Ärzte Zeitung, 12.02.2004

Lokale Bestrahlung bei einem Glioblastom kann Lebenszeit retten

Neuartige Methode ermöglicht exakte Dosierung und schont umgebendes Hirngewebe

MÜNCHEN (slp). Patienten mit Glioblastom, bei denen der Hirntumor trotz Operation plus üblicher Strahlen- und Chemotherapie weiterwächst, können mit einem neuen lokalen Strahlentherapieverfahren mehrere Monate bis Jahre an zusätzlicher Lebenszeit gewinnen, und zwar ohne starke systemische unerwünschte Wirkungen.

Beim GliaSite® Radiotherapie-System wird nach Entfernung des Hirntumors ein Ballon in die Wundhöhle implantiert, der über einen Katheter mit einem subkutan plazierten Port verbunden ist. Foto li.: Dr. Rupert Dietl, Foto re.: Proxima Therapeutics

Bei dem Palliativ-Verfahren mit dem Namen GliaSite® Radiotherapie-System (RTS), das vom US-Unternehmen Proxima Therapeutics entwickelt worden ist, wird nach makroskopischer Entfernung des Hirntumors ein doppelwandiger Ballon in die Operationshöhle eingesetzt. Der Ballon steht über einen Katheter mit einem Port - ähnlich wie ein venöser Port zur Chemotherapie - in Verbindung, der auf dem Schädelknochen subkutan plaziert wird.

Über Port und Katheter kann dann ein spezieller flüssiger Gammastrahler, organisch gebundenes Jod125 (Iotrex®), in den maximal vier Zentimeter großen Ballon injiziert werden. Auf diese Weise wird gezielt das Gewebe bestrahlt, das an den makroskopisch entfernten Tumor angrenzt und oft noch maligne Zellen enthält.

Die gewünschte Strahlendosis kann exakt berechnet und so individuell und unter Schonung des umgebenden Gewebes angepaßt werden. Liegt eine wichtige Struktur wie der Sehnerv in der Nähe, wird das Jod125 in geringeren Mengen oder kürzer angewendet. Nach drei bis sieben Tagen Einwirkzeit, in der die Patienten in einer Strahlentherapie-Station isoliert sind, wird das gesamte System wieder entfernt.

In Europa hätten bisher nur das Klinikum Saarbrücken und das Städtische Krankenhaus München-Schwabing (KMS) die Zulassung für dieses RTS-Verfahren, sagte Dr. Dieter Sackerer zur "Ärzte Zeitung". Der Neurochirurg am KMS hat seit November 2003 vier Patienten mit dem neuen RTS behandelt. Es gehe ihnen gut, so Sackerer. Systemische unerwünschte Effekte wie Haarausfall oder Übelkeit seien nicht aufgetreten.

Die mittlere Überlebenszeit der Patienten, für die es, so Sackerer, sonst keine Therapieoption mehr gebe, hatte in einer Studie mit 23 Patienten mit malignen Gliomen bei 387 Tagen gelegen, also etwa 55 Wochen (J Neurosurg 99, 2003, 297). Eine Patientin der Kollegen in Saarbrücken lebe trotz Glioblastom-Rezidiv noch zwei Jahre nach der RTS-Behandlung. Zum Vergleich: Nach einem Rezidiv liegt die verbleibende Lebenszeit im Mittel bei 28 Wochen.

In Deutschland werde das Verfahren wegen der hohen Kosten von etwa 15 000 Euro bisher nur als Ultima ratio bei Gioblastom-Rezidiv angeboten, in den USA schon nach Primär-Op maligner Gliome, sagte Sackerer.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Ärzte können künftig Medizinalhanf verordnen

Nach jahrelanger Debatte regelt das Parlament heute den Umgang mit Cannabis als Medizin völlig neu. Krankenkassen müssen künftig die Kosten im Regelfall erstatten. mehr »

Kein Schmerzensgeld für die künstliche Ernährung des Vaters

Das Münchener Landgericht hat die Klage gegen einen Hausarzt, der einen Patienten vermeintlich unnötig lange künstlich ernähren ließ, abgewiesen. Gleichwohl attestierte es einen Behandlungsfehler. mehr »

Droht Briten eine zweite Creutzfeldt-Jakob-Welle?

In Großbritannien ist ein Mann an einer ungewöhnlichen Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung gestorben. Dies nährt Befürchtungen, wonach mehr als 20 Jahre nach der BSE-Krise eine zweite Erkrankungswelle ansteht. mehr »