Ärzte Zeitung online, 17.09.2009

Vielversprechende Ergebnisse bei Impfstoff-Tests

LANGEN (dpa). Die ersten europäischen Testergebnisse für einen Impfstoff gegen die Schweinegrippe sehen vielversprechend aus. "Die Impfstoffe wirken, das ist das, was wir erwartet haben", sagte der Leiter des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) in Langen, Professor Johannes Löwer. In einer Pilotstudie der Universität Leicester zeigte ein Wirkstoff von Novartis bei 80 Prozent der Probanden bereits nach einer Dosis eine stark schützende Wirkung.

Bei den Testpersonen, die zweimal geimpft wurden, zeigten sogar mehr als 90 Prozent eine starke Immunantwort. Dass diejenigen, die nur einmal geimpft wurden, auch so eine gute Immunantwort hatten, sei ein "Ergebnis, das wir in der Form so nicht erwartet haben", erklärte Löwer.

Die Zahl der einmal geimpften Probanden habe allerdings bei lediglich 25 gelegen. 75 der insgesamt 100 Teilnehmer wurden zweimal geimpft. Es müssten noch deutlich mehr Daten gesammelt werden, bis die Ergebnisse verallgemeinert werden könnten.

Die Studien dafür seien bereits im Gange. "Wir erwarten, noch in dieser Woche ausführlichere Daten zu bekommen", sagte Löwer. Die wissenschaftliche Bewertung werde in der kommenden Woche bei der Europäischen Arzneimittelbehörde in London abgeschlossen. Mit einer Zulassung durch die Europäische Kommission sei Mitte Oktober zu rechnen.

In den USA hatte die zuständige Gesundheitsbehörde FDA am Dienstag grünes Licht für die Impfstoffproduktion gegeben. Die Impfkampagne gegen die Schweinegrippe solle anlaufen, sobald die Auslieferung in den nächsten vier Wochen begonnen habe, teilte die FDA mit. Den Impfstoff soll es als Injektion und Nasenspray geben.

   Erste Ergebnisse von Impfstofftests aus den USA und Australien hatten vor einigen Tagen ebenfalls gezeigt, dass eine niedrig dosierte einmalige Impfung den meisten Menschen ausreichend Schutz bietet. Nur bei Älteren über 65 Jahren sei die Immunantwort nicht stark genug, berichtete das Nationale Gesundheitsinstitut NIH über eine Untersuchung mit mehr als 2800 Teilnehmern.

In Australien war der Impfstoff an 240 Menschen getestet worden. Die Immunantwort sei auch bei einer niedrigen Dosierung von 15 Mikrogramm ausreichend, berichteten die Wissenschaftler im Fachmagazin "New England Journal of Medicine". Schwere Nebenwirkungen traten - auch bei der höheren Dosis von 30 μg - nicht auf.

   Noch keine Ergebnisse gibt es von den ersten Tests an Schwangeren aus den USA. An ihnen beteiligen sich derzeit 120 Frauen zwischen 18 bis 39 Jahren, die in der 14. bis 34. Woche schwanger sind. Sie erhalten zweimal im Abstand von drei Wochen eine Dosis von 15 oder 30 μg des Wirkstoffs. Bei Schwangeren ist das Risiko für einen schweren oder gar tödlichen Verlauf der Schweinegrippe erhöht. Sie sollen deshalb zu den Ersten gehören, die gegen die Krankheit geimpft werden.

Kritiker sprechen sich gegen Massenimpfung aus

Die geplante Massenimpfung gegen Schweinegrippe nutzt nach Überzeugung einiger Experten vor allem der Pharmaindustrie. Wolfgang Becker-Brüser, Herausgeber des "arznei- telegramms", kritisierte im Politikmagazin Cicero (Oktoberausgabe) "eine überflüssige Geldverschwendung, weil die Virusgrippe bislang sehr milde verläuft und eine solche Maßnahme sich medizinisch nicht rechtfertigt". Dr. Stefan Schmiedel, Infektiologe am Uniklinikum Hamburg Eppendorf, sagte: "Die so genannte Schweinegrippe ist momentan nichts anderes als eine gutartige Sommergrippe, wie wir sie auch sonst jedes Jahr kennen."

Die Bedenken der Kritiker richten sich vor allem gegen die Impfstoffe, die derzeit von Pharmafirmen entwickelt werden. Die Hersteller mischten Wirkverstärker bei, was die Produktion eines Impfstoffes insgesamt billiger und schneller mache und somit den Interessen der Pharmaindustrie entgegenkomme. "Wirkverstärker verstärken aber nicht nur die erwünschten Effekte, sondern auch die unerwünschten, von denen einige sehr unangenehm sein können", sagte Becker-Brüser.

Das für Impfstoffe zuständige PEI schätzt die Wirkstoffverstärker als unproblematisch ein. Sie seien ausreichend getestet worden.

Der britische Epidemiologe Dr. Tom Jefferson kritisierte die Hersteller: "Hier herrscht ein Ungleichgewicht zwischen deren Empfehlung von pharmazeutischen Gegenmaßnahmen und der Vernachlässigung von hilfreichen, effektiven, billigen und recht harmlosen Gegenmaßnahmen wie Händewaschen, die in der Tat Leben retten."

Offizielle endgültige Empfehlungen, welche Risikogruppen dann zuerst geimpft werden sollen, stehen noch aus. Dennoch war in den vergangenen Wochen bereits Kritik an den Pharmaunternehmen aufgekommen, dass sie die Länder durch eine Kaufverpflichtung unter Druck setzen würden.

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