Forschung und Praxis, 14.03.2005

Bei frischer Borreliose ist kausale Therapie meist erfolgreich

FSME-Impfprophylaxe braucht jeder, der sich im Endemiegebiet aufhält

Borreliose und FSME sind die häufigsten durch den gemeinen Holzbock (Ixodes ricinus ) übertragenen Infektionskrankheiten. Dabei ist das Risiko, durch einen Zeckenstich im Endemiegebiet eine FSME davonzutragen, größer als das Risiko für eine Borreliose, wie Professor Jochen Süss im Gespräch mit Ulrike Maronde erläutert hat. Süss ist Leiter des Nationalen Referenzlabors für durch Zecken übertragene Krankheiten in der Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten der Tiere in Jena. Von der Impfprophylaxe gegen FSME machen in Deutschland selbst in FSME-Hochrisikogebieten jedoch nur maximal 20 Prozent der Einwohner Gebrauch.

Forschung und Praxis: Viele Patienten konsultieren ihren Hausarzt, wenn sie von einer Zecke gestochen worden sind. Welche Maßnahmen sollten nach Zeckenstich getroffen werden?

 
  Professor Jochen Süss: Bei späteren Stadien der Borreliose nehmen die Heilungschancen immer mehr ab,
je länger die Erkrankung verschleppt wurde.
Foto: privat

Süss: Entdeckt ein Patient an sich eine angesogene Zecke, sollte er diese unverzüglich und so hautnah wie möglich mit einer Pinzette oder einer Zeckenzange, gegebenenfalls auch mit spitzen Fingernägeln, wenn er keine Pinzette zu Hand hat, herausziehen.

Denn das Problem ist: Je länger die Zecke saugt, um so mehr Erreger werden übertragen. Wird eine Zecke jedoch frühzeitig entfernt, läßt sich eine Übertragung von Borrelien fast ausschließen. Denn die Bakterien brauchen etwa zwölf bis 16 Stunden, bis sie vom Darm der Zecken in die Stichwunde gewandert sind.

Sind Zecken mit FSME-Viren infiziert, werden diese oft schon kurz nach dem Stich übertragen.

Das Ereignis Zeckenstich sollte der Patient im Hinterkopf behalten und die Einstichstelle in den folgenden vier bis fünf Wochen immer wieder kontrollieren. Ist es zu einer Infektion mit Borrelien gekommen, entwickelt sich bei 40 bis 60 Prozent der Betroffenen ein Erythema migrans.

Auch Symptome, die der einer Sommergrippe ähneln wie Müdigkeit und Angeschlagenheit, Kopfschmerzen oder Fieber können Hinweise für eine Borreliose im Frühstadium sein. Hier hat sich das Bakterium dann über das Blut ausgebreitet.

Ixodes ricinus beim Stich. Je länger die Zecke in situ bleibt, desto größer ist das Risiko der Übertragung von FSME-Viren und Borrelien. Foto: Baxter
Typisches ringförmiges Erythema migrans mit Zeckenstich in der Mitte. Foto: Universitäts-Hautklinik Homburg / Saar

Durch eine serologische Untersuchung kann die Verdachtsdiagnose bestätigt werden. Allerdings sind innerhalb der ersten vier bis sechs Wochen nicht bei allen Patienten Antikörper nachweisbar. Bei negativem Befund sollte die Untersuchung dann einige Wochen später wiederholt werden.

FuP: Wie groß ist überhaupt das Risiko für eine Borreliose?

Süss: Für die Borreliose gibt es keine Risikogebiete, sie kommt ubiquitär vor. Überall dort, wo der gemeine Holzbock zu finden ist, muß man auch mit Borreliose rechnen. Minimal fünf und maximal 50 Prozent der Holzböcke in Deutschland sind mit Borrelien durchseucht.

FuP: Wie erklärt man sich, daß es nur bei 40 bis 60 Prozent der Borreliose-Patienten zu einer Lokalreaktion der Haut kommt?

Süss: Das hängt damit zusammen, daß drei, eventuell vier unterschiedliche Erregertypen von Borrelia burgdorferi sensu lato eine Borreliose auslösen können. Und nur bestimmte Erregertypen verursachen diese Hautmanifestationen.

Ohne ein Erythema migrans ist eine Borreliose oft schwer zu diagnostizieren, vor allem in einem späteren Stadium der Erkrankung. Zum Teil handelt es sich dann um verwaschene, unspezifische klinische Symptome.

Hier hilft nur eine sehr sorgfältige Anamnese weiter, bei der auch nach häufigen Aufenthalten in der Natur und explizit nach Zeckenbefall gefragt wird. Viele Patienten erinnern sich dann an einen Zeckenstich, doch etwa die Hälfte hat ihn nicht bemerkt.

Ist zum Beispiel bei Patienten mit Gelenkschmerzen die Rheumadiagnostik negativ, sollte eine Borreliose als Ursache in Betracht gezogen werden. Eine serologische Untersuchung bestätigt häufig den Verdacht.

FuP: Über die notwendige Therapiedauer bei Borreliose gibt es verschiedene Auffassungen....

Süss: Patienten im Frühstadium der Borreliose, also bei Erythema migrans oder grippeähnlichen Symptomen, werden in Deutschland in der Regel 14 Tage lang mit oralem Doxycyclin in einer Dosierung von 200 mg täglich behandelt oder alternativ mit zwei Gramm Amoxicillin täglich.

US-Amerikanische Kollegen therapieren hier länger, das heißt drei bis vier Wochen lang, einfach aus der Angst heraus, daß es doch noch zu Spätmanifestationen kommen kann, wenn nicht alle Erreger eliminiert worden sind.

