Ärzte Zeitung, 22.07.2009

Ärzte sehen viel Hysterie im Umgang mit der Schweinegrippe

Anfragen von beunruhigten Patienten sind nicht selten. Momentan raten Niedergelassene aber noch zur Gelassenheit im Umgang mit der Schweinegrippe. Das zeigt eine Umfrage der "Ärzte Zeitung".

NEU-ISENBURG (juk). Wie mit dem H1N1-Virus in der Öffentlichkeit umgegangen wird, wie in vielen Medien darüber berichtet wird, ordnen viele Ärzte als Panikmache ein. "Wir betreiben einen Aufwand, als wäre die Pestilenz unterwegs", sagt Hausarzt Michael Andor aus Hessen bei einer Umfrage der "Ärzte Zeitung". Noch sei gar nicht erwiesen, ob die Schweinegrippe tatsächlich gefährlicher sei als die saisonale Grippe, schreibt sein Kollege Armin Günther.

Praxis geschlossen? Kein Verständnis haben Kollegen für vergleichbare Maßnahmen in Niedersachsen.

Foto: ill

Und weiter: "Ist die Schweinegrippe wirklich mit SARS und Pocken auf eine Stufe zu stellen?" Kritisch sehen die meisten Ärzte auch die zwei kurzfristigen Praxisschließungen, die Gesundheitsämter in Niedersachsen anordneten, weil das Praxispersonal bei den Abstrichen keinen Mundschutz trug. Wichtiger, als dass der Nicht-Infizierte einen Mundschutz trägt, sei doch, dass der Infizierte dieses tut.

Das sagen Kollegen zur Schweinegrippe

Mehr Gelassenheit wäre angebracht

Die Praxisschließungen waren eindeutig eine Überreaktion. Es ist medizinisches Schulwissen, dass dort, wo Mensch, Schwein und Geflügel auf engem Raum unhygienisch zusammenleben, zum Beispiel in China, die Viren über die Arten springend mutieren und neu entstehen. Deshalb wird die Grippeimpfung jedes Jahr neu zusammengestellt, deshalb gibt es keinen Dauerschutz. Pandemie bedeutet nichts anderes, als dass der Schnupfen sich über die Erdteile ausbreitet, es besagt nichts über die Gefährlichkeit des Erregers. Wir betreiben einen Aufwand, als wäre die Pestilenz unterwegs. Wir sollten gelassener reagieren, wie etwa die USA oder Kanada: Eine eher mildere Grippe ist schon wieder im Lande. Der Erreger gehört mit Sicherheit in die nächste Impfmischung im Herbst. Auf die Eventualität künftiger Mutationen hinzuweisen ist vage.

Michael Andor ist Allgemeinarzt in Groß-Gerau.

Und wer fordert Schutzbrillen?

Wir rechnen fest damit, dass die "Neue Grippe" auch zu uns kommt. Dazu existiert ein Notfallplan in der Praxis, Tamiflu® für das Personal ist bevorratet, virustauglicher Mundschutz wurde schon zur Zeit der Vogelgrippe angeschafft. Diesen sollte wohl besser der erkrankte Patient tragen. Doch lässt sich damit schlecht ein Abstrich entnehmen. Insofern halte ich die Aktion des Gesundheitsamts für reinen Aktionismus ohne geistigen Unterbau. Virusinfektionen durch Tröpfchen gehen auch über die Augen. Also muss auch nach dem Tragen einer Schutzbrille gefragt werden. Diese gibt es billig auf Baumärkten (möglichst mit Seitenschutz).

Dr. Hans-Georg Müller ist Internist in Feuchtwangen.

Warten auf die große Impfaktion

Noch betreiben wir die Praxis im Gottvertrauen, dass die Grippe hier nicht so schnell ankommt, werden aber für uns und unser Personal die von Ulla Schmidt angekündigte größte Impfaktion seit 50 Jahren sofort in Anspruch nehmen, so der Impfstoff uns noch rechtzeitig erreicht. Was die Praxisschließungen in Niedersachsen anbetrifft, erlaube ich mir die Frage zu stellen, wer denn zur Zeit der Pest die Bevölkerung betreut hat?

Dr. Udo Fuchs ist Allgemeinarzt in Hamburg.

Wie normale Wintergrippe

Wir halten uns an die Richtlinien der KV. Bisher hatten wir einen Verdachtsfall in der Praxis: Die Ehefrau eines Patienten hatte angerufen und uns mitgeteilt, dass es sich um Schweinegrippe handeln könnte. Genähert haben wir uns ihm mit Mundschutz. Der Verdacht erhärtete sich aufgrund der Symptome allerdings nicht. Das Problem in den Praxen ist, dass Patienten vorher nichts sagen und dann im Wartezimmer sitzen, und die anderen so schon längst anstecken könnten.

