Ärzte Zeitung, 08.12.2009

"Infektionskrankheiten werden unterschätzt"

Den Präsidentenstuhl des Paul-Ehrlich-Institutes (PEI) hat Professor Johannes Löwer vor kurzem verlassen. Er wird die Aktivitäten des PEI zur Grippe-Pandemie in den kommenden Monaten weiter koordinieren. Im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" zieht Löwer eine Zwischenbilanz des Impfprogramms und kommentiert tatsächliche und vermeintliche unerwünschte Wirkungen.

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Spritzen für die Schweinegrippe-Impfung. Bis Ende November wurden in Deutschland etwa neun Millionen Impfdosen ausgeliefert.

Foto: dpa

Ärzte Zeitung: Die aktuellen Karten zur Grippeausbreitung in Deutschland sehen so aus, als sei der Zenit der ersten Welle mittlerweile überschritten. Sehen Sie das auch so?

Professor Johannes Löwer: Wir haben tatsächlich den Eindruck, dass die Zunahmerate geringer wird. Das deutet üblicherweise darauf hin, dass eine Infektionswelle abklingt. Die Daten sehen zudem nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen Ländern der Nordhalbkugel so aus. Sicher können wir aber noch nicht sein.

Ärzte Zeitung: Wird es eine zweite Welle geben?

Löwer: Wir hatten ja eigentlich im Sommer schon von der ersten Welle gesprochen. Demnach wäre die nächste Welle dann die dritte. Im Sommer waren die Erkrankungen aber fast alle importiert, während wir heute bei der weit überwiegenden Zahl der Patienten autochthone Infektionen haben. Man muss auch sagen, dass es bei früheren Grippepandemien keine reiseassoziierten Wellen gab, weil weniger gereist wurde. So gesehen könnten wir derzeit tatsächlich noch von der ersten Welle sprechen, und damit stünde uns die für Pandemien typische zweite Welle noch bevor.

Ärzte Zeitung: Wenn dem so wäre, wann würde sie kommen?

Löwer: Das ist jetzt spekulativ. Aber denkbar ist, dass wir nach Abklingen dieser Welle der Neuen Grippe eine Welle der normalen saisonalen Grippe bekommen und dann im Anschluss daran erneut eine Welle der Neuen Grippe. Es gab Pandemien in der Vergangenheit, bei denen die zweite Welle schon nach wenigen Monaten kam. Es gab andere, da hat es ein Jahr gedauert. Daraus lässt sich also nicht viel ableiten.

Ärzte Zeitung: Die aktuelle Impfaktion ist ja die erste Impfaktion nach Inkrafttreten des Pandemieplans. Wie beurteilen Sie den bisherigen Verlauf?

Löwer: Ich denke schon, dass alle Beteiligten, also Behörden, Verbände, Länder und Bund, nach Ende der Pandemie eine Manöverkritik machen sollten. Dass bisher alles optimal gelaufen wäre, wird niemand ernsthaft behaupten wollen. Verbesserungsbedarf sehe ich zum Beispiel bei der Kommunikation: Es kann nicht sein, dass Experten oder selbst ernannte Experten im Wochenrhythmus sich widersprechende Botschaften verbreiten. Es hat sich zum Beispiel kaum ein sogenannter Experte vor einer öffentlichen Stellungnahme beim Paul-Ehrlich-Institut mit Informationen versorgt. Und viele der Stellungnahmen, die abgegeben wurden, zeigen auch, dass es die Betreffenden nicht für nötig gehalten haben, die Bewertungsberichte der EMEA zu lesen, bevor sie sich geäußert haben. Das ist sicher nicht optimal. Auch bei der Impfstoffverteilung gibt es Verbesserungsmöglichkeiten.

Ärzte Zeitung: Wie viele Dosen des Impfstoffs wurden denn bisher in Deutschland verimpft?

Löwer: Wir haben dazu im Moment keine genauen Daten. Wir wissen, dass bis Ende November etwa neun Millionen Dosen ausgeliefert worden sind. Genaue Daten zu den tatsächlich verimpften Dosen werden wir erst dann präsentieren können, wenn wir die Abrechnungsdaten des vierten Quartals haben.

Ärzte Zeitung: Also Anfang 2010?

Löwer: Im Idealfall. Aber das ist auch so ein Thema. Das Paul-Ehrlich-Institut hat alle Länder angeschrieben mit der Bitte, die Daten rasch zur Verfügung zu stellen. Bisher haben sich nur fünf Länder fest bereit erklärt, das auch zu machen. Das Ganze ist nicht so trivial, wie es klingt. Ohne genaue Kenntnis der Zahl der verimpften Dosen können wir immer nur ungefähre Angaben zu den unerwünschten Wirkungen machen. Vor diesem Hintergrund denke ich schon, dass wir für die Zukunft im Pandemiefall über ein einheitliches Meldesystem für verimpfte Dosen nachdenken sollten.

