Ärzte Zeitung online, 28.07.2009

Slumbewohner helfen Tuberkulose-Kranken

NEU-DELHI(dpa). Nur ein Schild der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) unterscheidet Ranis Haus von den unzähligen Lehmhütten in den engen Gassen einer Armensiedlung Neu-Delhis. Die 18-jährige Rani kümmert sich seit zweieinhalb Jahren als Freiwillige um Tuberkulose-Kranke in ihrem Slum.

Unterstützt wird sie dabei von der DAHW, die 1957 als Deutsches Aussätzigen-Hilfswerk gegründet und 2003 in Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe umbenannt wurde. Derzeit fördert das Hilfswerk 300 Projekte in Asien, Afrika und Südamerika.

Ranis Slum liegt am Stadtrand der indischen Hauptstadt. Hunde streunen durch die Gassen, Kühe fressen von Müllbergen, das Abwasser in der offenen Kanalisation stinkt. In einer der blau gestrichenen Hütten lebt Rani mit ihren Eltern. Ihr Vater ist seit Jahren arbeitslos und leidet an Diabetes. Ihre Mutter schuftet in einer Fabrik und verdient kaum genug, um die Familie durchzubringen. Dennoch engagiert sich Rani ehrenamtlich in der Nachbarschaft. An der Wand hängen Bilder, auf der sie mit Patienten zu sehen ist. In einem wackeligen Regal stapeln sich Boxen voller Medikamente.

Wenn ein neuer Fall von Tuberkulose (Tbc) bei einem Slumbewohner diagnostiziert wird, besucht Rani den Betroffenen. Nimmt der Patient ihre Hilfe an, erhält er im Rahmen des Soforthilfe-Programms für Tbc-Kranke (DOTS) eine Therapie. Das von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) unterstützte Programm soll helfen, die Infektionskrankheit in Indien einzudämmen, denn jedes Jahr gibt es nach offiziellen Angaben landesweit etwa 13 Millionen neue Fälle. Patienten können sich bei DOTS testen lassen und erhalten kostenlos Medikamente.

Dennoch können staatliche Kliniken allenfalls Teilerfolge erzielen. Für die meist armen Patienten ist oft schon der Weg zur Therapie unmöglich. Viele arbeiten als Tagelöhner und sind darauf angewiesen, auch vor oder nach der Arbeit behandelt zu werden. Die DOTS-Anlaufstellen schließen aber bereits gegen Mittag. "Doch die Patienten dürfen die Therapie nicht unterbrechen", erklärt Rani. Daher fährt sie regelmäßig zur Krankenstation und holt die nötigen Medikamente für ihre Nachbarn ab. "Die Patienten müssen dann die Tablette vor meinen Augen schlucken." Auch ihr Vater sei mit Hilfe von DOTS geheilt worden. Das habe sie motiviert, anderen zu helfen.

Geleitet werden die Freiwilligen-Projekte in Neu-Delhi von Rajbir Singh, dem medizinischen Berater der DAHW. Singhs Team besucht regelmäßig Slums in der Millionenmetropole und spricht mit Betroffenen und Lokalpolitikern, um aufzuklären und neue Anlaufstellen für Tbc-Kranke zu eröffnen.

Auch die 28-jährige Kekashan wurde durch die Arbeit der DAHW auf das Problem aufmerksam. Mit ihrem Mann und den drei Kindern lebt sie in einem winzigen Raum. Die inzwischen elfjährige Tochter ist seit ihrer Geburt behindert und braucht ständige Betreuung. Dennoch unterstützt Kekashan seit etwa vier Jahren Tuberkulose-Kranke.

Anders als Rani möchte Kekashan aber keine Fotos von sich in der Zeitung sehen. Vor allem ihr Mann hat Angst davor, dass Nachbarn im Slum erfahren könnten, dass in seinem Haus Tbc-Patienten betreut werden. "Menschen mit Tuberkulose und selbst Helfer sind noch immer stigmatisiert", weiß Singh. "Das ist sehr schwer für diese Familien. Wenn ihr Engagement öffentlich wird, könnten Kekashan und ihr Mann später Probleme bekommen, Ehepartner für ihre Kinder zu finden."

Rani indes geht trotz aller Widrigkeiten unbeirrt ihren Weg. Sie hat inzwischen schon mehr als 100 Patienten betreut und versorgt derzeit 17 erkrankte Nachbarn. "Auch wenn ich bald verheiratet werde, möchte ich weiter als Freiwillige arbeiten, die Universität besuchen oder einen Computerkurs machen", sagt die junge Frau und lächelt.

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