Zum Thema Praxisschließung wegen fehlenden Mundschutzes: Ich halte gar nichts von dieser Panikmache. Die Schweinegrippe ist für uns ja nichts anderes als die normale Wintergrippe.

Dr. Bernhard Lenhard ist Allgemeinarzt in Saulheim.

Alles nur Geschäft mit der Angst

Vor der Schweinegrippe schützen wir uns mit gesunder Ernährung, Ordnungstherapie. Die Praxisschließungen in Niedersachsen sind Panikmache. Krankheiten und Epidemien gab es schon immer und wird es immer geben. Es ist darum alles nur ein Geschäft mit der Angst und Verdummung der Menschheit im Interesse des Profits der Pharmaindustrie. Ich empfehle das Buch "Virus-Wahn", inhaltlich gilt das auch für die Schweinegrippe.

Dipl.-Med. Christian Albrecht ist Naturarzt in Bad Lauterberg.

Mundschutz liegt bereit

Die Praxisschließungen in Salzgitter halte ich für absolute Überreaktionen. Wir haben in unserer Praxis bisher noch keine Verdachtsfälle auf Schweinegrippe gehabt. Wir haben selbstverständlich Mundschutz in den Schubladen. Sollte ein Patient mit Symptomen der Schweinegrippe zu uns kommen, werden wir ihn mit Mundschutz und Handschuhen untersuchen und anschließend gründlich die Hände desinfizieren.

Auch für den Fall der Fälle sind wir ausgerüstet: Ein Apotheker hat uns mit Tamiflu® versorgt, sodass wir im Notfall unsere Mitarbeiter und uns selbst damit versorgen können.

Michael Bergeler ist Allgemeinmediziner aus Harrislee bei Flensburg.

Hysteriker gibt es überall

Ich halte die ganze Diskussion um die Schweinegrippe für eine Massenhysterie. Da hilft nur standhaftes Ignorieren. Es ist schon grotesk, wie das Thema aufgebauscht wird. Als ob wir keine anderen Probleme hätten: zum Beispiel das Sterben der Landarztpraxen.

Die Schweinegrippe verläuft schließlich bisher meist harmlos. Auch zu uns kommen Patienten, die Angst vor Ansteckung haben. Aber Hysteriker gibt es überall. Das passt in unsere Zeit.

Wir haben natürlich auch einen Karton mit Mundschutz bestellt, als das Thema aufkam. Aber das ist alles ein riesengroßer Quatsch.

Dr. Udo Saueressig ist Allgemeinarzt in Lobbach-Waldwimmersbach.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Weder Panik noch Sorglosigkeit

Lesen Sie auch:
Schweinegrippe - Ärzte sehen keinen Grund zur Panik
Resistenzen bei H1N1/09 Schweinegrippe bisher kein Problem

Sagen Sie uns Ihre Meinung!

Was sagen Sie zu den Praxisschließungen in Niedersachsen wegen der Schweinegrippe? Wie schützen Sie sich, Ihre Mitarbeiter und Ihre Patienten vor einer möglichen Ansteckung? Ist der Aufwand übertrieben? Ihre Meinung und Ihre Anregungen sind uns wichtig. Schreiben Sie uns! Wie können Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Entweder per Brief, per Fax oder elektronisch per Mail!

Ärzte Zeitung, Redaktion
Postfach 20 02 51,
63077 Offenbach

E-Mail: wi@aerztezeitung.de
Faxnummer: 0 61 02 / 50 61 78

Weitere aktuelle Berichte, Bilder und Links zum Thema Schweinegrippe (Mexikanische Grippe) finden Sie auf unserer Sonderseite

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Langes Arbeiten kann tödlich sein

Eine lange Wochenarbeitszeit erhöht das Risiko für Herzerkrankungen und Krebs. Forscher konnten die Stundenzahl sogar exakt angeben, ab der sich das Risiko stark erhöht. mehr »

Ausschuss reißt Frist des Gesetzgebers

Das neue Qualitätsmaß für Pflegeheime gerät in Verzug. Eine Studie bietet eine Alternative an. mehr »

Jeder dritte Demenz-Fall vermeidbar

Finge die Demenz-Prävention bereits in der Kindheit an, könne die Krankheit bei einem Drittel aller Erwachsenen verhindert werden – so eine Studie. mehr »