Ärzte Zeitung, 26.01.2005

HINTERGRUND

Vor allem bei älteren Menschen verläuft FSME schwer - das muß Konsequenzen für die Impfpraxis haben!

Von Thomas Meissner

STICHWORT

FSME-Inzidenz

Von 1974 bis 2003 ist die FSME-Inzidenz in den meisten Ländern Europas im Mittel um mehr als 400 Prozent angestiegen. Dies liege nicht nur an der verbesserten Erfassung und Diagnostik, sondern habe auch klimatische Gründe, so Professor Jochen Süss vom Friedrich-Löffler-Institut in Jena. In Deutschland hat die Inzidenz um 574 Prozent zugenommen, auf zuletzt 278 Patienten 2003. Wegen des warmen Wetters breitet sich der Erreger nach Norden aus. Auch in Südschweden und Norwegen wurden Infekte registriert. (ner)

Je jünger Menschen sind, desto besser verkraften sie Infektionen. Das klingt banal, ist aber, etwa wenn es um die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) geht, vielen Menschen in der Bevölkerung bisher nur wenig bewußt.

Wenn Kinder und Jugendliche bis 15 Jahre an FSME erkranken, kann meist mit einem milden Verlauf der Meningitis gerechnet werden. Langzeitschäden werden nur bei zwei Prozent beobachtet. Mit zunehmendem Alter kehrt sich dieses Verhältnis von milden zu schweren Verläufen allmählich um.

Nur jeder zweite Patient mit schwerer FSME wird wieder völlig gesund.   
   

Die Erkrankungsschwere steige praktisch linear zum Alter an, so Professor Reinhard Kaiser von der Neurologischen Klinik in Pforzheim bei einem Expertentreffen in Wien. Angesichts der vielen aktiven Rentner, die sich oft in freier Natur aufhalten, müsse dies Konsequenzen für die FSME-Impfpraxis haben, hieß es, zumal sich die Erreger in Europa immer weiter ausbreiten und die FSME-Inzidenzen zunehmen. Doch liegen die Durchimpfungsraten in Deutschland selbst in Endemiegebieten nur zwischen 15 und 20 Prozent. Zum Vergleich: In Österreich gibt es Durchimpfungsraten von 86 Prozent - landesweit!

Kaiser hat prospektive Daten von FSME-Patienten in ganz Deutschland gesammelt. Seine Auswertung von mehr als 1000 Krankheitsverläufen ermittelte den Umkehrpunkt bei der Erkrankungsschwere im fünften Lebensjahrzehnt. Schwere Gehirn- und Rückenmarksentzündungen treten demnach bei 65 Prozent der über 50jährigen Patienten, aber bei 43 Prozent der unter 50jährigen auf - ein hochsignifikanter Unterschied.

Bei Kindern sind neurologische Langzeitsymptome wie Paresen, Ataxien, epileptische Anfälle oder Gedächtnisstörungen selten, bei Erwachsenen sind es bereits 40 Prozent. Die Sterberate ist bei über 50jährigen 15fach höher als bei Jüngeren (3 versus 0,2 Prozent).

Und: Bei schwerem Krankheitsverlauf stünden die Chancen gerade noch fifty-fifty, nach einer FSME folgenlos davonzukommen, betonte der österreichische Sozialmediziner Professor Michael Kunze aus Wien bei der vom Unternehmen Baxter unterstützten Veranstaltung. Diese Daten stützen Erfahrungen aus den baltischen Staaten, wo, gemessen an der Bevölkerung, sehr viele Menschen an FSME erkranken, nämlich bis zu 2000 pro Jahr, so Professor Aukse Mickiene aus Kaunas in Litauen. Nach Angaben der Infektiologin ist die höchste FSME-Inzidenz bei Personen über 45 Jahren zu beobachten. Ein Drittel der Patienten leide noch ein Jahr nach Ausbruch der Erkrankung an den Folgen.

Warum Personen etwa ab 45 Jahre besonders gefährdet sind, hat etwas mit der Alterung des Immunsystems zu tun, vor allem mit dem Thymus. Denn der verschwindet allmählich. Die Involution beginnt nach der Pubertät. "Zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr ist davon nichts mehr da", sagte Professor Beatrix Grubeck-Loebenstein vom Institut für Biomedizinische Altersforschung in Innsbruck. Dann könnten keine frischen T-Zellen mehr nachgeliefert werden, denn der Thymus ist jener Ort, wo neue T-Zellen heranreifen, bevor sie endgültig zur Streitmacht des Immunsystems stoßen. Bekanntlich regen die T-Zellen die B-Lymphozyten zur Antikörper-Ausschüttung an. Werden keine neuen T-Zellen mehr nachgeliefert, muß der Körper mit dem auskommen, was noch da ist.

Während jetzt manche T-Zell-Spezifitäten, etwa gegen persistierende Viren, vermehrt auftreten, sind andere, zum Beispiel gegen Influenza- oder FSME-Viren, vermindert. Dies sei ein Grund dafür, daß Impfungen gegen Grippe und FSME bei alten Menschen oft vermindert wirksam seien, sagte Grubeck-Loebenstein: wenig T-Zellen - wenig Antikörper - schlechter Impferfolg. "Die Antikörper-Konzentrationen nach Impfungen sind im Alter generell niedriger als bei jungen Menschen, und die Antikörper verschwinden auch schneller wieder", so die Zellforscherin mit Verweis auf eigene Studien.

Dieser Unterschied wird immer größer, je länger die Impfung zurückliegt. So haben von über 60jährigen Menschen 15 Prozent bereits zwei Jahre nach der FSME-Impfung keinen ausreichenden Schutz mehr, nach vier Jahren sind es 25, nach fünf Jahren 40 Prozent. Bei jungen Erwachsenen hält der Impfschutz länger. (In Deutschland wird, im Unterschied zu Österreich, derzeit generell alle drei Jahre die Auffrischung empfohlen.)

Die veränderte Abwehrlage bei alten Menschen hat praktische Konsequenzen: Für einen optimalen Impfschutz bei Älteren sei es äußerst wichtig, die vorgeschriebenen Impfschemata exakt einzuhalten, so Grubeck-Loebenstein weiter. "Es hat sich gezeigt, daß Impfdurchbrüche meistens bei alten Leuten auftreten, die nicht korrekt geimpft worden sind."

FAZIT

Mit dem Alter nimmt die Schwere einer FSME-Erkrankung ebenso zu wie die Gefahr von Langzeitfolgen. Dies hängt mit dem alternden Immunsystem zusammen. 50 Prozent der schwer Erkrankten werden nicht wieder vollständig gesund. Einziger Schutz vor FSME ist die Impfung, wobei die Impfschemata genau eingehalten werden sollten. (ner)

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