Ärzte Zeitung online, 08.12.2009
Deutschland will Impfstoff verkaufen -
Finanzstreit
BERLIN (dpa). Bund und Länder streiten um die Bezahlung
überschüssigen Impfstoffs gegen die Schweinegrippe. Die Länder wollen
das Serum millionenfach ins Ausland verkaufen. Bundesregierung und
Ärzte riefen die Bundesbürger eindringlich zur Impfung auf. Schon im
Januar drohe eine zweite Infektionswelle mit möglicherweise mutierten
Viren.
Die Länder wollten 2,2 Millionen Impfdosen ins
Ausland abgeben, berichtete
Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) nach einem
Spitzentreffen mit Ärzte- und Krankenkassen-Vertretern am Montag in
Berlin. "Es gibt noch keinen Beschluss", sagte Andreas
Hoffmeier, Leiter des Ministerbüros im Erfurter Gesundheitsressort,
gegenüber dpa in Berlin.
"Man kann nicht davon ausgehen, dass die Krankheit ihre Gefahr
verloren hat", sagte Rösler. Fünf bis sechs Millionen Menschen haben
sich bislang impfen lassen. 50 Millionen Dosen wurden bestellt. Anders
als zunächst gedacht, reicht eine Impfung. Eine zweite ist
unnötig. Der bestellte Impfstoff dürfte teils nicht gebraucht
werden. Die Länder müssten dieses Serum bezahlen, sagte Rösler.
"Die Länder sind der Auffassung, dass der Bund die Kosten
übernehmen müsste oder Lösungen aufzeigen, wie man Kosten vermeidet",
entgegnete Hoffmeier. Der Bund müsse klären und mit Drittstaaten
verhandeln, ob Impfstoff abgegeben werde. Die Bezahlung sei dabei ein
Aspekt. "Die Länder beabsichtigen nicht, Impfstoff zu verschenken."
Thüringens Gesundheitsstaatssekretär Hartmut Schubert
(SPD) nannte als mögliche interessierte Länder für das Serum
Pandemrix® im "Westfalen-Blatt" die Ukraine, Moldawien und Afghanistan.
In Deutschland gehe die Zahl der Patienten mit
Grippe-Symptomen in den Praxen zwar zurück, sagte Rösler. "Von einem
Wellental soll man sich nicht täuschen lassen", meinte er aber. "Es
kann eine zweite Welle geben, es kann Mutationen des Virus geben",
sagte der Geschäftsführer der Bundesärztekammer, Christoph Fuchs.
"Risiken sollten nicht unterschätzt werden", sagte KBV-Vorstand
Carl-Heinz Müller in Bezug auf womöglich wieder stark ansteigende
Krankenzahlen im Januar. "Es wäre falsch, diese Krankheit zu
verharmlosen, weil es auch Todesfälle und schwere Verläufe gibt",
mahnte der Präsident des Verbands der Kinder-und Jugendärzte, Wolfram
Hartmann.
Insgesamt gibt es bislang 190 000 registrierte Fälle
in Deutschland. Die Dunkelziffer ist hoch. 86 Menschen starben an dem
Virus, 85 Prozent davon mit schweren Vorerkrankungen. Am häufigsten
betroffen seien von der Schweinegrippe Patienten bis zum 24.
Lebensjahr, warnte Hartmann. Kinder ab sechs Monaten sollten geimpft
werden. Wer
mit jüngeren Babys umgehe, müsse sich impfen lassen oder einen
Mundschutz tragen. "Das ist unabdingbar."
Rösler ermahnte insbesondere Ärzte und Pfleger, sich impfen zu
lassen. Nur rund 15 Prozent dieser Gruppe hätten eine Impfung.
Insgesamt sei ein Impfschutz bei 30 Prozent der Bevölkerung nötig, um
einer Ausbreitung des Virus durch die Massenimpfung Einhalt zu
gebieten. Hartmann kritisierte Pannen zum Start der Aktion. Die Ärzte
hätten sich schlecht informiert gefühlt, die Organisation sei teils
chaotisch gewesen.
Für Schwangere soll es bis Mitte Dezember 150 000
Dosen eines Serums ohne Adjuvans geben.
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