Ärzte Zeitung online, 17.09.2010

Narkolepsie durch Schweinegrippe-Impfung? Eher Entwarnung

Genetische, Lebensstil- und Umweltfaktoren spiele Rolle bei Narkolepsie

Bereits im August hatte die schwedische Arzneimittelagentur (MPA) von Narkolepsiefällen im zeitlichen Zusammenhang mit der Schweinegrippe-Impfung berichtet. Ein kausaler Zusammenhang erscheint bisher nicht plausibel. Nun hat die MPA neue Informationen dazu veröffentlicht.

Von Michael Hubert

Eher Entwarnung zu Narkolepsie durch Schweinegrippe-Impfung

Aufgezogene Spritzen mit dem pandemischen H1N1-Impfstoff: In Schweden wurden insgesamt 22 Narkolepsie-Fälle im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung bekannt.

© dpa

UPPSALA. Bis Anfang September seien von Mitarbeitern des Gesundheitswesens insgesamt 22 Fälle einer Narkolepsie nach einer Impfung mit Pandemrix® gemeldet worden. 20 dieser Fälle betreffen Kinder und Jugendliche, also unter 18-Jährige. In ihrer aktuellen Stellungnahme vergleicht die MPA nun die Narkolepsie-Inzidenzen: Zum einen die der gegen Schweinegrippe geimpften Bevölkerungsgruppe mit der Inzidenz ungeimpfter, zum anderen mit der Inzidenz in der Zeit vor Beginn der Pandemie-Impfungen.

Pro Jahr wird in Schweden demnach bei etwa 100 Menschen eine Narkolepsie neu diagnostiziert. Der überwiegende Anteil stammt aus der Altersgruppe der 20- bis 40-Jährigen. In den vergangenen sechs Jahren wurden bei Menschen unter 20 Jahren 7 bis 17 Narkolepsie-Neuerkrankungen pro Jahr gemeldet, schreibt die MPA auf ihrer Homepage. Da etwa Zweidrittel der Kinder und Jugendlichen in Schweden gegen Schweinegrippe geimpft wurden, ist rechnerisch eine Zahl von zehn Narkolepsiediagnosen zu erwarten. Die Zahl der Narkolepsiemeldungen im Zusammenhang mit der pandemischen Impfung (20) ist also höher als die erwartete Zahl (10), resümiert die MPA.

Anstieg der Narkolepsiefälle ähnlich hoch

Die MPA hat zusätzlich einen Vergleich der Narkolepsie-Inzidenzen aus dem Bezirk Stockholm unternommen. Hier wurden alle mit Pandemrix® Geimpften in einem eigenen Register erfasst. Auch hier hatten etwa Zweidrittel der Kinder und Jugendlichen eine Schweinegrippe-Impfung erhalten. Von den im Bezirk Stockholm gemeldeten sechs Narkolepsiefällen bei unter 18-Jährigen fallen vier in die Gruppe der Pandemie-geimpften und zwei in die ungeimpfte. Von den zehn Patienten mit einer Narkolepsie-Diagnose im Alter von 18 Jahren oder höher, wurden fünf gegen Schweinegrippe geimpft und fünf nicht. Die statistische Berechnung habe hier keine Unterschiede ergeben, so die MPA. Der Anstieg der Narkolepsie-Inzidenz habe sowohl in der geimpften als auch der ungeimpften Gruppe ein ähnliches Ausmaß, folgert die MPA.

Die schwedische Agentur bietet mehrere mögliche Erklärungen für den Anstieg der Narkolepsie-Inzidenz in der Zeit der Schweinegrippe-Impfung in Schweden an: Zum einen könnte durch die neue Pandemie-Vakzine die Aufmerksamkeit für unerwünschte Arzneimittelwirkungen insgesamt erhöht sein. Hier läge dann ein sogenannter Erfassungs- Bias vor. Daher sei es wichtig, dass über die Narkolepsie-Erkrankungen möglichst genau und detailliert berichtet wird. Das gelte vor allem hinsichtlich des Auftretens der ersten Symptome der Erkrankung, so die MPA weiter.

Autoimmunreaktion als eine Narkolepsieursache?

Zum anderen seien Impfstoffe gegen eine Reihe von Erkrankungen mit Autoimmunreaktionen assoziiert, wenn auch nur selten. Einen solchen Mechanismus kann sich die MPA auch hinsichtlich der Narkolepsie vorstellen. Hierzu schreibt das in Deutschland für Impfstoffe zuständige Paul-Ehrlich-Institut (PEI) in einer Stellungnahme: "Dem PEI sind in den vergangenen Jahren isolierte Verdachtsfälle einer Narkolepsie nach anderen Impfstoffen berichtet worden. Zwei Fälle aus den Jahren 2004 und 2006 betrafen Kinder im Alter von acht und 13 Jahren, die FSME-Impfungen erhalten hatten. Beim dritten Fall handelte es sich um eine 48 Jahre alte Frau nach Tollwutimpfung. Zu beachten ist, dass aus der zeitlichen Assoziation von Verdachtsfällen von unerwünschten Arzneimittelwirkungen nicht automatisch auf einen ursächlichen Zusammenhang geschlossen werden kann."

Die MPA weist auf ihrer Homepage ausdrücklich daraufhin, dass das Wissen um die möglichen Ursachen einer Narkolepsie noch weitgehend unvollständig ist. Lebensstilfaktoren wie Stress und stark belastende Situationen seien ebenso mit dem Auftreten von Narkolepsie verbunden, wie Umweltfaktoren, etwa Infektionen mit Grippeviren oder Streptokokken sowie Fiebererkrankungen. Auch angeborene Faktoren spielten eine Rolle. Hierzu erläutert das PEI auf seiner Homepage, dass 98 Prozent der kaukasischen Narkolepsie-Patienten einen bestimmten HLA-Typ aufweisen. In wenigen Fällen trete Narkolepsie auch nach Schädigungen bestimmter Hirnregionen (Hirnstamm und Dienzephalon) auf. Darüber hinaus würden multifaktorielle Ursachen mit Störungen im cholinergen und noradrenergen System sowie eine Verminderung Hypocretin-haltiger Neurone im dorsolateralen Hypothalamus angenommen, so das PEI weiter.

Die zuständigen Gesundheitsinstitute innerhalb der EU befinden sich jedenfalls in enger Abstimmung in Bezug auf Narkolepsie und Pandemie-Impfung. Die MPA möchte vor allem Daten zu gegen Schweinegrippe geimpften Menschen erhalten, die nicht das in Schweden verimpfte Pandemrix®, sondern einen anderen Pandemie-Impfstoff erhalten haben.

Weitere Informationen:
www.lakemedelsverket.se
www.pei.de
www.ema.europa.eu

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