Ärzte Zeitung, 23.04.2010

Pandemie von 1918 bewahrte Ältere vor Schweinegrippe

Pandemie von 1918 bewahrte Ältere vor Schweinegrippe

Antikörper gegen das 1918er Virus neutralisieren H1N1

LA JOLLA (mut). Die Schweinegrippe-Pandemie verlief überraschend harmlos. Das liegt zum Teil wohl auch an der starken Ähnlichkeit des Virus mit dem Erreger der verheerenden Pandemie von 1918.

Die katastrophale Influenza-Pandmemie am Ende des Ersten Weltkrieges mit geschätzten 50 Millionen Toten hat sich offenbar stärker in das kollektive immunologische Gedächtnis eingebrannt als bislang vermutet - und dadurch gerade ältere Menschen vor der Pandemie des vergangenen Jahres geschützt, vermuten US-Forscher. So haben ältere Menschen noch schützende Antikörper gegen das H1N1-Virus von 1918, dessen Abkömmlinge bis weit in die 50er Jahre zirkulierten. US-Forscher konnten solche Antikörper bei älteren Menschen isolieren und zeigen, dass sie auch wirksam das H1N1-Virus von 2009 neutralisieren (J. Virology 84, 2010, 3127). Eine weitere Forschergruppe konnte dies in Tierexperimenten bestätigen: Wurden Mäuse gegen das 1918er Virus geimpft, waren sie auch immun gegen die Schweinegrippe. Umgekehrt waren gegen H1N1/2009 geimpfte Tiere ebenfalls immun gegen das rekonstruierte Virus von 1918. Die geimpften Mäuse waren jedoch nicht gegen saisonale Grippeviren geschützt, berichtet eine Arbeitsgruppe um Dr. Gary Nabel aus Atlanta (Sci Transl Med 2, 2010, 24ra21).

Den Grund für die immunologischen Kreuzreaktionen mit zwei 90 Jahre entfernten Virenstämmen haben Wissenschaftler inzwischen weitgehend geklärt. So stellten die Forscher um Nabel fest, dass das Hämagglutinin-Protein, mit dem Influenzaviren an menschlichen Zellen andocken, in beiden Pandemie-Stämmen nicht glykosiliert war, es präsentierte sich dem Immunsystem "nackt". Zudem war die immunogene Region am Hämagglutinin in beiden Stämmen praktisch identisch, hat eine Gruppe um Dr. Ian Wilson aus La Jolla anhand von Strukturanalysen herausgefunden (Science 328, 2010, 357).

Daraus ergibt sich folgendes Bild: Bei einer saisonalen Influenza entwickelt das Immunsystem vor allem Antikörper gegen die Zuckermoleküle am Hämagglutinin. Diese ändern sich ständig, der Impfstoff muss jährlich angepasst werden. Bei den Pandemien von 1918 und 2009 wurden dagegen Antikörper direkt gegen das über Jahrzehnte hinweg unveränderte, "nackte" H1N1-Hämagglutinin gebildet. Wer Antikörper gegen das 1918er Virus hatte, war demnach auch gegen das 2009er Virus geschützt. Dazu musste man aber mindestens 70 bis 80 Jahre alt sein. Denn in den 30er Jahren bedeckten die 1918er Abkömmlinge ihre Blöße am Hämagglutinin zunehmend mit einem hochvariablen Zuckermantel. Genau das wird jetzt wieder erwartet.

Lesen Sie dazu auch:
Schweinegrippe seit einem Jahr unter Menschen

Weitere aktuelle Berichte zum Thema Schweinegrippe (Neue Grippe) finden Sie auf unserer Sonderseite

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Welche Stoffe in Energy-Drinks wirken auf Herz und Kreislauf?

Energy-Drinks haben eine durchschlagende Wirkung: Es kommt zu signifikanten Verlängerungen des QTc-Intervalls, und der systolische Blutdruck ist erhöht. Möglicherweise ist dafür nicht nur das Koffein verantwortlich. mehr »

"GOÄ-Novelle bis Ende 2017 ist sportliches Ziel"

Wann kommt die neue GOÄ? Im Interview mit der "Ärzte Zeitung" verrät GOÄ-Verhandlungsführer Dr. Reinhard genaueres. mehr »

"Harte Hand" schadet dem Schulerfolg

Den Lebenswandel eines Kindes kann ein sehr strenges Elternhaus negativ beeinflussen, belegt eine Studie. mehr »