Ärzte Zeitung online, 07.09.2009

Schweinegrippe: Gerangel um Ausweitung der Impfung

BERLIN (dpa). Trotz der Impfmüdigkeit von Millionen Bundesbürgern wollen Bund und Länder die Weichen für die Ausweitung der geplanten Massenimpfung gegen die Schweinegrippe stellen. Die Gesundheitsminister der Länder berieten am Montag in Berlin über die Bestellung weiterer Impfstoffe und die Aufteilung der Kosten. Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) drängte ihre Länderkollegen zu raschen Entscheidungen.

"Ich gehe davon aus, dass die Landesgesundheitsminister sich ihrer Verantwortung stellen", sagte Schmidt dem "Tagesspiegel". Die Ressortchefs kamen unter Vorsitz der Thüringer Ministerin Christine Lieberknecht (CDU) zusammen.

Deutschland hat bei Pharmaunternehmen bereits 50 Millionen Impfdosen bestellt. Damit können 25 Millionen Menschen mit der nötigen Zweifach-Impfung im Abstand von zwei Wochen einen Immunschutz erhalten. Schmidt war mit den Krankenkassen übereingekommen, dass diese die Impfkosten für die Hälfte aller Versicherten tragen müssen. Dies wären rund 35 Millionen Menschen. Wenn sich weitere Menschen impfen lassen wollten, bekämen die Kassen die Kosten von Bund und Ländern erstattet.

Die Länder lehnen aber bisher eine Beteiligung an den Kosten ab. Mit der Weigerung der Länder verzögerte sich die Bestellung weiterer Impfdosen.

Die Linke im Bundestag forderte den Bund zum Einlenken auf. "Die Haltung der Länder, keine finanziellen Verpflichtungen zu übernehmen ist verständlich, denn der Bund hat voreilig und ohne Rücksprache mit den Ländern Verträge mit den Impfseren-Herstellern zu ihren Lasten abgeschlossen", sagte Gesundheitsexperte Frank Spieth.

Fast zwei Drittel der Deutschen wollen sich einer Umfrage im Auftrag der DAK zufolge allerdings gar nicht gegen die Schweinegrippe impfen lassen. Zum Start der Impfungen im Herbst werden 62 Prozent der Befragten die Spritze nach eigenen Angaben "auf keinen Fall" oder "wahrscheinlich nicht" in Anspruch nehmen. Besonders stark ist die Ablehnung in Bayern und Baden-Württemberg: Dort erklärten nur je neun Prozent der Befragten, dass sie sich "ganz sicher" impfen lassen werden. Zum Vergleich: In Ostdeutschland waren es 23 Prozent, im bundesweiten Durchschnitt 14 Prozent.

Die Bundesärztekammer forderte, den Sinn der Massenimpfung noch einmal zu überprüfen. Sehr viele Menschen hätten diese "Krankheit durchgemacht, ohne es überhaupt bemerkt zu haben", sagte Vizepräsident Frank Ulrich Montgomery bei MDR INFO. In Deutschland sei noch niemand an der Schweinegrippe gestorben. Fraglich sei, ob das Risiko der neuartigen Impfstoffe gerechtfertigt sei.

Schmidt sagte: "Ich möchte, dass jeder, der sich impfen lassen will, auch geimpft werden kann." Noch sei der Verlauf milde. "Das kann sich aber ändern. Dann wird auch die Impfbereitschaft größer." Experten fürchteten, dass es mit dem Zusammentreffen der Schweinegrippe mit der saisonalen Grippe im Winter zu schlimmeren Entwicklungen kommen könnte.

Auch bei der DAK hieß es: "Sollte sich in einigen Wochen die Situation wieder verschärfen, wird dies sicher auch die Impfbereitschaft sprunghaft erhöhen." Für die repräsentative Studie hat die Krankenkasse Anfang September 1001 Menschen im Alter von 18 bis 60 Jahren vom Forsa-Institut befragen lassen.

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