Ärzte Zeitung, 20.03.2007

"Das Gefährliche an der Tuberkulose ist, sie zu unterschätzen"

Experten sehen steigendes Risiko durch multiresistente Erregerstämme aus Osteuropa / Krankheit aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit geraten

BERLIN (ble). Trotz weiter rückläufiger Infektionszahlen sehen Experten für Deutschland ein steigendes Risiko durch importierte Tuberkulose-Erreger aus den osteuropäischen Nachbarstaaten. Vor allem die so genannte multiresistente MDR-Tuberkulose bereitet den Medizinern zunehmend Kopfzerbrechen.

Vor drei Jahren wurden im nordrhein-westfälischen Landtag nach einem Tuberkulose-Fall eines Kantinenmitarbeiters 600 Menschen vorsorglich untersucht. Foto: dpa

MDR steht für "Multi Drug Resistance". "Wir bekommen aus Osteuropa eine neue Form der Tuberkulose. Die MDR-Tuberkulose nimmt dramatisch zu", sagt Dr. Dietrich Rohde, Ehrenvorsitzender des Bundesverbandes der Pneumologen und Vorstandsmitglied der Ärztekammer Nordrhein. "Wir kriegen die Tuberkulose jetzt mit einem neuen Gesicht wieder zurück."

Bis 2002 war Rohde niedergelassener Pneumologe in Mülheim an der Ruhr. Seitdem leitet er ein humanitäres Hilfs-Projekt im russischen Kaliningrad. Die Erfahrungen, die er in der Region gemacht hat, geben ihm Anlass zur Sorge: "Wenn ich die Situation in Russland sehe, dann graust es mir. Die Verbreitung nimmt dort exponentiell zu."

Gegen eine Rückkehr der Tuberkulose ist Deutschland Rohde zufolge schlecht gerüstet. Viele Hausärzte und hausärztlich tätige Internisten hätten heute kaum noch Erfahrung mit Tuberkulose-Patienten. Hinzu komme, dass die Zahl der Pneumologen und niedergelassenen internistischen Spezialisten mit pneumologischem Schwerpunkt nicht ausreiche. Etwa 1300 solcher Spezialisten in Praxen oder Kliniken gibt es bisher, bundesweit nötig aber wären nach Angaben von Rohde etwa 4000 Kollegen mit entsprechender Spezialisierung.

Für Dr. Walter Haas, Leiter des Fachgebiets für respiratorische Erkrankungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) in Berlin, sind allerdings vor allem Allgemeinärzte gefordert. "Es ist wichtig, dass auch in der hausärztlichen Allgemeinpraxis daran gedacht wird, dass es die Tuberkulose noch gibt", sagt er. Inzwischen sei die Krankheit aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verschwunden, beklagt er. "Dadurch geht viel Wissen sowohl bei der Diagnostik als auch bei der Therapie für eine schnelle Unterbrechung von Infektketten verloren", so Haas.

Bundesweit gebe es zudem zu wenig Weiterbildungsstellen sowie Lehrstühle an den Universitäten, an denen Infektiologen ihr Wissen weitergeben können. "Das Gefährliche an der Tuberkulose ist, sie zu unterschätzen. Eine Infektion muss nicht zwingend heute zu einer Erkrankung führen, sondern kann noch nach Jahrzehnten ausbrechen", so Haas.

Der RKI-Experte warnte zudem vor den Kostenfolgen der Erkrankung. So schlage die Behandlung eines Patienten mit MDR-Tuberkulose im Vergleich zu herkömmlichen Erregern teilweise mit dem 100fachen Euro-Betrag zu Buche.

Im Jahr 2005 sind nach Angaben des RKI in Deutschland 6045 Menschen an Tuberkulose erkrankt. In fast 2000 Fällen, etwa einem Drittel, waren ausländische Staatsangehörige davon betroffen.

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