Ärzte Zeitung, 13.12.2004

Für jeden Tumor ein paßgenaues Therapeutikum

Neue Substanz beugt Knochenmetastasen vor

Nicht nur in der Diagnostik, sondern auch in der Therapie nehmen die Wissenschaftler immer kleinere Strukturen aufs Korn, vor allem in der Krebsbehandlung. Ein Beispiel: Wissenschaftler beladen Peptide mit Wirkstoffen, die hochselektiv an Krebszellen binden und diese schädigen.

Mit dem Signalmolekül Interleukin-2 (IL2) gibt es bereits eine Substanz, die sich für ein solches zielgenaues Vorgehen eignet. Sie hat sich beim Nierenzell-Karzinom und beim Melanom zwar bereits bewährt, ist aber sehr toxisch. Dieser Wirkstoff wird nun bei einem Verfahren, das derzeit entwickelt wird, an ein Antikörper-Fragment mit der Bezeichnung L19 gekoppelt.

Das Therapeutikum wird im Tumor akkumuliert

Von L19 ist bekannt, daß es am ED-B-Fibronectin andockt, einem hochspezifischen Antigen, das von einer großen Zahl von Tumoren exprimiert wird. Das Therapeutikum L19-IL2 wird nun in Tumoren akkumuliert und attackiert sie ganz spezifisch. Das bedeutet: erhöhte Wirksamkeit und viel weniger systemische Nebenwirkungen.

Das ist die Zukunft der Krebstherapie: ganz spezifische Tumor-Andockstellen zu finden. Die Konstruktion der Angriffsvehikel ist dann nur eine Frage der Zeit.

Zu diesen "magic bullets" gehören auch Substanzen, die an Knochenoberflächen andocken. Dort können sie etwa bei Brustkrebs die Adhäsionseigenschaften von Tumorzellen an der Knochenoberfläche so verändern, daß die Metastasen-Bildung im Knochen gehemmt wird. In einer Studie mit über tausend brustkrebskranken Frauen konnte Bonefos, so der Name der Testsubstanz, das Auftreten von Knochenmetastasen um 50 Prozent verringern und die Überlebensrate um 26 Prozent erhöhen.

Angiogenese-Hemmung hungert Tumoren aus

Andere Substanzen hemmen hochselektiv die für viele Tumoren essentielle Neoangiogenese. Auf diese Weise wird der Tumor von seiner Versorgung abgeschnitten, der Krebs wird gleichsam ausgehungert.

Auch die Forschung an selektiven Zytostatika befindet sich noch in den Anfängen. Ein bis zwei Jahrzehnte, schätzt Marc Rubin, Mitglied der Schering-Kommission für Entwicklung, könne es noch bis zur Marktreife dieser modernen Therapiemethoden dauern. (KHS)

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