Ärzte Zeitung, 25.11.2015

Masernwelle in Berlin

Jeder Vierte musste ins Krankenhaus

Große Impflücken in der Bevölkerung haben zum großen Masernausbruch in Berlin geführt. Es gab viele schwere und sogar lebensbedrohliche Verläufe.

Von Wolfgang Geissel

Jeder Vierte musste ins Krankenhaus

Vorsichtsmaßnahme am Virchow-Klinikum der Charité in Berlin: Im April wurden Patienten mit Verdacht auf Masern, Windpocken oder andere Infektionen sowie mit Hautkrankheiten in gesonderten Räumen erwartet.

© Jens Kalaene / dpa

BERLIN. Masern können auch in Ländern mit guter medizinischer Versorgung schwer und lebensbedrohlich verlaufen, betonten Ärzte des Otto-Heubner-Centrums für Kinder- und Jugendmedizin der Charité Berlin und des Robert Koch-Instituts (RKI).

Das bestätige der gerade zu Ende gegangene Ausbruch in der Hauptstadt. Die Masern-Experten setzen sich für eine bessere Prävention der Infektionen in der Bevölkerung ein (Epi Bull 2015; 47/48: 499).

Bei dem Ausbruch zwischen Oktober 2014 und August 2015 waren 1359 Masernkranke in Berlin gemeldet worden. Die meisten der Erkrankten waren zwar Erwachsene, doch die höchste Inzidenz gab es bei Säuglingen, die noch nicht geimpft werden können.

Das ist besonders bedenklich, denn bei Erkrankung in diesem Lebensalter ist Risiko für die seltene aber stets tödlich verlaufende Spätkomplikation einer subakuten sklerosierenden Panenzephalitis (SSPE) erhöht.

Akute Pneumonien bei Kindern

Insgesamt musste in Berlin jeder vierte Betroffene stationär behandelt werden. "Zu den schweren Komplikationen einer Maserninfektion bei Kindern zählen akute Pneumonien, die direkt durch das Masernvirus verursacht oder später als Folge der Masern-bedingten Immunsuppression bakteriell bedingt sein können", so die Ärzte von RKI und Charité.

An Lungenentzündungen litten auch sieben von zwölf masernkranken Kindern, die bei dem Ausbruch am Otto-Heubner-Centrum stationär behandelt worden waren. Als seltene aber oft letal verlaufende Organkomplikation können zudem Meningoenzephalitiden in Folge von Masern auftreten.

"Die Einschätzung, dass in entwickelten Ländern von tausend Masernerkrankungen mindestens eine tödlich verläuft, hat sich leider auch in Berlin bestätigt", betonen die Experten.

Sie sehen als Ursache für den Tod eines anderthalb-jährigen Jungen eine vorbestehende Kardiomyopathie und in Folge eine kardiale Dekompensation bei einer Maserninfektion. Gerade dieser Junge hätte wahrscheinlich von der Impfung und einer guten Herdenimmunität gegen Masern profitiert, so die Experten.

86 Prozent der Betroffenen ohne Impfschutz

Besonders Impflücken in der Bevölkerung haben zu dem Ausbruch geführt, 86 Prozent der Betroffenen hatten nach den Angaben keinen Impfschutz.

Defizite gibt es hier besonders bei Kleinkindern bis zwei Jahre sowie Jugendlichen und jüngeren Erwachsenen (nach 1970 geboren) und auch bei Flüchtlingen und Beschäftigten im Gesundheitswesen.

An der Charité Berlin sei inzwischen ein berufsbezogener Impfschutz Voraussetzung für die Einstellung, so die Experten.

[25.11.2015, 06:46:03]
Dr. Hans-Jürgen Schrörs 
Der Berliner Senat hat nichts gelernt - UMF weiter ungeimpft
Der Senat hat nichts aus der Masernmisere gelernt. Weiterhin sind in Berlin hunderte UMF (unbegleitete minderjährige Flüchtlinge) ungeimpft. Der Grund: Der Senat verlangt, dass erst ein Vormund den Impfungen zustimmt. Bis dieser eingesetzt ist, vergehen bis zu 6 Monate. Der Senat ignoriert zahlreiche Stellungnahmen des BMG, des Justizministeriums, der Kammern und Berufsverbände, dass Jugendliche selber entscheiden können, ob sie geimpft werden wollen oder nicht, es sei denn, sie sind nicht reif für eine solche Entscheidung. Der nächste Ausbruch in einem der Massenunterkünfte ist vorprogrammiert. Dann trifft es auch wieder die Berliner Bevölkerung, da die notwendige Herdenimmunität immer noch lückenhaft ist. In Kenntnis dieser Tatsachen kann man ein solches Verhalten nur als grob fahrlässig bezeichnen. Die Haftung dürfte juristisch eindeutig sein.
Dr. med. Hans-J. Schrörs - Deutsches Zentrum für Impfmedizin zum Beitrag »

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