Ärzte Zeitung online, 30.04.2009

Ausbreitung der Schweinegrippe - Stand: Donnerstag 14:30 Uhr

HAMBURG (dpa). Im Kampf gegen die weltweite Ausbreitung der Schweinegrippe hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die zweithöchste Pandemie-Warnstufe ausgerufen. Die Zahl der Infizierten stieg am Donnerstag rund um den Erdball weiter deutlich an. Das EU-Seuchenkontrollzentrum gab die Zahl der Infizierten weltweit mit 174 an, davon 19 innerhalb der Europäischen Union.

Ausbreitung der Schweinegrippe - Stand: Donnerstag 14:30 Uhr

Foto: GSK, www.fotolia.de

In Deutschland werden neben den drei bestätigten Fällen von Schweinegrippe in Hamburg, Kulmbach und Regensburg zehn weitere Verdachtsfälle untersucht, sagte Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) am Donnerstagmorgen. "Wir müssen wachsam sein", betonte sie.

"Momentan gibt es keinen Grund für Aktionismus und Panik", sagte der Präsident des Robert Koch-Institutes, Professor Jörg Hacker. Alle am Nationalen Referenzzentrum des Instituts untersuchten Fälle stünden mit Mexikoreisen in Zusammenhang.

Der 37 Jahre alte Mann, der im Universitätsklinikum Regensburg behandelt wird, könnte zwei weitere Menschen angesteckt haben, wurde am Donnerstag bekannt (wir berichteten kurz). Dabei handelt es sich um einen Zimmernachbarn aus dem Kreiskrankenhaus Mallersdorf und eine Krankenschwester dieser Klinik. Der Mann war dort wegen Grippesymptomen behandelt worden, bevor der Verdacht auf Schweinegrippe bestand und er nach Regensburg kam. Den drei nachweislich Infizierten geht es nach Auskunft ihrer Ärzte den Umständen entsprechend gut, es bestehe nach Lage der Dinge keine Lebensgefahr.

Auch in der Schweiz und den Niederlanden wurden erste Fälle von Schweinegrippe bestätigt. In Spanien, wo zehn Menschen infiziert sind, war der erste Schweinegrippe-Fall bei einem Patienten nachgewiesen worden, der nicht zuvor in Mexiko war. Er hat sich vermutlich bei seiner Lebensgefährtin angesteckt, die aus Mexiko gekommen war.

Der erste mexikanische Fall einer nachgewiesenen Infektion mit dem neuen Virus sei Anfang April in der Ortschaft Perote im Staat Veracruz aufgetreten, teilte das Nationale Epidemiologische Zentrum mit. Der kranke Junge im Alter von fünf Jahren habe sich ohne ärztliche Behandlung vollständig erholt, berichteten die Zeitungen am Mittwoch (Ortszeit). Die Zahl der Toten, die einwandfrei auf die Schweinegrippe zurückzuführen sind, erhöhte sich in Mexiko auf sieben.

Gesundheitsexperten relativierten am Donnerstag das von der Schweinegrippe ausgehende Risiko. Die Gefahr, an Schweinegrippe zu sterben, sei viel geringer als etwa bei der Vogelgrippe, sagte der Berliner Immunologe Michael Schmidt. Die Heraufsetzung der Pandemie-Warnstufe der WHO sei ein automatisierter Schritt. Die derzeit geltende Stufe 5 greife, wenn sich ein Virus auf mehr als zwei Länder ausbreite: "Selbst wenn wir die (höchste) Stufe 6 bekämen, heißt es auch nur, dass es sich etwas weiter ausbreitet und dass die Vorsorgemaßnahmen zu koordinieren sind. Es sagt nichts über die tatsächliche Gefahr."

Noch am Donnerstag wollten die Gesundheitsminister der 27 EU- Staaten zu einem Sondertreffen in Luxemburg zusammenkommen, um sich auf ein gemeinsames Vorgehen bei der Bekämpfung der Krankheit zu verständigen. Dabei soll es auch um mögliche Reisewarnungen gehen. Die Generaldirektorin der WHO, Margaret Chan, forderte alle internationalen Organisationen, darunter die Weltbank, und die Pharmaindustrie sowie Forschungseinrichtungen auf, alle Kapazitäten bereitzustellen, um eine Pandemie zu vermeiden. Andererseits warnte sie vor Panik. "Wir sollten es nicht übertreiben. Wir brauchen eine gewisse Ebene der Ruhe, damit wir das auf rationale Weise bewältigen können."

In vielen Ländern liefen unterdessen Schutzmaßnahmen an, um die Ausbreitung der Grippeviren zu verhindern. Australien stattet alle Flughäfen mit Infrarot-Scannern aus, wie sie in Asien bereits aus Angst vor SARS und Vogelgrippe eingesetzt wurden. Dabei sollen alle Passagiere mit erhöhter Körpertemperatur erkannt werden. Die ägyptische Regierung ordnete an, alle 350 000 Schweine des Landes schlachten zu lassen und löste damit den Protest von Müllsammlern aus, die Schweine zur Beseitigung organischer Abfälle einsetzen.

Mexikos Staatspräsident Felipe Calderón rief seine Landsleute auf, über die Maifeiertage zu Hause zu bleiben. In Großbritannien legte das Gesundheitsministerium eine groß angelegte Werbekampagne zur Aufklärung auf, auch China ordnete eine Aufklärungskampagne an. US-Präsident Barack Obama lehnte eine Schließung der US-Grenzen nach Mexiko ab. Das Virus sei bereits in den USA, eine Grenzschließung ergebe keinen Sinn mehr.

In Deutschland könnte es bei einer weiteren Ausbreitung zu einer Impfpflicht kommen. "Wenn wir einen Impfstoff haben, dann ist es nur vernünftig und geboten allemal, dass alle geimpft werden bei uns im Land", sagte Gesundheits-Staatssekretär Klaus Theo Schröder am Mittwochabend in der ARD-Sendung "hartaberfair". Die Entwicklung eines Impfstoffes nimmt aber mindestens drei Monate in Anspruch. Die Lufthansa nimmt auf Mexiko-Flügen inzwischen grundsätzlich Ärzte an Bord. Nach Angaben der Bundesvereinigung der Apothekerverbände stieg bundesweit die Nachfrage nach Gesichtsmasken deutlich.

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