Ärzte Zeitung, 27.03.2006

HINTERGRUND

Ein Pandemie-Impfstoff im nächsten Jahr? Davon kann Ulla Schmidt nur träumen

Von Thomas Müller

Die Ankündigung war eine Überraschung: Die Bundesregierung will die Entwicklung eines "Breitband-Impfstoffs" gegen Vogelgrippe-Infektionen bei Menschen mit 20 Millionen Euro fördern. "Damit sind wir in der Lage, die Bevölkerung zu impfen, noch ehe das Virus mutiert ist", sagte Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt vergangene Woche in Berlin. Und: Der Impfstoff soll schon Ende 2007 vorliegen. Wird also ab 2008 die gesamte deutsche Bevölkerung gegen Vogelgrippe geimpft? Braucht sich dann keiner mehr vor einer Grippe-Pandemie zu fürchten?

Ein Behälter mit tiefgefrorenen H5N1-Viren im Blick. Dagegen werden neue Impfstoffe entwickelt. Foto: dpa

Eine Wunderwaffe wird es auch 2007 nicht geben

Wohl kaum. Eine Wunderwaffe gegen einen Pandemie-Erreger wird es auch 2007 nicht geben. Und Massenimpfungen dürften auch 2008 kein Thema sein. Die wären nach Angaben des Paul-Ehrlich-Institutes (PEI) sowieso weder praktikabel, noch finanzierbar, noch besonders sinnvoll - zumindest nicht mit den Vakzinen, die Ulla Schmidt im Blick hat.

Um was geht es also überhaupt, wenn von "Breitband-Impfstoffen" oder "Impfstoffen der zweiten Generation" die Rede ist?

Das Problem bei den bisherigen Influenza-Vakzinen ist, daß sie immer nur gegen wenige, aktuell kursierenden Stämme eines Subtyps wirken, derzeit sind das vor allem Stämme vom Subtyp H3N2. Aus dem selben Grund läßt sich auch ein Pandemie-Impfstoff bisher erst produzieren, wenn das Influenza-Pandemievirus bekannt ist - also wenn die Pandemie bereits begonnen hat. "Das ist unbefriedigend, da vergehen Monate, bis der Impfstoff zur Verfügung steht", so Professor Johannes Löwer, Präsident des Paul-Ehrlich-Institutes, zur "Ärzte Zeitung".

    Es fehlt eine Vakzine, die gegen alle Influenza-Viren schützt.
   

Daher wird versucht, Vakzinen zu entwickeln, die sämtliche Stämme eines Subtyps wie H5N1 abdecken, also sowohl die derzeit zirkulierenden, als auch künftige. "Das wären die Impfstoffe der zweiten Generation", sagt Löwer. Diese könnten sogar auch vor anderen H5-Viren, etwa H5N3 oder H5N2 schützen. Möglich werden soll dies, indem man Ganzkeim-Impfstoffe verwendet und die Immunantwort mit geeigneten Adjuvantien so verstärkt, daß auch Antikörper gegen weniger stark veränderliche Abschnitte des Virus-Hämagglutinin gebildet werden.

Es würde dann zu Kreuzreaktionen innerhalb eines Serotypen kommen. In Studien war dies bereits möglich: Forscher impften Menschen gegen H5N3-Viren mit einem Impfstoff, der das Adjuvans MF59 enthielt. Die gebildeten Antikörper neutralisierten nicht nur H5N3-Viren, sondern auch einige H5N1-Stämme (J Infect Dis 191, 2005, 1207).

Wird solch ein Impfstoff gegen H5N1 hergestellt - genau das soll bis Ende 2007 gelingen - dann könnte man tatsächlich schon vor einer Pandemie impfen, vorausgesetzt, H5N1 verursacht die Pandemie. Löst jedoch einer der anderen 15 Influenza-Serotypen eine Pandemie aus, also etwa ein H7- oder H9-Virus, dann wäre der Impfstoff völlig wirkungslos.

Von einem echten "Breitband-Impfstoff" kann daher keine Rede sein. Ein Impfstoff für die gesamte Bevölkerung einzulagern, der nur vor H5-Viren schützte, erscheint deshalb wenig sinnvoll. Und: "Das würde Milliarden kosten, das würde garantiert niemand machen", sagt Löwer.

Eine neue Vakzine könnte Ärzte und Pfleger schützen

Der Präsident des Paul-Ehrlich-Institutes hält es jedoch für überlegenswert, einen kreuzreagierenden Impfstoff in kleinen Mengen für Ärzte und Krankenpfleger herzustellen. Sollte tatsächlich H5N1 eine Pandemie auslösen, oder gibt es Hinweise, daß eine Pandemie unmittelbar bevorsteht, könnte man damit zumindest die Personen impfen, die mit den Kranken beruflich Kontakt haben. "Ist es aber ein anderes Influenza-Virus ist, hat man Pech gehabt."

Was also fehlt, ist ein Impfstoff, der gegen alle Influenza-Viren wirkt. Nur eine solche Vakzine böte auch Schutz gegen noch unbekannte Pandemie-Viren. Forscher arbeiten längst an solchen Vakzinen der dritten Generation, die dann tatsächlich Breitband-Impfstoffe wären. Einige Ansätze zielen darauf, gegen das M2-Protein von Influenza zu impfen. Dieses Protein ist bei allen Influenzaviren sehr ähnlich.

Am Paul-Ehrlich-Institut versucht man, Influenza-Proteine in modifizierte Vaccinia-Viren zu packen, um ihre Immunogenität zu erhöhen. Auch das könnte zu einem Breitband-Impfstoff führen. Doch noch weiß niemand, ob solche Ansätze tatsächlich funktionieren. Ein zuverlässiger Pandemie-Schutz im nächsten Jahr - davon darf Ulla Schmidt auch weiterhin nur träumen.

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