Ärzte Zeitung, 13.08.2013

Forscher basteln an Pandemie-Virus

Albtraum aus dem Labor

Sie wollen es wieder tun: Vor zwei Jahren erzeugten Forscher im Labor gefährliche Grippeviren, seitdem tobt ein Streit darüber. Trotzdem wollen sie jetzt H7N9 mit Pandemie-Potenzial ausstatten. Allzu schwierig ist das nicht.

Von Thomas Müller

Albtraum aus dem Labor

Eine Laborantin im BSL-4-Labor der Universität Marburg: Gefährliche Experimente mit Influenza sollen nur in Labors dieser höchsten Schutzstufe stattfinden.

© Frank May / dpa

Ron Fouchier aus Rotterdam und Yoshihiro Kawaoka aus Wisconsin haben mit ihren im vergangenen Jahr veröffentlichten Experimenten eine brennende Frage klar mit Ja beantwortet: Es genügen vier bis fünf Mutationen, damit sich ein Vogelgrippevirus in ein Pandemievirus verwandeln kann.

Bisher töten Erreger wie H5N1 und H7N9 zwar jeden zweiten bis dritten Menschen, der daran ernsthaft erkrankt, allerdings werden sie praktisch nicht von Mensch zu Mensch übertragen - eine Ausbreitung unter Menschen ist nicht möglich.

Angst vor Pandemie wie 1918

Was aber, wenn das Virus sich an Menschen anpasst und wie saisonale Grippe übertragbar ist? Im schlimmsten Fall stünde uns dann eine Pandemie ähnlich der von 1918 bevor. Sie hat damals schätzungsweise drei Prozent der Weltbevölkerung das Leben gekostet.

Die Frage, ob bestimmte Vogelgrippeviren den Schritt zu humanen Grippeviren überhaupt machen können, und wenn ja, auf welche Weise, ist also hochbrisant.

Ließe sich etwa feststellen, dass irgendwo auf der Welt Stämme auftauchen, die bereits viele der Veränderungen zeigen, die für eine Anpassung an Menschen erforderlich sind, könnte man alle Mittel in Bewegung setzen, diese Stämme auszurotten, bevor sie auf Menschen überspringen.

Bis Fouchier und Kawaoka gezeigt hatten, dass nur wenige Mutationen nötig sind, um das Vogelgrippevirus H5N1 an Menschen anzupassen, hatten viele Virologen zudem bezweifelt, dass dieses Vogelgrippevirus überhaupt die Fähigkeit erwerben kann, sich über Aerosole zwischen Säugern auszubreiten.

Nun besteht die Hoffnung, dass sich eine neue Pandemie anhand der neuen Kenntnisse früher erkennen und verhindern lässt.

Tatsächlich wurden beim neuen H7N9-Virus, das bisher 43 Menschen getötet hat, einige Veränderungen gefunden, die Fouchier und Kawaoka in ihren Experimenten an H5N1 vorgenommen hatten. Sie könnten also auf einen beginnende Anpassung des Virus an Menschen deuten.

Schon Experimente mit H5N1

Um herauszufinden, wie weit H7N9 noch von einem pandemischen Erreger entfernt ist, bleibt Forschern wohl nichts anders übrig, als einen solchen Albtraum im Labor zu erzeugen - ähnlich wie sie das bereits mit H5N1 getan haben.

Damals war der Aufschrei allerdings groß: Experten wie Professor Paul Keim vom US-Beratergremium für Biosicherheit befürchten eine Steilvorlage für Terroristen, die solche Viren nachbauen könnten.

Und Wissenschaftler wie der Harvard-Epidemiologe Professor Marc Lipsitch gehen davon aus, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis jemand solche Erreger aus Versehen oder mit Absicht aus dem Labor schleppt.

Nachdem die Ergebnisse von Fouchier erstmals im September 2011 auf einer Konferenz in Malta vorgestellt worden waren, haben Forscher und Experten zudem fast neun Monate darum gestritten, ob man die Resultate denn überhaupt veröffentlichen solle.

Letztlich hat sich jedoch die Ansicht durchgesetzt, dass der Nutzen der Forschung die Risiken überwiegt, dass man die Daten vermutlich eh nicht geheim halten kann und dass die künstlich erzeugten Viren offenbar doch nicht so gefährlich sind wie zunächst befürchtet.

Entscheidend dürfte auch gewesen sein, dass die Brisanz nicht in den publizierten Sequenzen längst bekannter Influenza-Mutationen liegt, sondern vor allem in der Tatsache, dass es nicht nur den Forschern, sondern auch der Natur recht einfach gelingen dürfte, diese oder ähnliche Mutationen in einem Virus zu kombinieren. Nichts anderes haben Fouchier und Kawaoka letztlich gezeigt.

Dabei sind sie auf zwei unterschiedlichen Wegen zu Ziel gelangt. Ähnliche Versuche könnten nun mit dem H7N9-Virus anstehen.Heute geht man davon aus, dass neue Influenza-Viren, die ein Pandemie auslösen, in der Natur auf zwei verschiedenen Wegen entstehen: Durch sukzessive Mutation aus Vogelgrippeviren - Vögel sind das Hauptreservoir für Influenza - oder durch Kreuzung von Vogel- und Säugerviren.

Beide Wege haben Professor Yoshihiro Kawaoka und Professor Ron Fouchier bereits experimentell für das Vogelgrippevirus H5N1 überprüft.

Pandemieviren - durch Kreuzung

Eine Kreuzung zwischen zwei Virenstämmen wäre wohl der einfachste Weg zum neuen Pandemievirus: Infiziert sich ein Mensch in direktem Kontakt mit infiziertem Geflügel, und wird er gleichzeitig von einem saisonalen Virus wie H1N1 befallen, dann kann ein Mischvirus entstehen.

Im schlimmsten Fall verändert das Vogelgrippevirus seinen Rezeptor ein wenig und holt sich von der saisonalen Grippe die übrigen RNA-Sequenzen, die es benötigt, um sich effektiv von Mensch zu Mensch zu verbreiten.

Von einem ähnlichen Mechanismus, der Fusion zweier Virenstämme, wird bei den Influenza-Pandemien 1957 und 1968 und 2009 ausgegangen.

Diesen Weg hatte Kawaoka untersucht. Dazu veränderte sein Team H5N1 genetisch und kreuzte es mit dem pandemischen H1N1-Schweinegrippevirus aus dem Jahr 2009...

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[14.08.2013, 15:58:47]
Dr. Horst Grünwoldt 
Virus-Experimente
Wie wollen die besorgnis-erregenden Pandemieforscher überhaupt zwei verschieden Virus-Partikel "kreuzen"?
Schließlich sind Viren keine kleinen, geschlechtlichen Tiere; ja nicht einmal Mikro-Organismen mit einem Mikro-Pili.
Wie können die sich mit ihrer unterschiedlichen Genausstattung so einfach "vermischen", und dazu auch noch in verbösschlimmender Art?
Diese molekularbiologischen "Modellierungen" erscheinen mir als höchst unglaubwürdig und entstammen wohl dem Reich des Dr. Frankenstein.
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt, Rostock zum Beitrag »

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