Ärzte Zeitung, 14.12.2007

HINTERGRUND

Nahe Atomkraftwerken erkranken Kinder öfter an Krebs - weshalb, weiß bislang keiner

Von Thomas Müller

Nur Energieproduzent oder auch Krebsrisiko? Das AKW Biblis in Hessen.

Foto: dpa

"Atom-Krebs-Werke" titelte die "Tageszeitung" aus Berlin, nachdem am Wochenende Daten einer großen Studie zur Krebsrisiko bei Kindern in der Nähe von AKW vorgestellt wurde. Tatsächlich lässt die in Deutschland einzigartige Studie kaum noch Zweifel: In der unmittelbaren Umgebung von AKW erkranken Kinder vermehrt an Leukämie. Allerdings: Ob dies an den Kernkraftwerken liegt, darüber geben die Studiendaten keinerlei Auskunft. Bislang gibt es schlicht keine plausible Erklärung.

Das Phänomen ist auch aus anderen Studien bekannt

Die Studie mit dem Namen KIKK (Kinderkrebs in der Umgebung von Kernkraftwerken) bestätigt primär die Ergebnisse zweier epidemiologischer Untersuchungen aus den 80er und 90er Jahren mit Daten aus dem Deutschen Kinderkrebsregister. Schon in diesen Studien wurde festgestellt: In der Nähe von AKW ist die Krebsrate erhöht, allerdings nur, wenn man Kinder unter fünf Jahren und in einem Abstand von weniger als 5  km zum Reaktor betrachtet. Da die Fallzahlen sehr klein waren, hätte dies jedoch auch reiner Zufall sein können. Bei der KIKK-Studie wollte man dem vorbeugen: Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) lud 2001 verschiedene Interessengruppen ein, um ein wissenschaftlich möglichst wasserdichtes Studiendesign zu entwerfen. Unter den Experten waren sowohl Kernkraft-Kritiker als auch -Befürworter. Kern der neuen Studie war ein Fall-Kontroll-Design: Man analysierte Daten von knapp 1600 krebskranken Kindern im Alter von unter fünf Jahren in der Umgebung von Reaktoren und verglich sie mit Daten von über 4700 gesunden gleichalten Kindern in derselben Region. Zudem wurde ein Teil der Familien nach Lebensumständen und -gewohnheiten befragt.

Mit dem bisher einmaligen Studiendesign und den relativ hohen Fallzahlen - man hat Daten von 24 Jahren ausgewertet - liefert die KIKK-Studie die bislang aussagekräftigsten Ergebnisse zum Krebsrisiko bei Kindern in AKW-Nähe. Das wichtigste Resultat: Krebskranke Kinder wohnen häufiger in der Nähe von AKW als gesunde Kinder. Und: Je näher jemand am Reaktor wohnt, umso größer ist das Krebsrisiko. Für unter Fünfjährige ist es im 5-km-Radius um über 60 Prozent erhöht, das Risiko für Leukämie sogar um knapp 120 Prozent. In absoluten Zahlen klingt das weniger dramatisch. So traten im 5-km-Radius um die 16 deutschen AKW-Standorte 77 statt der erwarteten 48 Krebserkrankungen auf, und 37 statt 17 Leukämie-Erkrankungen. Pro Jahr entspricht dies 1,2 zusätzlichen Krebserkrankungen im Umkreis deutscher AKWs.

Soweit die Fakten, die niemand mehr ernsthaft bestreitet. Streit gibt es jedoch bei anderen Zahlen. So hat ein externes Expertengremium des BfS das Krebsrisiko auf einen 50-km-Radius hochgerechnet und kommt zur Erkenntnis, dass es in diesem Radius pro Jahr 121 bis 275 zusätzliche Krebserkrankungen bei Kindern gibt. Professor Maria Blettner, Direktorin des Instituts für Medizinische Biometrie an der Mainzer Uni, das die Daten maßgeblich ausgewertet hat, hält solche Rechnungen aber für wenig seriös. Ein signifikanter Zusammenhang habe es nur im 5-km-Radius gegeben, man könne die Zahlen nicht einfach auf einen größeren Radius hochrechnen, so Blettner zur "Ärzte Zeitung".

Blettner gibt auch zu bedenken, dass das die Leukämierate bei Kindern unter fünf Jahren je nach Landkreis stark schwankt: Von 2,5 bis 8 pro 100 000 Kinder - und das auch in Landkreisen ohne AKW. Der Unterschied zwischen zwei Landkreisen kann somit größer sein als der zwischen AKW-Nähe und AKW-Ferne. Auch gebe es bislang keine genauen Untersuchungen zwischen Leukämierate und der Nähe zu anderen Industrie-Anlagen, etwa Steinkohlekraftwerken. Diese emittieren nach einer Studie des BfS pro erzeugter Megawattstunde mehr radioaktive Isotope in die Umgebung als AKW im Normalbetrieb.

Dass radioaktive Emissionen Ursache für die erhöhte Krebsinzidenz sind, lässt sich auch aus anderen Gründen schwer nachvollziehen. Nach BfS-Daten liegt die zusätzliche radioaktive Belastung in AKW-Nähe bei weniger als einem Tausendstel der natürlichen Belastung. Allerdings: Gemessen werden keine Partikel, sondern nur die Strahlung der Luft. Könnte es also sein, dass sich kaum messbare radioaktive Partikel aus AKW langsam im Körper anreichern? Zumindest einmal wurde hier etwas gründlicher untersucht: Als es in der Umgebung des AKW Krümmel vermehrt zu Leukämie-Erkrankungen kam, wurden dort auch Bodenproben auf radioaktive Substanzen untersucht. "Wir fanden damals keine erhöhten Werte von Thorium, Uran und Plutonium", so Dr. Axel Gerdes vom Mineralogischen Institut der Uni Frankfurt.

Auskünfte zu Lebensumständen lieferten keine Erklärung

Auch die Befragung nach den Lebensgewohnheiten liefert keine brauchbare Erklärung. Zwar hat man in der Studie nach allen denkbaren Störfaktoren von der Verwendung von Kopflaus-Mitteln bis hin zu Infektionen gefahndet, doch gab es hierbei keine signifikanten Unterschiede zwischen erkrankten und nicht erkrankten Kindern. Verwässert wird das Ergebnis der Confounder-Analyse auch dadurch, dass Familien mit gesunden Kindern in AKW-Nähe weniger auskunftsfreudig waren.

FAZIT

Die KIKK-Studie mit Daten von über 6000 Kindern liefert die bislang deutlichsten Hinweise auf ein erhöhtes Krebsrisiko bei Kindern in der Nähe von Kernkraftwerken. Das Risiko ist demnach im 5-km-Radius für Kinder unter fünf Jahren um 60 Prozent erhöht, das Leukämierisiko um etwa 120 Prozent. Bisher gibt es dafür keine plausible Erklärung.

(mut)

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