Ärzte Zeitung: Wie beurteilen Sie die Diskussionen über die Schweinegrippe in der Öffentlichkeit?

Löwer: Es ist in Deutschland nicht ungewöhnlich, dass Infektionskrankheiten eher unterschätzt werden, weil viele schwere Infektionen so selten geworden sind - auch dank der Impfprogramme. Dazu kommt, dass diese Grippe nun in der Tat nicht so gravierend verläuft, wie wir das erwartet haben. Insofern ist eine gewisse Skepsis in der Öffentlichkeit weder verwunderlich noch unberechtigt. Das Problem ist allerdings, dass in solcher Situation Verschwörungstheorien so gut gedeihen.

Ärzte Zeitung: Eine aktuelle Diskussion aus dieser Kategorie dreht sich darum, dass die Impfstoffe gegen die Schweinegrippe die Substanz Squalen enthalten sollen, die unter anderen für das Golfkriegssyndrom verantwortlich gewesen sei. Was ist Squalen, und was ist zu dieser These zu sagen?

Löwer: Squalen ist ein Zwischenprodukt des Cholesterin-Stoffwechsels. Es wird in der Leber aufgebaut ist und konstant im Blut nachweisbar. Für den Einsatz in Arzneimitteln wird es aus Haifischleber gewonnen. Es ist auch in vielen Nahrungsmitteln enthalten, vor allem in Olivenöl. Entsprechend lässt sich Squalen, abhängig von den Ernährungsgewohnheiten, bei jedem Menschen nachweisen. Squalen ist als Teil von Adjuvanzien in der Tat in Impfstoffen enthalten, auch im Impfstoff gegen die Neue Grippe. Es dient dazu, das Immunsystem am Injektionsort zu stimulieren. Die These zu Squalen als Auslöser des Golfkriegssyndroms geht auf eine winzige Studie zurück, bei der bei Soldaten mit diesem unspezifischen Müdigkeitssyndrom vermehrt Antikörper gegen Squalen gefunden worden waren. Die Vermutung war, dass der Anthrax-Impfstoff Squalen enthalten habe und das Golfkriegssyndrom demnach eine Impffolge sei. Das ist später in den USA allerdings sehr gut untersucht worden.

Es wurden große Kohorten analysiert. Und das Ergebnis war, dass Antikörper gegen Squalen in der amerikanischen Bevölkerung sehr häufig nachweisbar sind, und ein Zusammenhang zwischen Squalen und dem Syndrom nicht nachweisbar war. Zudem enthielt der Anthrax-Impfstoff gar kein Squalen. Das Erschreckende ist, dass eine einzige Ärztin mit einer offensichtlich schlecht recherchierten Info-Mail einen solchen Widerhall findet.

Ärzte Zeitung: Wie sieht die derzeitige Statistik bei den impfungsassoziierten Ereignissen aus?

Löwer: Definitive Daten können wir aus dem oben genannten Grund derzeit noch nicht präsentieren. Was wir aber machen können, ist ein Vergleich des Meldungsspektrums bei der Impfung gegen die Neue Grippe mit dem bei der saisonalen Impfung. Wenn dieses Spektrum nach Organklassen gegliedert wird, sehen wir ein sehr ähnliches Bild. Die einzige Ausnahme sind Lokalreaktionen und unspezifische Allgemeinreaktionen wie Fieber. Die sind bei der Impfung gegen die Neue Grippe häufiger. Das haben auch schon die Studien gezeigt. Was Todesfälle angeht: Wir haben derzeit 25 mit der Impfung zeitlich assoziierte Todesfälle. Das ist im Rahmen dessen, was zu erwarten war. Es gibt außerdem drei Fälle von Guillain-Barré-Syndrom, von denen bisher aber nur einer bestätigt wurde. Auch das liegt im zu erwartenden Bereich.

Ärzte Zeitung: Sie haben das Paul-Ehrlich-Institut gerade verlassen und sind jetzt Präsident des BfArM. Werden Sie dem Thema Pandemie auch von dort aus treu bleiben können?

Löwer: Formal habe ich die Altersgrenze für Beamte erreicht. Weil es nicht ganz einfach ist, einen neuen BfArM-Chef zu finden, hat mich der Bundesgesundheitsminister gebeten, die Leitung des BfArM noch für eine gewisse Zeit zu behalten. Wir haben in Absprache mit dem neuen PEI-Präsidenten Klaus Cichutek vereinbart, dass ich die Aktivitäten des PEI bei der Grippepandemie in den nächsten Monaten noch weiter koordiniere. Ich bleibe der Neuen Grippe also erhalten.

Das Interview führte Philipp Grätzel von Grätz

Zur Person

Professor Johannes Löwer war bis Ende November Präsident des Paul-Ehrlich-Institutes. Seit 1. Dezember ist er Präsident des Bundesinstitutes für Arzneimittel und Medizinprodukte, das er zuvor kommissarisch geleitet hat. Der Arzt und Biochemiker ist ein international anerkannter Experte, nicht nur zum Thema H1N1.

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