahr im Darm der Betroffenen nachweisbar.

"Antibiotika-resistente Bakterien müssen nicht notwendigerweise krank machen, die Träger selbst entwickeln oft keinerlei Symptome", sagt Professor Tomas Jelinek, Wissenschaftlicher Leiter des CRM.

Risiko für geschwächte Personen

Multiresistente Erreger werden jedoch zu einem großen Problem, wenn sie auf geschwächte Personen treffen. Dann können sie verschiedene Infektionen auslösen, die wegen der Resistenz des Keims nur schwer zu behandeln sind.

Ärzte um den Tropenmediziner Dr. Christoph Lübber von der Uniklinik Leipzig empfehlen daher ein systematisches Aufnahmescreening in Krankenhäusern für ESBL-bildende Bakterien bei Patienten, die in den letzten sechs Monaten in Indien oder Südostasien waren.

Dem Risiko einer unbeÜbertragung lasse sich so wirksam vorbeugen. Gleichzeitig sei eine vorsorgliche Isolierung bis zum Vorliegen der Untersuchungsergebnisse zu empfehlen.

Darüber hinaus sei ein Screening für Beschäftigte in der Lebensmittelindustrie und Gastronomie nach solchen Reisen zu erwägen, so das Ärzteteam in einer Mitteilung.

"Mit Antibiotika sollte jeder, und gerade auch Reisende, sehr gewissenhaft umgehen", betont Jelinek. Sehr häufig sei die Einnahme unnötig - etwa bei normalem Durchfall.

Reisenden ist einzuschärfen: Wenn Antibiotika eingenommen werden, dann sollte zuvor möglichst ein Arzt oder eine Klinik, die nach westlichem Standard behandeln, konsultiert werden.

Wichtig sei auch, sich genau das Medikament nicht etwa früher abzusetzen, auch wenn die Erkrankung bereits abgeklungen ist.

Problem: Gefälschte Arzneien

Dass multiresistente Keime gerade in Indien, Südostasien, Afrika sowie Mittel- und Südamerika so weit verbreitet sind, ist oft Folge von fehlenden Regulierungen der Arzneimittelmärkte.

Dadurch werden Antibiotika in vielen Ländern unkontrolliert verbreitet. "Zudem gibt es in Schwellen- und Entwicklungsländern häufig das Problem von Arzneimittelfälschungen", so Jelinek.

Nachahmer-Präparate mit zu wenig antibiotischem Wirkstoff wirken nicht ausreichend, befeuern aber Resistenz-Entwicklungen.

Das Fazit von Jelinek: Ärzte müssen die Problematik resistenter Keime in der Reisemedizin künftig stärker als bisher im Blick haben.

Das gilt sowohl bei der Aufklärung von Reisenden, als auch bei den Gefahren durch importierte resistente Keime bei Reiserückkehrern. (eb/eis)

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