Ärzte Zeitung, 23.07.2009

Feldteams von Infektiologen gehen lokalen Ausbrüchen von Schweinegrippe nach

Wo es gehäuft Verdachtsfälle oder Ansteckungen mit dem Schweinegrippe-Virus H1N1/09 gibt, kommen die Feldteams des Robert-Koch-Instituts (RKI) zum Einsatz. Für die Epidemiologen ist jede Information wichtig.

Von Ilse Schlingensiepen

Feldteams von Infektiologen gehen lokalen Ausbrüchen von Schweinegrippe nach

Wie lange ist das Virus nachweisbar? Dafür ist das Labor unverzichtbar.

Foto: dpa

Die RKI-Feldteams bestehen aus Ärzten und Biologen, Krankenschwestern und Veterinären. "Wir fahren vor Ort, um mehr über das neue Virus herauszufinden", sagt Dr. Andreas Gilsdorf von der Abteilung für Infektionsepidemiologie des RKI, der als Teamleiter in Köln im Einsatz war. "Es sind jeweils ein bis zwei erfahrene Epidemiologen dabei und jüngere Kollegen, die Erfahrungen sammeln", hat Gilsdorf im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" berichtet. Rund 15 Mal waren die Teams bereits unterwegs, etwa auch in der Japanischen Schule in Düsseldorf, in der sich im Juni eine große Zahl von Schülern infiziert hatte (wir berichteten). "Wir kommen auf Einladung der Bundesländer und der Kollegen auf Kreisebene", sagt der Arzt.

Die Arbeit der RKI-Mitarbeiter vor Ort wird eng mit den zuständigen Gesundheitsämtern abgestimmt. Wenn die Ämter es wünschen, unterstützen die Teams sie bei den notwendigen Untersuchungen von Patienten und Kontaktpersonen oder der Öffentlichkeitsarbeit. Das hängt vor allem davon ab, wie gut die Gesundheitsämter ausgestattet sind. "In den meisten Fällen haben wir eine sehr gute Kooperation", berichtet er. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht die Sammlung von Daten zur Beantwortung grundlegender Fragestellungen: Wie wird das Virus ausgeschieden? Wie können sich Kontaktpersonen anstecken? Wie lange können sie sich anstecken? Wie lange ist das Virus nachweisbar? Sind Patienten schon infektiös, bevor sie Symptome haben? Welche Methode der Probenentnahme ist am sensibelsten - die Blutentnahme, Rachenabstriche oder Nasenspülwasser?

"Das sind Erkenntnisse, die wir im öffentlichen Gesundheitsdienst brauchen, um Maßnahmen zu entwickeln und Empfehlungen auszusprechen", sagt Gilsdorf.

So dienen die Informationen über die Inkubations- und Ausscheidezeit der Festlegung von Schutzmaßnahmen wie der Isolierung von Erkrankten und der Quarantäne für Kontaktpersonen. "Was wir machen, ist angewandte Forschung, die direkt in praktische Empfehlungen einfließt."

Obwohl es in den USA deutlich höhere Erkrankungszahlen gebe, sei die veröffentlichte Datenlage dort bisher auch nicht besser. "Im Moment sieht es so aus, als ob wir in Deutschland gut aufgestellt sind."

Die Arbeit der RKI-Teams lasse bereits erste Trends bei wichtigen Fragen erkennen, etwa dazu, wie lange das Virus ausgeschieden wird und welche Tests am sensibelsten sind. "Es ist aber zu früh, um die Ergebnisse publik zu machen", so Gilsdorf.

Denn noch ist die Zahl der untersuchten Erkrankungen zu gering, als dass die Forscher zur Schweinegrippe belastbare Aussagen machen könnten. "Wir werden noch ein bis zwei Monate benötigen, bis wir die Daten haben, die wir brauchen", sagt er. Ein Problem sei, dass die RKI-Feldteams die Patienten in der Regel erst einige Tage nach Auftreten der Symptome sehen. "Wichtig wäre es für uns, die Untersuchungen bei Leuten zu starten, die erst sehr kurzfristig Symptome zeigen."

Bislang stütze sich das RKI bei seinem Vorgehen auf das Wissen über die saisonale Influenza. Es ist viel Improvisation nötig. "Wir haben hier eine neue Situation, die wir so bislang nicht kannten. Während der letzten Pandemie 1968 war die Infektionsepidemiologie noch nicht so weit entwickelt."

Bislang kamen Untersuchungsteams des RKI eher bei Ausbrüchen durch andere, bekannte Erreger zum Einsatz wie Salmonellen, Masern, Q-Fieber und ähnliches. "Dass wir jetzt Feldteams rausschicken, die helfen, ein neues Virus besser zu verstehen, ist eine neue Aufgabe. Aber wir sind gut vorbereitet."

Denn im Umgang mit der Neuen Influenza habe sich die jahrelange Pandemieplanung bewährt, so Gilsdorf. "Viele haben angezweifelt, dass die Planung sinnvoll ist. Jetzt profitieren wir sehr davon." Die RKI-Forscher konnten das für die saisonale Influenza entwickelte Studiendesign nutzen, das bereits durch die Ethik-Kommission gegangen ist, die Studienprotokolle waren fertig. "Sonst hätten wir dafür Monate gebraucht."

Behörden-Infos zu Schweinegrippe

Aktuelle Empfehlungen zu Schweinegrippe von Gesundheitsbehörden im Internet:

www.rki.de (Robert Koch-Institut)
http://ecdc.europa.eu/ (European Centers for Disease Prevention and Control)
www.who.int (WHO)
www.cdc.gov (US-Centers for Disease Control).

Weitere aktuelle Berichte, Bilder und Links zum Thema Schweinegrippe (Mexikanische Grippe) finden Sie auf unserer Sonderseite

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