Ärzte Zeitung online, 21.08.2009

Kinder zuerst impfen! Neue Strategie gegen Schweinegrippe gefordert

Nicht chronisch Kranke, sondern Schulkinder und deren Eltern sollten primär gegen die Neue Grippe (Schweinegrippe) geimpft werden, fordern US-Forscher aufgrund von Modellrechnungen. Denn damit ließe sich eine Influenza-Pandemie praktisch stoppen und die Zahl der Toten möglichst niedrig halten

Von Thomas Müller

Kinder zuerst impfen! Neue Strategie gegen Schweinegrippe gefordert

Foto: Gennadiy Poznyakov ©www.fotolia.de

Die Epidemiologen Dr. Jan Medlock und Dr. Alison Galvani bestätigen mit ihren Berechnungen die Ergebnisse einer britischen Computersimulation vom Juni (wir berichteten). Diese hatte bereits ergeben, dass die gezielte Impfung von großen Haushalten mit vielen Kindern bei begrenzten Impfstoffmengen die beste Möglichkeit bietet, eine Influenza-Pandemie zu bremsen (Epidemiol Infect 137, 2009, 654).

Im renommierten Fachjournal "Science" legen die beiden US-Epidemiologen Medlock und Galvani jetzt mit einer Online-Publikation nach: Es reicht bereits, ein Fünftel der Bevölkerung zu impfen, um eine Pandemie komplett zu stoppen, allerdings nur dann, wenn gezielt Schulkinder und deren Eltern immunisiert werden. Als Grund nennen die Autoren, dass Schulkinder die Hauptüberträger von Influenza sind und das Virus deren Eltern als Sprungbrett zum Rest der Bevölkerung nutzt.

Es ist nach den Berechnungen günstiger, Kinder und Eltern zuerst zu impfen

Mit einer primären Impfung von Kindern und ihren Eltern lassen sich nach den Berechnungen von Medlock und Galvani deutlich mehr Todesfälle, Infektionen und schwer wiegende Erkrankungen vermeiden als mit den bisherigen Impfempfehlungen der US-Seuchenbehörde CDC, die ähnlich wie deutsche Behörden eine Priorisierung nach Gefährdungsgruppen und nicht nach dem Verbreitungspotenzial anstrebt. So werden nach den bisherigen Empfehlungen chronisch Kranke und Schwangere bevorzugt, da bei diesen bislang die schwersten Verläufe beobachtet wurden. Allerdings zählen diese Gruppen nicht unbedingt zu denjenigen, die das Virus hauptsächlich verbreiten.

Für ihre Berechnungen haben Medlock und Galvani Daten der Pandemien von 1918 und 1957 ausgewertet, da diese beiden Pandemien sehr unterschiedliche Bevölkerungsgruppen betrafen. Während beider Epidemien erkrankte in den USA etwa ein Drittel bis ein Viertel der Bevölkerung an dem neuen Virus, allerdings erkrankten und starben 1918 vermehrt junge Menschen, dagegen waren es 1957 eher ältere Menschen. 1957 glich das Muster der Pandemie daher eher dem einer saisonalen Influenza, die derzeitige Schweinegrippe-Epidemie scheint ähnliche Bevölkerungsgruppen zu betreffen wie 1918.

Die beiden Forscher schätzten anhand von Daten großer Umfragen nun die Zahl der menschlichen Kontakte in jeder Altersgruppe und berechneten darüber das Ausmaß und die Geschwindigkeit der Virus-Ausbreitung sowie den Effekt einer Impfung. Dann rechneten sie durch, was passiert, wenn man gezielt bestimmte Altersgruppen impft. Das erstaunliche Ergebnis: Sowohl bei einem Pandemie-Muster wie 1918 als auch bei einem Verlauf wie 1957 besteht die optimale Strategie darin, primär Kinder im Alter von 5 bis 19 Jahren und Erwachsene im Alter von 30 bis 39 Jahren zu impfen.

Und: In beiden Szenarien wird dafür fast exakt dieselbe Impfstoffmenge benötig - Vakzine für 63 Millionen von 300 Millionen US-Bürger um eine Pandemie wie 1957 zu stoppen, Impfstoff für 62 Millionen Bürger, um eine Epidemie wie 1918 zu verhindern. Die Impfstrategie und die Impfstoffmenge ist zumindest nach diesen Berechnungen unabhängig von Verlaufstyp der Pandemie, oder anders ausgedrückt: Schulkinder und deren Eltern zu impfen, ist immer die beste Strategie, sobald der Impfstoff für ein Fünftel der Bevölkerung reicht.

Nur bei ganz wenig Impfstoff sollten zuerst Risikogruppen geimpft werden

Der Verlaufstyp der Influenza ist nach dem Modell von Medlock und Galvani nur dann relevant, wenn noch weniger Impfstoff vorhanden ist. Sind wie 1957 vorwiegend ältere Menschen von schweren Verläufen betroffen, und reicht der Impfstoff nicht einmal für zwölf Prozent der Bevölkerung, dann sollte man auch tatsächlich die älteren Menschen zuerst impfen, um die Zahl der Todesopfer möglichst niedrig zu halten.

Ist jedoch mehr Impfstoff als für zwölf Prozent vorhanden, profitieren ältere Menschen am meisten, wenn man nicht sie impft, sondern die wenigen Impfstoffdosen an Schulkinder und deren Eltern verteilt: Dann ist wiederum die Zahl der Toten - gerade auch bei älteren Menschen - am geringsten. Bei einem Pandemie-Muster wie 1918 mit schweren Erkrankungen bei jüngeren ist dagegen immer eine primäre Impfung von Schulkindern und deren Eltern am günstigsten, egal wie viel Impfstoff vorhanden ist.

Welche Folgen die unterschiedlichen Impfstrategien haben, berechneten Medlock und Galvani ebenfalls am Beispiel der beiden historischen Pandemien, und zwar für den Fall, dass es nur für 13 Prozent der Bevölkerung genug Impfstoff gibt. Mit den derzeitigen CDC-Empfehlungen zur Schweinegrippe würden dann bei einem Verlauf wie 1957 insgesamt 59 Millionen US-Bürger infiziert und knapp 140 000 sterben. Mit einer bevorzugten Impfung der Hauptüberträger wären es nur 44 Millionen Infizierte und 108 000 Tote. Auch der ökonomische Schaden wäre geringer (53 versus 67 Milliarden US-Dollar).

Bei einem Verlauf wie 1918 würden mit der CDC-Strategie 853 000 US-Bürger sterben, mit der optimierten Impfstrategie wären es 645 000, der ökonomische Schaden wäre mit 703 versus 939 Milliarden Dollar ebenfalls deutlich geringer.

Solche Berechnungen könnten vor allem dann wichtig werden, wenn mit Beginn einer pandemischen Ausbreitung noch nicht genug Vakzine vorhanden ist. Zwar hat Deutschland Impfstoff für etwa ein Drittel der Bevölkerung geordert, ob dieser jedoch noch vor einer großflächigen Ausbreitung von H1N1 komplett verfügbar oder gar verimpft sein wird, lässt sich bislang nicht sagen.

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