Ärzte Zeitung, 27.08.2004

Krebsforscher nehmen verstärkt Blutversorgung ins Visier

Mit monoklonalen Antikörpern wird das Aussprossen neuer Gefäße unterbunden / Tumor bei jedem dritten Nierenzellkrebspatienten geschrumpft

VITRY-SUR-SEINE (mut). Bei der Entwicklung neuer Arzneien gegen Krebs wird inzwischen versucht, gezielt Rezeptoren und Moleküle zu blockieren, die bei der Entwicklung der Tumoren wichtig sind. Die Ziele der neuen Arzneien müssen dabei nicht unbedingt Krebszellen sein: Oft genügt es bereits, die Blutversorgung des Tumors zu unterbrechen, um den Tumor zum Schrumpfen zu bringen.

Im Fokus der Krebsforscher ist daher ein Molekül, das für das Gefäßwachstum nötig ist: VEGF (vascular endothelial growth factor). Darauf hat Dr. Jean Pierre Armand aus Villejuif in Frankreich hingewiesen. Wird die Wirkung des Moleküls blockiert, kommt es zur Nekrose von Tumoren. Ein Beispiel für eine Medikament, das VEGF blockiert, sei der monoklonale Antikörper Bevacizumab.

Bei Patienten mit metastasiertem Kolorektalkarzinom habe die Kombination des Antikörpers mit IFL (Irinotecan, 5-Fluorouracil, Leucovorin) deutlich besser gewirkt als IFL alleine (Ansprechraten: 45 versus 35 Prozent). Ein weiteres Beispiel seien Tyrosinkinase-Hemmer. Sie verhindern, daß Signale etwa vom VEGF-Rezeptor an den Zellkern weitergeleitet werden. Ein solcher Kinase-Hemmer werde gerade mit der Substanz SU11248 untersucht, die von dem US-Biotech-Unternehmen Sugen entwickelt worden ist.

Die Substanz wirkt jedoch nicht nur am VEGF-Rezeptor, sondern blockiert noch weitere Tyrosinkinasen, die an der Krebsentstehung beteiligt sind, sagte Armand auf einer Veranstaltung des Unternehmens Aventis. In einer Studie mit 64 Nierenzellkrebspatienten verkleinerte sich der Tumor bei etwa einem Drittel der Patienten mit der Substanz.

Eine weitere Option wird derzeit von Aventis zusammen mit dem Unternehmen Regeneron entwickelt und als VEGF-Trap bezeichnet. Dabei handelt es sich um ein Designer-Protein, das Bestandteile von zwei natürlich vorkommenden VEGF-Rezeptor-Binderegionen enthält. Es bindet daher fest an verschiedene VEGF-Varianten. Dies sei mit einem gewöhnlichen monoklonalen Antikörper nicht möglich.

Mit VEGF-Trap sollte sich durch eine einzige Arznei die Wirkung von VEGF möglichst komplett blockieren lassen, so Armand. Ein Vorteil gegenüber kleinen Molekülen wie Kinasehemmern sei zudem die hohe Spezifität für VEGF - Kinasehemmer würden oft auch Kinasen blockieren, die nicht an der Krebsentstehung beteiligt sind.

Die Substanz wird derzeit in einer Phase-I-Studie geprüft. In Laborversuchen mit Zellen mehrerer Tumorarten hatte das Eiweißmolekül die Angiogenese wirkungsvoll blockiert. Die Arznei wird zudem in einer Phase-I-Studie bei Patienten mit feuchter altersbedingter Makuladegeneration geprüft.

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