Ärzte Zeitung, 03.12.2015

Spätfolgen

Wann eine bakterielle Meningitis gefährlich wird

Eine bakterielle Meningitis bei Kindern ist potenziell lebensbedrohlich. Welche Faktoren das Risiko für Spätkomplikationen erhöhen, haben Forscher aus Singapur untersucht.

Von Christine Starostzik

Wann ein bakterielle Meningitis gefährlich wird

Intensivtherapie bei Meningitis: Bei Kindern ist oft eine Infektion mitStreptococcus pneumoniae die Ursache.

© sudok1 / fotolia.com

SINGAPUR. Welche Befunde ermöglichen eine Prognose zur Schwere und zum Langzeitverlauf einer bakterieller Meningitis? Das haben Pädiater um Liang Yi Justin Wee vom KK Women's and Children's Hospital in Singapur untersucht (Acta Paediatrica 2015; online 16. November).

In der retrospektiven Analyse wurden Daten von 109 Kindern mit 112 Meningitiden (drei rezidivierende Infektionen) ausgewertet.

Die Kinder waren drei Tage bis 15 Jahre alt und zwischen 1998 und 2013 in der Klinik behandelt worden. 29 Prozent der Patienten waren jünger als ein Monat, 42 Prozent ein Monat bis ein Jahr alt und 29 Prozent älter. Sie waren im Mittel 21 Tage in der Klinik.

Vermeidbare Infektionen

Als Verursacher der Meningitiden ergaben sich: Streptokokken der Gruppe B (21 Prozent), Pneumokokken (20 Prozent), H. influenzae Typ b (Hib, 14 Prozent), E. coli (13 Prozent), Neisseria meningitidis (11 Prozent) und Salmonellen (8 Prozent).

B-Streptokokken und E. coli kamen häufiger bei Neugeborenen vor, bei den über Einjährigen waren es Hib und Pneumokokken. Die Hib-Infektionsquote sank infolge der Impfung von 24 Prozent (1998 bis 2004) auf sechs Prozent (2005 bis 2013).

Der Anteil der Menigitiden durch Pneumokokken wurde durch die Impfung jedoch nicht beeinflusst (20 vs. 19 Prozent). Allerdings waren 2012 allgemein deutlich mehr Kinder gegen Hib (80 Prozent) als gegen Pneumokokken (60 Prozent) geimpft.

Sechs Prozent der Kinder waren gestorben. Wegen dieser niedrigen Quote wurde, anders als in den meisten früheren Studien, in dieser Analyse die Notwendigkeit einer Behandlung auf der Intensivstation als Marker für die Schwere der Krankheit definiert.

Bei 44 Prozent der Patienten war eine Intensivtherapie nötig. Als Prädiktoren hierfür konnten Wee und Kollegen folgende Faktoren ausmachen: Streptococcus pneumoniae als Erreger (Odds Ratio, OR 5,2), Leukopenie zu Therapiebeginn (OR 5,6) sowie ein Verhältnis Liquor-/Serum-Glukose unter 0,25 (OR 4,5).

Kinder mit einer Leukozytenzahl im Liquor über 1000/mm3 hatten ein vergleichsweise geringes Risiko, intensivmedizinisch versorgt werden zu müssen (OR 0,26).

Auch in früheren Studien wurde bereits diskutiert, dass eine Leukopenie auf eine schwere Sepsis hindeuten und die geringe Leukozytenzahl im peripheren Blut und im Liquor eine unzureichende Immunantwort widerspiegeln könne.

Jeder Dritte mit Spätkomplikationen

32 Prozent der 73 über fünf Jahre nachbeobachteten Kinder litten zum Studienende noch immer unter Spätkomplikationen. Diese Quote deckt sich mit den Erhebungen anderer Industrieländer.

Doch auch hier ist eine Entwicklung zu beobachten: In den Jahren zwischen 1998 und 2004 wurden bei 47 Prozent der Patienten nach fünf Jahren Folgeerscheinungen wie Entwicklungsverzögerungen, neuromotorische Defizite oder Epilepsien festgestellt, nach 2005 nur noch bei 16 Prozent.

In der multivariaten Analyse zeigten sich folgende Risikofaktoren für Spätkomplikationen: Hib als Verursacher (OR 29,5), Krampfanfälle während der stationären Therapie, die Antiepileptika nötig machten (OR 10,6), sowie septischer Schock (OR 8,4).

Um neurologische Spätfolgen einzudämmen, empfehlen Wee und Kollegen, die Versorgung von Kindern mit bakterieller Meningitis darauf auszurichten, dass Dauer und Häufigkeit von Krampfanfällen reduziert werden und die zerebrale Perfusion aufrechterhalten wird.

Die Beachtung der einfachen klinischen Hinweise und Laborparameter als Prädiktoren für die Schwere der Erkrankung könne dazu dienen, diejenigen Patienten zu identifizieren, die einer engeren Überwachung oder aggressiveren Therapie bedürften, so Wee und Kollegen.

Das Wissen um die Risikofaktoren von Spätfolgen könne zudem dazu beitragen, ambulante Rehabilitation zu intensivieren, wo sie besonders benötigt werde.

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