Ärzte Zeitung online, 25.08.2010

Kliniken reagieren auf Infusionspanne

Der Klinikskandal um verseuchte Infusionen in Mainz hat deutsche Kliniken aufgeschreckt. Verfahren und Nährlösungen werden überprüft, Chargen zurückbehalten. Keiner will, dass so etwas bei ihm passiert.

MAINZ (dpa). Sie ziehen Infusionslösungen aus dem Verkehr, checken Verfahren oder mahnen die Mitarbeiter zu noch mehr Vorsicht. Deutsche Krankenhäuser reagieren mit zahlreichen Maßnahmen auf den Tod dreier Babys, die in der Mainzer Uniklinik mit Enterobakterien verunreinigte Nährlösungen bekommen hatten. "Wir sind jetzt noch sorgfältiger", sagte etwa der ärztliche Leiter der Intensivstation für Neu- und Frühgeborene der Darmstädter Kinderkliniken Prinzessin Margaret, Dr. Georg Frey.

In Thüringen werden Chargen der in Mainz verwendeten Infusionslösungen vorsorglich so lange nicht verwendet, bis die Umstände der Tragödie vollständig geklärt seien, hieß es dort vom Gesundheitsministerium. Auch an einigen Kliniken in Baden-Württemberg und an den Universitätskliniken Frankfurt am Main und Leipzig verabreichen die Ärzte diese Produkte erst einmal nicht mehr. Das sei eine reine Vorsichtsmaßnahme, sagte eine Sprecherin des Klinikums Stuttgart.

Es gibt aber auch abwartende Reaktionen: So wies die Krankenhausgesellschaft Mecklenburg-Vorpommern alle 38 Krankenhäuser im Land auf den Mainzer Fall hin. Konsequenzen würden gezogen, sobald die Ursache geklärt sei, sagte Geschäftsführer Wolfgang Gagzow.

Aus den Hamburger Asklepios-Kliniken hieß es, man sei alarmiert und habe alle Klinikmitarbeiter nochmals an die strengen Hygienevorschriften erinnert. "Zur Herstellung von Nährlösungen gibt es ein strenges Sicherheitsprozedere unter sterilen Bedingungen", betonte Klinik-Sprecher Jens Bonnet.

Der Klinikkonzern Gesundheit Nordhessen in Kassel kündigte an, alle Abläufe zu überprüfen. Das Düsseldorfer Uniklinikum kontrollierte - wie andere Krankenhäuser in Deutschland auch - alle Nährlösungen. In Sachsen-Anhalt wollen die Kliniken ihr Qualitätsmanagement unter die Lupe nehmen. "Wir werden in den kommenden Tagen darüber beraten und diskutieren, wie wir es noch verbessern können", sagte Geschäftsführer Gösta Heelemann.

Er warnte jedoch vor Panikmache. Erst müsse genau feststehen, ob tatsächlich die verschmutzte Infusionslösung Ursache für den Tod der Babys war. Auch der Leiter der Apotheke des Uniklinikums Heidelberg, Thorsten Hoppe-Tichy, betonte: "Solange wir nicht ganz genau wissen, was passiert ist, haben wir nichts in der Hand, um die eigenen Prozesse zu verbessern."

Auch im Westpfalz-Klinikum mit Hauptsitz in Kaiserslautern, wo nach den Todesfällen alle Systeme überprüft wurden, hieß es: Erst, wenn die Ursachen für den Babytod geklärt seien, könnten gegebenenfalls Maßnahmen ergriffen werden. "So etwas Schreckliches darf eigentlich nicht passieren", sagte Geschäftsführer Peter Förster.

Das Uni Jena erhöhte derweil die ohnehin strengen Sicherheitsstandards bei der Anfertigung von Infusionslösungen, wie Sprecher Heiko Leske sagte. Und die vier kommunalen Krankenhäuser in Bremen checkten das Verfahren, mit dem die Nährlösungen in der eigenen Apotheke hergestellt werden. Dabei seien aber keine Mängel aufgefallen, sagte Sprecherin Karin Matiszick. Deshalb werde die Leitung auch vorerst keine Konsequenzen aus dem tragischen Fall ziehen.

An den Brandenburger Kliniken, die Stationen für Neugeborene haben, sind die Geschehnisse in Mainz intensiv ausgewertet worden. Bislang wird aber keine Notwendigkeit gesehen, von der bewährten Methode abzugehen. "Es gibt derzeit keinen Grund, etwas zu ändern", sagte der Leiter der Apotheke der Ruppiner Kliniken in Neuruppin, Christian Heyde. Dort werden ebenso wie im Potsdamer Klinikum Ernst von Bergmann die Nährlösungen zur Versorgung der jüngsten Patienten selbst hergestellt.

Das Klinikum Dritter Orden in München sieht nach den Worten des ärztlichen Direktors Peter Weidinger derzeit ebenfalls keinen Grund, an den bestehenden Kontrollen etwas zu ändern. Grundsätzlich könnten Fehler nie zu 100 Prozent ausgeschlossen werden. "Wo Menschen arbeiten, ist immer die Gefahr gegeben, dass etwas passiert."

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