Ärzte Zeitung online, 29.11.2011

Schweinegrippe-Impfstoff endet im Ofen

Zu Beginn der Schweinegrippe-Pandemie waren die Menschen verrückt nach dem Impfstoff Pandemrix. Deutschland gab Millionen dafür aus - doch nach und nach ebbte der Hype ab. Das Mittel wurde zum "Flop" - und landet jetzt als Müll im Heizkraftwerk.

Von Silke Katenkamp

Schweinegrippe-Impfstoff endet im Ofen

Auf dem Weg ins Feuer: Schweinegrippe-Impfstoff im Wert von 130 Millionen Euro.

© dpa

MAGDEBURG. Um den Abfall, der im Müllheizkraftwerk Rothensee landet, schert sich normalerweise kein Mensch. Am Dienstag dagegen herrscht auf dem Gelände im Norden von Magdeburg der Ausnahmezustand.

Rund zwei Dutzend Journalisten haben sich am Morgen auf der Anlage neben der Elbe versammelt. Denn in dem rund 40 Meter hohen Brennofen wird an diesem Tag nicht nur gewöhnlicher Hausmüll verheizt - sondern womöglich einer der größten Flops in der deutschen Gesundheitsgeschichte: der pandemische Impfstoff gegen die Schweinegrippe.

196 Paletten mit insgesamt 16 Millionen Impfdosen sind es, die hier bis Mittwochmittag nach und nach vernichtet werden. Bis vor kurzem wurden sie zentral von den Bundesländern gelagert. Nun ist das Haltbarkeitsdatum abgelaufen.

Ein lauter Ruf nach dem Impfstoff

Der Impfstoff, für den die Länder einst 130 Millionen Euro zahlten, geht jetzt bei 1000 Grad in Flammen auf. Da fallen die 14.000 Euro Verbrennungskosten - Magdeburg machte das günstigste Angebot - nicht mehr groß ins Gewicht.

Vor zwei Jahren wäre dieses Szenario undenkbar gewesen. Als im Frühjahr 2009 der Virus H1N1 von Mexiko über die Welt zog, bekamen es die Menschen überall mit der Angst zu tun. Fußballstadien blieben leer, Schulen wurden geschlossen.

Wer öffentlich hustete wurde misstrauisch beäugt. Spätestens als die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Krankheit im Juni zur globalen Pandemie erklärte, rief die ganze Welt nach einem Impfstoff, der den Erreger stoppen könnte.

Jeder sollte geschützt werden können

Auch die deutschen Bundesländer orderten vorab Millionen Impfdosen bei Glaxosmithkline (GSK). Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) trieb den Bestellprozess voran.

Erklärtes Ziel der Regierungschefin: Jeder, der es will, soll sich vor der neuen Grippe schützen können. Die Operation Schweinegrippe sollte damit zur größten Impfaktion in der Geschichte der Bundesrepublik werden.

Als der Impfstoff Ende Oktober zur Verfügung stand, wurden Arztpraxen anfangs förmlich überrannt. An manchen Orten waren die Dosen in null Komma nichts verbraucht.

Doch der Ansturm hielt nicht lange an. Denn auf einmal wurde deutlich: Die neue Grippe verlief viel milder als befürchtet. Zudem wurden die Menschen über Berichte von Nebenwirkungen verunsichert. Viele verzichteten deswegen auf die Immunisierung.

Ärgerlich für die Bundesländer

Dabei blieb es auch, als Bundesregierung und Ärzte im Winter die Bürger eindringlich zum Impfen aufriefen. Schon da zeichnete sich ab: Der Impfstoff wird zum Ladenhüter. Auch, weil nur noch eine Dosis pro Person nötig war. Anfangs war man von einer Zweifach-Impfung ausgegangen.

"Für die Bundesländer war das ärgerlich", sagt ein Sprecher des Gesundheitsministeriums in Sachsen-Anhalt. Sie blieben auf Kosten von 239 Millionen Euro sitzen.

Zwar konnten sie GSK von anfangs 50 Millionen bestellten Impfdosen auf 34 Millionen herunterhandeln. Doch davon blieben 28,7 Millionen übrig. Die Krankenkasse kamen aber nur für Dosen auf, die auch genutzt wurden.

Aus dem Impfstoff wird Strom

In den vergangenen Monaten lief das Haltbarkeitsdatum ab - das Mittel gegen die Schweinegrippe war damit zum Restmüll verkommen. Rund 12,7 Millionen Impfdosen haben die Bundesländer in Eigenregie vernichten müssen.

Sie waren an Ärzte und Gesundheitsämter verteilt worden. Die Paletten, die jetzt in Magdeburg verheizt werden, stammen aus einem zentralen Lager der Länder.

Am Dienstag brachten fünf Lastwagen einen ersten Teil ins Müllheizkraftwerk. Dort wird der Impfstoff samt Originalverpackung zunächst in einem hallengroßen Bunker mit Hausmüll vermischt.

Durch einen Schacht rutscht das Ganze dann in den Verbrennungsofen - und wird anschließend zu Wärme und Strom für rund 42.000 Haushalte in Magdeburg. Etwas Gutes hat der Impfstoff damit doch noch gebracht. (dpa)

[24.12.2011, 14:38:00]
Dr. Horst Grünwoldt 
Impfstoff-Vernichtung
Der volkswirtschaftliche Schaden durch einen produzierten, gekauften und ungenutzt vernichteten Grippe-Impfstoff ist beträchtlich.
Dafür könnte man wenigstens zwei schöne Stadt-Theater für die nächsten 100 Jahre bauen.
Das Impfvolk hat überwiegend entschieden, sich nicht gegen die Schweinegrippe impfen zu lassen.
Schließlich ist das keine "Pflicht-Impfung", wie das einst die Pocken-Schutzimpfung war oder für die tropischen Regionen der Welt immer noch die Gelbfieber-Impfung ist.
Jedenfalls haben nur relativ wenige Menschen in unserem Lande an die neuerlichen Pandemie-Erklärungen der WHO und des RKI/FLI geglaubt.

Sollte nicht bei der nächsten "Seuchen"-Warnung durch unsere staatlichen Oberbehörden und vor dem Anlaufen der vergänglichen Impfstoff-Produktion, durch eine repräsentative Volks-Umfrage abgeklärt werden, wie groß der Bedarf an Vaccine über den engeren Kreis der Risikogruppen (Ärzte und öff. Bedienstete) hinaus in der Bevölkerung überhaupt ist?
Für das Massengeschäft der Pharmaindustrie und ihrer Aktionäre wäre das Ergebnis natürlich weniger profitabel als beim letzten Mal.
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt aus Rostock zum Beitrag »

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