Ärzte Zeitung, 06.05.2004

Selektive interne Bestrahlung läßt Metastasen schrumpfen

Neue Option auch bei großen Lebertumoren / SIRT wird in Deutschland an der LMU München und an der Uni Aachen angewendet

MÜNCHEN (gwa). Für Patienten mit Lebermetastasen oder primärem Leberzell-Karzinom, bei denen etwa Chemotherapien nicht mehr wirken, gibt es eine neue Therapie-Option: die selektive interne Bestrahlung (SIRT, Selective Internal Radiation Therapy).

Auf dieser CT-Aufnahme sind Lebermetastasen (Pfeile) bei einer Patientin erkennbar, die ein Ovarial- und Mamma-Ca hat.

Kontroll-CT sechs Monate nach SIRT: Die Metastasenmasse ist um 90 Prozent reduziert. Fotos (2): Helmberger, LMU München

Dabei werden Mikropartikel, die mit dem β-Strahler 90-Yttrium beladen sind, direkt in die Leberarterie injiziert (wie kurz berichtet). Ein Vorteil im Vergleich zu minimal-invasiven Verfahren wie LITT (Laser-induzierte Thermotherapie) oder Radiofrequenz-Ablation: Auch Mikrometastasen, die noch gar nicht sichtbar sind, werden erfaßt.

"Das Verfahren ist aber auch bei Tumoren und Metastasen geeignet, die für LITT oder Radiofrequenz-Ablation zu groß sind, also einen Durchmesser von mehr als fünf Zentimeter haben", sagte Privatdozent Thomas Helmberger von der LMU München im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

So funktioniert die Methode: Die etwa 30 µm kleinen mit 90-Yttrium beladenen Partikel werden in Australien hergestellt und von dort nach Deutschland geflogen. Über einen Katheter, der über die Leistenarterie in die Leberhauptarterie gelegt wird, werden die radioaktiven Partikel injiziert. Die Gesamtstrahlendosis beträgt etwa zwei Giga-Becquerel.

Die meisten Partikel gelangen in die gut vaskularisierten Tumoren

Warum gelangen die Partikel vorwiegend in die Tumoren? "Das liegt an den Besonderheiten der Tumoren. Sie haben eine verstärkte Mikrovaskularisierung. Durch den vermehrten Blutfluß werden die Partikel gleichsam in den Tumor hineingesogen", sagte Helmberger.

Auch in gesundes Lebergewebe gelange ein gewisser Anteil der radioaktiven Partikel. Deshalb könne es zu einer Strahlenhepatitis kommen. "Wir haben aber gesehen, daß das gesunde Lebergewebe zum Teil mit Hypertrophie reagiert." Das sei etwa ein Ausdruck der Regeneration des Lebergewebes auf den Bestrahlungsreiz.

Andere Gewebe wie Nieren oder Darm werden von SIRT nicht in Mitleidenschaft gezogen, ein weiterer Vorteil der Methode, so Helmberger. Denn die Reichweite des β-Strahlers liegt im Millimeterbereich. Vorgesehen ist eine Injektion; sie kann aber auch wiederholt werden. Oder Injektionen können zweizeitig erfolgen, etwa bei Patienten mit eingeschränkter Leberfunktion, für die die mögliche Strahlenhepatitis ein zu großes Risiko wäre.

Dann könne man zunächst selektiv in den einen und zu einem späteren Zeitpunkt in den anderen Leberlappen injizieren. Die in Australien entwickelte Methode wurde weltweit bislang bei etwa 1600 Patienten angewandt; in Deutschland bieten bisher die LMU München und die Uni Aachen dieses Therapieverfahren an, sagte Helmberger.

Teilremissionen und sogar Vollremissionen sind möglich

In München wurden bislang sechs Patienten mit SIRT behandelt; im Verlauf konnte bei drei eine Teilremission, bei einem sogar eine Remission (SIRT plus zusätzliche Ablation) erzielt werden.

Die Methode wird derzeit vorwiegend bei Patienten angewandt, die nur Lebermetastasen haben. Da SIRT in Deutschland noch nicht zugelassen ist, sollte eine Kostenübernahme durch die Krankenkassen gesichert sein. "Dann können wir die SIRT bei dafür geeigneten Patienten problemlos machen." Ansonsten müßten die Kollegen der LMU Anträge zur Kostenübernahme etwa beim Klinikumsträger stellen.

Ein Infoblatt zu SIRT und den Voraussetzungen, das auch für Patienten verständlich ist, gibt es über: Sekretariat Privatdozent Dr. Thomas Helmberger, Tel.: 0 89 / 70 95 - 36 20 oder per E-Mail bei: rita.jaugstetter@med.uni-muenchen.de

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