Ärzte Zeitung, 27.08.2004

Antikörper-Partikel bringen Krebs- und Immunzellen in engen Kontakt

Moleküle erkennen sowohl T-Lymphozyten als auch Tumorzellen / Phase-I-Studie

MÜNCHEN (rom). Mit bispezifischen Antikörpern, die Immun- und Krebszelle gleichzeitig erkennen, dürften sich künftig einige der Limitierungen der herkömmlichen Immuntherapie überwinden lassen.

Eine Art Siegeszug haben sie bereits hinter sich, aber als Einzelagens begrenzt sich ihre Wirkung deutlich. Die Rede ist von therapeutischen Antikörpern, aus deren Arsenal sich für die Tumortherapie insgesamt acht Vertreter in Europa oder in den USA bereits auf dem Markt befinden.

Strategien, um Antikörper noch wirksamer zu machen, entwickelt unter anderem das Münchner Biotech-Unternehmen Micromet. Es verfolgt das Ziel, durch eine passive Immunisierung mit Antikörpern auch T-Killerzellen einzubeziehen. Bei einem Seminar der biotechnologischen Koordinationsstelle BioM AG berichtete Dr. Peter Kufer vom Unternehmen über die neueste Errungenschaft, die bereits klinisch getestet wird: bispezifische Antikörper.

Herkömmliche, monospezifische Antikörper erscheinen schon als rechte Alleskönner: Sie blockieren Rezeptoren für Wachstumsfaktoren auf Tumorzellen, locken Immunzellen an oder fungieren gar als Träger für Zellgifte oder Radionuklide. Dennoch geht ihre Wirkung über die eines Hilfsmedikamentes nicht hinaus. Einer der Gründe: Tumorzellen entziehen sich durch verschiedene Mechanismen dem Angriff des potentesten Teils der Immunabwehr: den Killerzellen.

Die Idee, letztere über Antikörper direkt an Krebszellen zu koppeln, hat bereits Niederschlag in einer ganzen Palette von bispezifischen Antikörpern gefunden. "Meist jedoch bedürfen diese bispezifischen Antikörper eines Überschusses an T-Zellen, um Tumorzellen effektiv zu töten", erläuterte Kufer das bisherige Haupthindernis für die klinische Effektivität. Anders bei der von Micromet entwickelten BiTETM-Technik. BiTE steht für "Bispecific T-Cell Engager".

Die im Vergleich zu natürlichen Antikörpern kleineren BiTE-Partikel bestehen lediglich aus den Bindungsstellen. Wie Kufer betonte, läßt sich die durchgehende Polypeptidkette mittels Zellkultur in vollständig gefalteter Form gewinnen. Was passiert bei der Anwendung der BiTE-Antikörper auf molekularer Ebene?

Während der eine Teil der Antikörper an Antigene auf der Tumorzelloberfläche bindet, koppelt sich der andere jeweils desselben Moleküls an den CD3-T-Zell-Rezeptor der T-Zelle. In der Folge passiert das gleiche wie bei der natürlichen Immunabwehr: Zellschädigende Substanzen zerstören die Krebszelle.

Daß dieses Konzept nicht nur rein akademischer Art ist, demonstrierte Kufer anhand eines Vergleichs des BiTE-Vertreters MT103 mit dem etablierten Tumorantikörper Rituximab: Dieselbe spezifische Zelltoxizität wie durch Rituximab erreicht MT103 bereits bei Konzentrationen, die etwa um den Faktor 300 000 niedriger liegen als bei Rituximab.

Nicht zuletzt die Tatsache, daß sich der BiTE-Antikörper in Europa bereits in einer Phase-I-Studie mit Patienten befindet, die an Non-Hodgkin-Lymphom erkrankt sind, weist darauf hin: Bispezifische Antikörper haben das Zeug, wertvolle therapeutische Werkzeuge zu werden.

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