Forschung und Praxis, 01.08.2005

"Jeder Krebspatient, der sich belasten darf, sollte trainieren"

Sport während der Tumortherapie vermindert behandlungsbedingte Beschwerden

Noch bis Anfang der 90er Jahre lautete die übliche Empfehlung für Krebspatienten Ruhe und Schonung. Diese Einstellung basierte auf der Tatsache, daß die körperliche Leistungsfähigkeit dieser Patienten häufig stark eingeschränkt ist. Inzwischen ist jedoch in mehreren Studien belegt, daß regelmäßige körperliche Aktivität auch bei Krebspatienten positive Effekte auf Körper und Psyche hat.

Radrenn-Profi Lance Armstrong war 1996 an Hodenkrebs erkrankt und konnte geheilt werden. Seit 1999 hat er die Tour de France nun zum siebten Mal in Folge gewonnen. Foto: dpa

Fernando Dimeo

Privatdozent Dr. Fernando Dimeo aus Berlin: Die Patienten spüren auch, daß sie durch eigene
Aktivität einen wichtigen Teil zum eigenen Genesungsprozeß beitragen können.

Die Leistungsfähigkeit von Krebskranken kann sowohl durch die Tumorerkrankung als auch durch die Behandlung infolge funktioneller und anatomischer Veränderungen beeinträchtigt werden. Die Einschränkung der körperlichen Belastbarkeit ist ein wesentlicher Bestandteil des Fatigue-Syndroms.

Typisch für dieses Syndrom sind außerdem anhaltende Müdigkeit und Erschöpfung sowie mentale Beschwerden wie Frust, Reizbarkeit und Motivationsmangel. Mehrere Studien haben belegt, daß bis zu 80 Prozent der Krebspatienten ein Fatigue-Syndrom haben.

Als Folge der Leistungseinbuße haben viele Patienten während und nach der Behandlung schon bei geringer körperlicher Belastung Beschwerden wie Kurzatmigkeit, Tachykardie oder rasche Ermüdung. Um die Symptome zu verringern, wird in der Praxis häufig empfohlen, körperliche Aktivitäten zu reduzieren.

Allerdings führt dies zu Bewegungsmangel, was wiederum den Muskelabbau beschleunigt. Somit werden die normalen Aktivitäten für die Patienten immer anstrengender. Es entsteht ein Circulus vitiosus von verminderter Aktivität aufgrund der raschen Erschöpfbarkeit und weiterer Abnahme der Leistungsfähigkeit durch Bewegungsmangel.

Mehrere Studien haben die positiven Effekte regelmäßiger körperlicher Aktivität bei Krebspatienten belegt. Mittlerweile ist die Teilnahme am Freizeit- und Leistungssport nach Tumorerkrankungen kein Ausnahmephänomen mehr. Extremfälle sind Weltklasseathleten wie die schwedische Leichtathletin Ludmilla Engqvist und der amerikanische Radfahrer Lance Armstrong, die nach ihrer Tumorbehandlung Siege bei internationalen Wettbewerben errungen haben.

Sport hilft auch, das Selbstwertgefühl wieder zu stärken

Bundesweit sind inzwischen viele Sportgruppen für Patienten in der Krebsnachsorge entstanden. Denn regelmäßige körperliche Aktivität steigert unter anderem Muskelmasse und -kraft, erhöht das Plasmavolumen und trägt zu einer vermehrten Kapillarisierung der Muskulatur bei. Außerdem wird die kardiale Pumpreserve verbessert, was zu einer Ökonomisierung der kardiovaskulären Funktion führt. Diese Veränderungen bewirken eine Zunahme der Leistungsfähigkeit und dadurch eine Abnahme der Fatigue.

Das Ausdauertraining bei Krebspatienten sollte bei einer Intensität von 70 bis 80 Prozent der maximalen Herzfrequenz liegen. Foto: Dimeo

Gleichzeitig hat Sport einen positiven Effekt auf die Psyche: Ein gezieltes Aufbautraining kann dazu beitragen, Angst, Unsicherheit, das Gefühl der Abhängigkeit und der ungenügenden Belastbarkeit zu vermindern. Die zunehmende Leistungsfähigkeit als Folge des Trainings steigert das Selbstbewußtsein und verbessert Wohlbefinden und Lebensqualität.

Die Patienten spüren auch, daß sie durch eigene Aktivität einen wichtigen Teil zum eigenen Genesungsprozeß beitragen können. Besonders bei Patienten mit Fatigue-Syndrom kann dieses Erlebnis dem Gefühl von Nutz- und Hilflosigkeit entgegenwirken.

Neue Studien belegen zudem, daß regelmäßige körperliche Aktivität während der Tumortherapie eine Reduktion der behandlungsbedingten Beschwerden wie Übelkeit, Erschöpfung, Schlafstörungen und Schmerzen bewirkt. Gleichzeitig gibt es Hinweise aus randomisierten Studien, daß sich durch ein tägliches Ausdauertraining eine schnellere Wiederherstellung der Hämatopoese bei Patienten nach intensivierten Chemotherapie-Protokollen erreichen läßt.

Ausdauertraining zu Beginn am besten als Intervalltraining

Körperliche Aktivität kann mit unterschiedlichen Zielen in allen Phasen der Tumortherapie von Nutzen sein - bei der akuten stationären oder ambulanten Behandlung, bei der Rehabilitation, bei der wohnortnahen Nachsorge und in der palliativen Situation. Bei Patienten in stabilem klinischem Zustand ist regelmäßige körperliche Aktivität grundsätzlich zu empfehlen, so lange keine Kontraindikationen vorliegen.