Denn Patienten mit Spätstadien der Borreliose sind häufig therapieresistent, da die Symptome eine andere Ätiopathogenese haben. Die Borrelien triggern nach heutiger Lehrmeinung dann Autoimmunprozesse, die mit Antibiotika natürlich nicht zu beeinflussen sind, zum Beispiel Autoimmunreaktionen in der Synovia bei länger bestehender Lyme-Arthritis.

Patienten mit fortgeschrittenen Stadien der Borreliose - wie Neuroborreliose, Acrodermatitis chronica atrophicans, Lyme-Arthritis oder Lyme-Karditis - müssen mit intravenösem Ceftriaxon (Rocephin®) für zwei bis vier Wochen behandelt werden. Bei sehr lange verschleppten Borreliosen mit autoimmunologischer Pathogenese kann diese Antibiotika-Therapie wirkungslos sein.

FuP: Wie hoch sind die Heilungschancen bei Borreliose?

Süss: Werden Patienten mit frischer Borreliose ausreichend lange antibiotisch behandelt, können sie vollständig geheilt werden. Bei späteren Stadien nehmen die Heilungschancen immer mehr ab, je länger die Erkrankung verschleppt wurde.

FuP: Zecken können ja nicht nur Borrelien, sondern auch das FSME-Virus übertragen. Wie groß ist das Risiko für eine solche Infektion?

Süss: In den FSME-Risikogebieten in Deutschland sind die Viren in bis zu fünf Prozent der Zecken zu finden. Dabei sind die adulten Tiere mehr durchseucht als die Nymphen und Larven.

Das Risiko, durch einen Zeckenstich im Endemiegebiet eine Frühsommer-Meningoenzephalitis davonzutragen, ist größer als das Risiko für eine Borreliose. Werden zum Beispiel 100 Personen von mit FSME-Virus infizierten Zecken gestochen, wird bei 70 Gestochenen nichts passieren. Bei 23 wird eine Art Sommergrippe folgenlos ablaufen. Bei den restlichen sieben Personen kommt es zum zweiten Stadium der FSME, in dem die Infektion im ZNS manifest wird. Bei diesen Patienten kann es zu dauerhaften Schädigungen kommen. Etwa ein bis zwei Prozent der Patienten mit Meningitis sterben infolge der Infektion.

FuP: Im Gegensatz zur Borreliose gibt es gegen FSME eine wirksame Impfung. Inwieweit machen die Patienten davon Gebrauch?

Süss: In Deutschland sind selbst in den Endemiegebieten nur geschätzte 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung gegen FSME geimpft. In Österreich, das ja auch zu den Risikogebieten zählt, sind Durchimpfungsraten von 86 bis 93 Prozent - je nach Altersgruppe - erzielt worden.

In Deutschland sind im vergangenen Jahr nach den noch nicht abgeschlossenen Erhebungen 271 Personen an FSME erkrankt. Damit ist die Erkrankungsrate in den letzten Jahren weitgehend gleich geblieben. Denn zwischen 2001 und 2004 sind pro Jahr zwischen 250 und 275 FSME-Fälle gemeldet worden.

Empfohlen wird, daß sich Personen, die sich in FSME-Endemiegebieten häufig im Grünen aufhalten - also nicht nur Waldarbeiter, sondern auch Spaziergänger und Wanderer - impfen lassen sollten. Dasselbe gilt auch für Personen, die für kurze oder längere Zeit, etwa im Urlaub, in Risikogebiete einreisen.

Die FSME-Impfstoffe sind so gut, daß unerwünschte Begleitwirkungen nicht häufiger auftreten als mit anderen Totimpfstoffen. Es wurden drei unerwünschte Arzneimittelwirkungen pro 100 000 applizierte Impfdosen gemeldet.

FuP: Wie schnell wird der Impfschutz aufgebaut?

Süss: Für die FSME-Impfung gibt es zwei unterschiedliche Impfschemata:

Bei dem Standard-Grundimmunisierungsschema erhalten die Patienten drei Injektionen, und zwar an den Tagen 0 und 28 sowie nach neun bis zwölf Monaten. Danach reichen Booster-Injektionen alle drei Jahre. Für dieses Standardschema zugelassen sind vier Vakzinen, und zwar FSME-Immun Erwachsene für Personen ab 16 Jahren sowie Encepur® Erwachsene für Personen ab dem vollendeten zwölften Lebensjahr. Außerdem gibt es Encepur® Kinder und FSME-Immun Junior - jeweils für Kinder ab dem vollendeten ersten Lebensjahr.

Encepur® und seit kurzem auch FSME-Immun sind zudem für das Schnell-Immunisierungsschema zugelassen. Mit Encepur® wird innerhalb von drei Wochen dreimal geimpft, nämlich an den Tagen 0, 7, und 21. Der vollständige Impfschutz hat sich zwei bis drei Wochen nach der letzten Impfdosis aufgebaut. Die erste Auffrischung ist nach zwölf bis 18 Monaten notwendig und weitere Booster-Injektionen dann alle drei Jahre.

Bei FSME-Immun erfolgen die ersten beiden Teilimpfungen nach dem Schnell-Immunisierungsschema an den Tagen 0 und 14. Das dritte Mal wird bei Erwachsenen nach fünf bis zwölf Monaten und bei Kindern nach neun bis zwölf Monaten geimpft. Auffrischimpfungen sind dann alle drei Jahre erforderlich.

Das Schnell-Immunisierungsschema kommt vor allem für diejenigen in Frage, die sich kurzfristig für eine Reise in ein Endemiegebiet entschieden haben.

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