Ärzte Zeitung, 08.03.2010
Ernst oder harmlos? Daten zu Schweinegrippe
lassen beide Schlüsse zu
225 828 Infizierte durch das neue
Schweinegrippe-Virus in
Deutschland und 241 Tote scheinen auf eine relativ harmlose Erkrankung
zu deuten. Der Blick sollte jedoch auch auf das Alter der Erkrankten
und Gestorbenen gerichtet werden. Denn die sind weit jünger
als
bei üblichen saisonalen Influenzawellen. Endgültige
Daten
wird es jedoch erst im Herbst geben.
Von Werner Stingl
MÜNCHEN. Im
Frühjahr 2009 begann das neue
H1N1-Virus um die Welt zu reisen und erreichte Anfang Mai auch
Deutschland. Bis Mitte Oktober köchelte die Schweinegrippe auf
niedrigem Niveau. Die Mehrzahl der Erkrankungen war bis dahin
importiert.
Ab der 43. Kalenderwoche schoss die Inzidenz jedoch rapide
nach oben und erreichte in der 47. Woche (Mitte November) mit
über
45 000 gemeldeten Neuerkrankungen ihren nationalen
Höhepunkt,
so Professor Tom Schaberg vom Diakoniekrankenhaus Rotenburg zu
H1N1-Daten vom Robert Koch-Institut (RKI). Zu diesem Zeitpunkt waren
fast alle Infektionen autochthon.

Der Besitzer dieses Impfausweises
gehört in Deutschland zu einer Minderheit. Nur etwa zehn
Prozent der Menschen ließen sich gegen Schweinegrippe impfen.
© dpa
Genauso schnell wie die Infektionsrate in Deutschland
angeflutet
war, ebbte sie auch wieder ab. Bereits in der 53. Kalenderwoche (28.
Dezember bis 3. Januar) war wieder das Niveau der 42. Woche erreicht.
Ob es im Frühjahr noch eine zweite autochthone Welle gibt, sei
im
Moment nicht zu sagen, so Schaberg bei einer Veranstaltung von GSK in
München.
Insgesamt sind in Deutschland bisher 225 828
an
Schweinegrippe Erkrankte registriert worden. Die Dunkelziffer
dürfte allerdings deutlich höher sein, so der
Pneumologe,
zumal die Meldepflicht für Schweinegrippe ab Mitte November
gelockert worden war und zudem von einer Vielzahl klinisch inapparenter
Verläufe auszugehen ist.
Wie hoch die tatsächliche Durchseuchung ist,
wäre aber
auch in Hinblick auf die erworbene natürliche
Herdenimmunität
gegen H1N1 höchst wissenswert, sagte Professor Frank von
Sonnenburg von der Uni München. Der Infektions- und
Tropenmediziner mahnte dazu epidemiologische Untersuchungen an.
In Deutschland 241 Tote durch H1N1 nachgewiesen
In Deutschland sind bisher 241 Menschen infolge der Neuen
Grippe
gestorben. Die WHO nennt weltweit fast 16 000 Todesopfer,
wobei in
vielen Regionen der Erde von weit höheren Todeszahlen
auszugehen
ist. Im Vergleich zu Todesfallstatistiken saisonaler Grippeepidemien
mutet die Mortalität der neuen Grippe als sehr gering an.
Dabei
sei allerdings im Auge zu behalten, dass in die H1N1-Todesstatistik
bislang nur nachgewiesene Infektionen eingehen, während die
Todesraten saisonaler Grippewellen lediglich anhand der
Exzessmortalität errechnet werden, so Schaberg. Zahlen zur
H1N1-Exzessmortalität - also der Übersterblichkeit im
Zeitraum der Viruszirkulation - wird es erst in der zweiten
Jahreshälfte 2010 geben. Die Schweinegrippe könnte
sich dann
deutlich tödlicher darstellen als zurzeit angenommen, sagte
Schaberg.
Wichtig zu berücksichtigen sei auch, dass infolge
einer
üblichen saisonalen Grippe überwiegend alte,
multimorbide
Menschen sterben. Die neue Grippe fordere dagegen
überproportional
bei jüngeren Menschen tödlichen Tribut, betonte
Schaberg und
verwies dazu auf Zahlen der Centers for Disease Control and Prevention
(CDC) aus den USA: Demnach entfielen von landesweit 9820
Schweinegrippe-Toten des vergangenen Jahres 1090 auf die Altersgruppe
der 0- bis 17-Jährigen, 7450 auf die 18 bis
64-Jährigen und
nur 1280 auf 65-Jährige und Ältere.
H1N1 trifft Jüngere eher als saisonale
Influenza-Erreger
In Deutschland weisen 35- bis 59-Jährige und unter
Einjährige die höchsten H1N1-Sterberaten auf. Wie in
den USA
war auch in Deutschland ein Großteil der infolge der
Schweinegrippe Verstorbenen mit Risikofaktoren vorbelastet. Viele
dieser Risikofaktoren, etwa ein gut eingestelltes Asthma bronchiale,
muten aber für sich betrachtet wenig bedrohlich an.
Bemerkenswert
sei, dass im Schatten der Schweinegrippe bislang praktisch keine
übliche saisonale Influenza aufkeimte.
Wer bei uns seit
Frühjahr 2009 eine echte Grippe hatte, hatte Schweinegrippe.
Ob
das ein zufälliges Ausbleiben der saisonalen Influenza ist
oder ob
und wie H1N1 andere Viren verdrängt hat, sind Fragen, auf die
die
Wissenschaft bislang keine Antworten hat.
Bisher unklar: Wie wirkten Impfungen auf Pandemie?
Und auch inwieweit die bisherigen Impfanstrengungen den
Verlauf der
Pandemie innerhalb einzelner Länder beeinflussen konnten, ist
vorerst offen. Möglicherweise könnte hier ein
künftiger
Vergleich der H1N1-Infektionsraten, der Altersverteilung und der
Mortalität zwischen Ländern mit sehr guter und eher
schlechter Impfdisziplin einen Aufschluss geben, sagte Dr. Michael
Pfleiderer vom Paul-Ehrlich-Institut in Langen. In Schweden etwa ist
weit über die Hälfte der Bevölkerung gegen
Schweinegrippe geimpft, in Deutschland nur etwa jeder Zehnte.
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