Ärzte Zeitung online, 27.04.2009

Bislang keine Schweinegrippe-Infektion in Deutschland

BIELEFELD (dpa). In Deutschland gibt es bislang für alle Verdachtsfälle auf Schweinegrippe Entwarnung. Mehrere europäische Länder untersuchten am Montagabend jedoch Patienten mit Grippesymptomen. So werden in Skandinavien und in der Schweiz jeweils fünf Mexiko-Reisende getestet. Die spanische Regierung sprach von 19 Verdachtsfällen, Großbritannien meldete drei. In Spanien hatten zuvor Mediziner das mutierte Virus H1N1 bei einem kürzlich aus Mexiko zurückgekehrten Studenten nachgewiesen.

Die Übertragung des Erregers H1N1 erfolgt durch Tröpfcheninfektion.

Foto: dpa - Bildfunk

Drei Verdachtsfälle auf Schweinegrippe in Bielefeld haben sich am Montagabend als unbegründet erwiesen. In zwei Fällen gab das Bielefelder Klinikum Entwarnung. Ein zunächst von den Behörden bestätigter dritter Verdachtsfall entpuppte sich als Fehlinformation. War zunächst von drei möglichen Patienten die Rede, stellte sich später heraus, dass nur bei einem Geschwisterpaar Verdachtssymptome festgestellt worden waren, wie das Presseamt der Stadt auf Anfrage mitteilte. Wie es zu der Fehlinformation gekommen war, wurde am Montagabend noch geprüft.

Ein junger Mann hatte nach seiner Rückkehr aus einem Mexiko-Urlaub über eine fieberhafte Erkältung geklagt und war nach Behördenangaben auf die Isolierstation des Klinikums der Stadt verlegt worden. Auch seine Schwester stand im Verdacht, sich in Deutschland bei ihm mit der Schweinegrippe angesteckt zu haben. Schnelltests fielen jedoch noch am Montag bei den Geschwistern negativ aus. "Damit kann nahezu ausgeschlossen werden, dass sie Schweinegrippe haben", sagte ein Sprecher des Klinikums.

In Mexiko stieg die Zahl der Grippetoten auf 149. Bei wie vielen davon das neue, mutierte Schweinegrippevirus H1N1 nachgewiesen worden ist, teilte die Regierung nicht mit. Bisher war der Erreger bei mindestens 20 der Todesfälle gefunden worden. Im ganzen Land werden nach Regierungsangaben 1614 Grippekranke in Hospitälern behandelt. Mehr als 60 Prozent der Patienten seien jedoch auf dem Weg der Besserung und entlassen worden. Die Regierung von Mexiko-Stadt erwog, das gesamte Wirtschaftsleben der 20-Millionen-Metropole vorübergehend ruhen zu lassen, um die Ausbreitung des Erregers zu hemmen.

Das Auswärtige Amt verschärfte seine Reiseempfehlungen für Mexiko. "Von nicht unbedingt erforderlichen Reisen nach Mexiko wird derzeit abgeraten", hieß es auf seiner Internet-Seite. Zugleich wird allen Mexiko-Reisenden empfohlen, die Berichterstattung über die Schweinegrippe genau zu verfolgen. Eine formelle Reisewarnung für Mexiko gab es aber bis Montagabend nicht.

Das Bundesgesundheitsministerium sieht Deutschland auf einen möglichen schweren Grippeausbruch gut vorbereitet. Die Bundesregierung geht von einer ausreichenden Menge antiviraler Medikamente in Deutschland aus. Der Pharmakonzern Novartis nimmt an, in drei bis sechs Monaten eine Impfung gegen das mutierte Schweinegrippevirus fertig zu haben.

Die tschechische EU-Ratspräsidentschaft rief ein Krisentreffen der Gesundheitsminister ein. Sie werden voraussichtlich am Donnerstag in Brüssel zusammenkommen, um die Bedrohung durch das Virus einzuschätzen und Gegenmaßnahmen zu koordinieren.

In den USA sind nach den Worten von Präsident Barack Obama alle bisher 20 bestätigten Patienten von der Schweinegrippe genesen. Kanada meldete sechs bestätigte Fälle. Obama bezeichnete die Fälle von Schweinegrippe in den USA als Grund zur Besorgnis, aber keinen Grund zum Alarm. Die USA hatten bereits am Sonntag einen "Gesundheitsnotstand" ausgerufen. Dabei handele sich um eine Vorsichtsmaßnahme, um zu gewährleisten, dass die nötigen Mittel zu einer raschen Reaktion zur Verfügung stünden, betonte Obama.

Zahlreiche asiatische Länder der Pazifikregion versetzten ihre Gesundheitsbehörden in Alarmbereitschaft und verstärkten die Schutzmaßnahmen. Fast überall in Asien wurden vor allem die Gesundheitskontrollen der ankommenden Reisenden aus Mexiko und dem übrigen Nordamerika verschärft. Dazu gehörten insbesondere Fieberkontrollen an den internationalen Flughäfen. Auch die deutschen Airports riefen ihre Mitarbeiter und die Flugzeugbesatzungen zu erhöhter Wachsamkeit auf. So werden in Frankfurt aus Mexiko ankommende Passagiere bei Verdacht auf Schweinegrippe unmittelbar nach der Landung untersucht.

Der infizierte Spanier war am 22. April mit Fieber und Husten von einer Studienreise aus Mexiko zurückgekehrt und daher zum Arzt gegangen. Der 23-Jährige befinde sich in einem Krankenhaus im Südosten Spaniens unter Quarantäne. Ihm gehe es gut, betonten die Gesundheitsbehörden. Auch seine Familie sowie Freunde, die mit ihm in Kontakt waren, werden vorsorglich mit Antiviren-Medikamenten behandelt. Eine 21-jährige Studentin, die mit ihm in Mexiko war, kam ebenfalls unter Quarantäne in ein spanisches Krankenhaus.

In den Apotheken auf dem Flughafen Madrid-Barajas gehen inzwischen die Mundschutzmasken aus. Dort kommen täglich rund 600 Passagiere aus Mexiko an. Das Außenministerium riet - ebenso wie EU-Gesundheitskommissarin Androulla Vassiliou - von Reisen nach Mexiko ab.

Derweil löste der Ausbruch der Schweinegrippe neue Sorgen um die ohnehin schwer angeschlagene Weltwirtschaft aus. An den asiatischen Märkten kam es teilweise zu deutlichen Verlusten. Auch in London, Paris und Frankfurt gaben die Kurse nach. Vor allem Luftfahrt- und Tourismuswerte gerieten unter Druck. Die Lage erinnere an den Ausbruch der Lungenkrankheit Sars im Jahr 2003, hieß es aus dem Handel. Damals traf es besonders Touristikunternehmen und Fluggesellschaften. Sie gerieten tief in die Verlustzone, weil viele Geschäftsleute und Urlauber auf Flugreisen in die betroffenen Weltregionen verzichteten.

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