Ärzte Zeitung, 07.11.2005

Familiäres Tumorrisiko wird mitunter überschätzt

Nur im ersten Jahr der Krebsdiagnose ist Tumorrate bei Angehörigen erhöht - weil sie aus Angst zum Arzt gehen

HEIDELBERG (eb). Das familiäre Krebsrisiko wird offenbar mitunter überschätzt. Ein Grund: Besorgt über die Krebsdiagnose eines nahen Verwandten gehen Angehörige im Jahr der Diagnosestellung besonders häufig zu Früherkennungsuntersuchungen. Dabei werden vermehrt Tumoren im Frühstadium diagnostiziert.

Ein Hautarzt sucht die Gesichtshaut einer Frau nach verdächtigen Hautveränderungen ab. Foto: Klaro

Sind wirklich immer Gene die Ursache, wenn in Familien gehäuft Tumoren vorkommen? Offenbar nicht immer. Bei einigen Tumorarten hängt die errechnete Rate der familiären Tumoren offensichtlich davon ab, ob man für diese Rate die Zahlen der Krebsdiagnosen nimmt, die innerhalb des ersten Jahres oder innerhalb von fünf Jahren erhoben wurden.

Die Epidemiologen Dr. Justo Lorenzo Bermejo und Professor Dr. Kari Hemminki vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg hatten die Hypothese: Wenn es die Sorge um die eigene Gesundheit ist, die Angehörige zum Arztbesuch veranlaßt, müßten im Jahr der ersten Krebsdiagnose in der Familie besonders viele Tumoren bei den Angehörigen entdeckt werden. In den darauf folgenden Jahren sollte die Krebsrate in Familien dann wieder ähnlich der in der Allgemeinbevölkerung sein.

Diese Hypothese fanden die Heidelberger durch Zahlen des schwedischen Familienkrebsregisters bestätigt. Sie verglichen Daten von fast 1,7 Millionen Nachkommen und Geschwistern von etwa 850 000 Krebspatienten mit denen der schwedischen Allgemeinbevölkerung. Geprüft wurde, wie häufig Brust-, Darm-, Lungen-, Zervix- und Prostatakrebs sowie Melanome vorkamen.

Zum Beispiel wurde bei Töchtern in dem Jahr, in dem bei ihren Müttern Brustkrebs festgestellt wurde, knapp fünfmal häufiger ein lokal begrenzter Brustkrebs diagnostiziert als in der Allgemeinbevölkerung. Fünf Jahre später gab es jedoch kaum noch eine familiäre Häufung (J Natl Cancer Inst 97, 2005, 1575).

Auch bei Geschwistern von Krebspatienten fanden die Forscher ähnliche Effekte: Bei den Geschwistern nahm die Rate etwa von lokal begrenztem Brustkrebs oder Prostatakrebs ebenfalls mit den Jahren nach der Diagnose bei Schwester oder Bruder deutlich ab.

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