Ärzte Zeitung online, 07.05.2010

Deutsche Forscher sagen Blutvergiftung mit Eiweißmolekülen den Kampf an

BORSTEL (eb). Deutsche Wissenschaftler haben synthetische Eiweißmoleküle entwickelt, mit denen sich - zumindest in vorklinischen Versuchen - eine bakterielle Sepsis wirksam eindämmen lässt.

Jährlich erkranken in Deutschland 154 000 Menschen an Sepsis - fast 70 000 sterben an den Folgen der Blutvergiftung. Sepsis entwickelt sich bekanntlich, wenn das Immunsystem als Reaktion auf eine bakterielle Infektion außer Kontrolle gerät. Medikamente wie Antibiotika helfen nur bedingt gegen die Erkrankung, die zu 30 bis 50 Prozent tödlich verläuft. Nun hat der Biophysiker Professor Klaus Brandenburg vom Forschungszentrum Borstel, Leibniz-Zentrum für Medizin und Biowissenschaften, mit seinem Team Wirkstoffe auf der Basis synthetischer Eiweißmoleküle entwickelt, die Hoffnung auf eine wirksame Behandlung von Sepsis-Patienten machen.

Bei einer Sepsis dreht das Immunsystem regelrecht durch: Es reagiert sehr stark und setzt große Mengen an Botenstoffen frei, die den gesamten Körper alarmieren und überall Entzündungen auslösen. Sobald lebenswichtige Organe wie die Lunge betroffen sind, können die Patienten daran sterben.

Verheerende Entzündungen durch Bakterienstoffe

Schlüsselmoleküle beim Ausbruch der Sepsis sind Lipopolysaccharide (LPS). Sie werden auch als Endotoxine bezeichnet und befinden sich auf der bakteriellen Hüllmembran. LPS werden bei der Zellteilung der Bakterien, bei Angriffen auf das Immunsystem oder bei der Behandlung mit Antibiotika freigesetzt. Das Immunsystem erkennt es als einen Feind, gegen den es sofort Gegenmaßnahmen einleitet. Bei einer Sepsis ist die LPS-Konzentration jedoch so hoch, dass der Körper eine verheerende Entzündungsreaktion in Gang setzt.

"Ein großes Problem ist, dass Medikamente wie Antibiotika bei der Bekämpfung der Bakterien die LPS erst freisetzen, sie aber nicht binden können", sagt Brandenburg. Synthetische Peptide dagegen, also kleine Eiweißmoleküle einer Kette von 20 bis 50 Aminosäuren, können diese Bindefunktion übernehmen. Brandenburg ist es bereits gelungen, Peptide künstlich herzustellen, bei denen schon ein Peptid-zu-LPS-Verhältnis von 10 zu 1 ausreicht, um die Entzündungsreaktion wirkungsvoll zu hemmen.

Diese Peptide können darüber hinaus auch bei Virusinfektionen das Immunsystem stärken. Die Wirksamkeit der Peptide bei LPS wurde bereits sowohl im Reagenzglas als auch in lebenden Organismen nachgewiesen. Nun müssen die Peptide auf mögliche unerwünschte Wirkungen getestet werden. Brandenburg möchte nach der noch laufenden vorklinischen Testphase Anfang 2011 mit der klinischen Phase beginnen.

Die Marktchancen seien gewaltig, heißt es in einer Mitteilung des Forschungszentrums: Allein in den USA schätze man die Ausgaben für die Behandlung von Sepsis-Patienten auf jährlich 17 Milliarden Dollar, in Deutschland auf 1,77 Milliarden Dollar. "Wir werden uns um die Schutzrechte in Europa, Amerika und Japan bemühen", sagt Brandenburg.

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