Es gilt die Regel: Jeder Patient, der sich belasten darf, sollte trainieren. Für die Gestaltung eines Trainingsprogramms ist eine enge Kooperation zwischen Onkologen / Hämatoloen, Sportmedizinern und Physiotherapeuten oder Übungsleitern notwendig. Die Aktivitätsprogramme für Krebspatienten müssen die individuellen Einschränkungen, Möglichkeiten und Vorlieben berücksichtigen, um die Motivation zur Teilnahme zu erhöhen.

Beim Ausdauertraining soll die Intensität bei einem Puls von 70 bis 80 Prozent der maximalen Herzfrequenz liegen. Diese Belastungen werden von den meisten Patienten sehr gut toleriert, so daß sie das Trainingsprogramm täglich absolvieren können. Für Patienten, die am Anfang des Programms bei dieser Intensität nur eine kurze Zeit trainieren können, hat sich ein Intervalltraining bewährt. Die gesamte Belastungszeit beträgt in der Regel 30 bis 40 Minuten pro Termin.

Das Krafttraining kann an Geräten, mit Hilfsmitteln (Hanteln, Tera-Bändern, Gummiseilen) oder mit dem eigenen Körpergewicht erfolgen. Bei Thrombopenie mit Thrombozytenzahlen von < 50 000 / µl sollte eine Belastungsintensität von etwa 70 Prozent der Maximalkraft nicht überschritten werden, um das Risiko von Gefäßverletzungen und Blutungen als Folge des gesteigerten Blutdrucks zu minimieren. Bei Patienten mit eingeschränkter Mobilität oder motorischen Defiziten als Folge von Operationen oder Polyneuropathie kann das Training bei einer viel geringeren Intensität mit dem Ziel der Verbesserung der Muskelkoordination erfolgen.

Kein Training an den Tagen mit Chemotherapie!

Obwohl die meisten Patienten von einem Trainingsprogramm profitieren, ist körperliche Aktivität in bestimmten Situationen untersagt. Zu den absoluten Kontraindikationen zählen die akuten Erkrankungen oder die Schübe bei chronischen Krankheiten, fieberhafte Infekte, neu aufgetretene Schmerzen und eine Thrombopenie mit einer Thrombozytenzahl von < 20 000 / µl.

Eine Anämie schränkt die maximale Belastbarkeit als Folge der reduzierten Sauerstoffzufuhr zur Muskulatur ein. Bei diesen Patienten muß die Trainingsintensität entsprechend angepaßt werden. Eine Leukopenie oder Neutropenie stellen bei Einhaltung der hygienischen Maßnahmen für den Umgang mit immunsupprimierten Patienten keine Kontraindikation für körperliche Aktivität dar. Bei begleitenden Erkrankungen wie koronare Herzkrankheit, pAVK, arterielle Hypertonie, Diabetes mellitus oder Arthrose ist meist eine Anpassung der Belastungsintensität erforderlich.

Da mehrere Zytostatika potentiell kardio- oder nephrotoxisch sind, sollten sich die Patienten an den Tagen schonen, an denen sie Chemotherapeutika erhalten. An den therapiefreien Tagen ist eine Fortsetzung des Trainings möglich. Die Bestrahlung ist keine Kontraindikation für ein Trainingsprogramm. Wie mehrere Studien belegen, führt Ausdauertraining während der Bestrahlung zu einer deutlichen Reduktion der Begleitsymptome und verbessert somit die Lebensqualität.

Inwieweit Überlebenszeit beeinflußt wird, ist unklar

Ob und welchen Einfluß regelmäßiges Training auf die Überlebenszeit der Patienten hat, ist unklar. Theoretisch möglich wäre es, daß physikalische Faktoren wie erhöhte Körpertemperatur, mechanische Belastung und vermehrte lokale Durchblutung Auswirkungen auf den Primärtumor und auf die Entstehung und das Wachstum von Metastasen haben können.

Zudem bewirkt die körperliche Aktivität eine vermehrte Bildung von Wachstumsfaktoren (VEGF [vaskular endothelial growth factor], IGF-1 [insulin-like growth factor 1], Interleukine), die unter anderem die Angioneogenese, die Eiweißsynthese und die Aktivität des Immunsystems regulieren.

Die direkte Wirkung dieser Faktoren auf die Tumorzellen ist unbekannt. Aus diesem Grund bleibt die Diskussion über die potentiellen Nachteile von körperlicher Aktivität bei Tumorpatienten derzeit hypothetisch. Die günstigen Effekte von Trainingsprogrammen auf die Leistungsfähigkeit, die Stimmung und die Lebensqualität von Krebspatienten sprechen jedoch für eine breite Anwendung von Sport.

FAZIT

Regelmäßige körperliche Aktivität wirkt sich auch bei Krebspatienten positiv auf die körperliche Leistungsfähigkeit sowie auf die Stimmung aus. Behandlungsbedingte Beschwerden werden gemindert, Wohlbefinden undLebensqualität verbessert. Einem Fatigue-Syndrom kann so effizient entgegengewirkt werden.

PD Dr. Fernando C. Dimeo, Charité Berlin, Campus Benjamin Franklin, Station 06 - Sportmedizin, Hindenburgdamm 30, 12200 Berlin, Tel.: 030 / 8445-2098, Fax: 8445-4767, E-Mail: fernando.dimeo@charité.de

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