Ärzte Zeitung online, 29.04.2009

Schweinegrippe sorgt für Ansturm auf Grippemittel

NEU-ISENBURG (nös). Wegen der Schweinegrippe horten die deutschen Apotheken offenbar zunehmend Neuraminidasehemmer. Seit Samstag verzeichneten die Großhändler einen deutlichen Anstieg bei den Bestellungen, sagte eine Vertreterin des Großhandels, die nicht namentlich genannt werden wollte, der "Ärzte Zeitung".

Schweinegrippe sorgt für Ansturm auf Grippemittel

Großhändler verzeichnen einen deutlichen Anstieg bei Bestellungen von Neuraminidasehemmern.

Foto: Andreae-Noris Zahn AG (ANZAG)

Vorrangig würde Oseltamivir (Tamiflu®) angefordert. Medienberichte, wonach die Lagerbestände allmählich knapp würden, wollte sie nicht bestätigen. Vielmehr könne der Bedarf im Moment noch gedeckt werden. Bestätigt werden die Aussagen von Thomas Graf, Sprecher des Großhändlers Anzag. Eine Zunahme der Bestellungen sei deutlich spürbar, so Graf. Konkrete Zahlen konnte er zum jetzigen Zeitpunkt aber nicht nennen.

Roche, der Hersteller von Tamiflu®, hatte bereits Anfang der Woche mitgeteilt, kurzfristig rund fünf Millionen zusätzliche Dosen bereitstellen zu können. Derzeit prüft das Unternehmen eine Ausweitung der Produktion. Die Herstellung der Präparate könne aber bis zu acht Monate dauern, so eine Sprecherin.

Eingelagerte Grippemittel sollen die Versorgung sicherstellen

Für den Ausbruch einer Influenza-Pandemie haben die Bundesländer seit 2006 Depots mit antiviralen Arzneimitteln angelegt. Im Fall der Fälle soll so die "gesundheitliche Schadenslage" bewältigt werden, heißt es im nationalen Pandemieplan des Robert Koch-Instituts (RKI). Die Verantwortung dafür liegt allerdings in der Hoheit der Länder, weswegen die Versorgungssituation sehr unterschiedlich ist. Die meisten Bundesländer können den vom RKI empfohlenen Bedarf für etwa 20 Prozent der Bevölkerung decken. Niedersachsen, Bremen und Hamburg haben jedoch nur für rund 11 Prozent der Bürger vorgesorgt. Ähnlich ist die Situation auch in Baden-Württemberg. Positiver Ausreißer ist Nordrhein-Westfalen. Dort stehen entsprechende Grippemedikamente für rund ein Drittel der 18 Millionen Einwohner zur Verfügung.

Sobald die Weltgesundheitsorganisation WHO die höchste Pandemiestufe 6 ausruft (derzeit gilt Stufe 4), sollen die bevorrateten Medikamente laut Pandemieplan an die Bevölkerung verteilt werden. Medizinisches Personal und Personen zur "Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung" werden dabei bevorzugt behandelt. Die meisten Bundesländer haben mit dem pharmazeutischen Großhandel Vereinbarungen getroffen, damit die Auslieferung der Medikamente dann Vorrang hat.

Viele Bundesländer lagern nur den reinen Wirkstoff

In Hessen müssten aus dem eingelagerten Wirkstoff Oseltamivir allerdings erst Arzneimittel hergestellt werden, erklärt die Präsidentin der Landesapothekerkammer Hessen, Erika Fink, im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Das sei aber nicht problematisch. Erfahrungen damit habe man bereits mit der Hong-Kong-Grippe Ende der sechziger Jahre gemacht. Mit den Krankenkassen sei eine Vereinbarung getroffen worden, dass sie die Kosten für die Medikamente übernehmen, so Fink. Die Apotheken würden auf ihren üblichen Apothekenaufschlag verzichten.

In ihrer eigenen Apotheke in Frankfurt am Main hat Fink bislang eher zurückhaltende Reaktionen erlebt. Keiner der Kunden habe sich bisher aufgeregt. Einige zeigten sogar Unverständnis für die Berichterstattung in den Medien. Allerdings rät sie dazu, wachsam zu bleiben: Wenn es wirklich zu einer Pandemie käme, sei der Ausverkauf von Tamiflu® nur ein Problem von vielen. Auch Antibiotika könnten dann schnell zur Mangelware werden.

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