Ärzte Zeitung, 19.01.2006

INTERVIEW

"Es schützt nicht vor Krebs, wenn ich abends vor dem Fernseher sitze und viele Karotten kaue, mich aber sonst nicht bewege"

Allein mit einer gesunden Ernährung kann man sein Krebsrisiko kaum senken, so Professor Hans Konrad Biesalski, Sprecher der Kommission Ernährung und Krebs der Deutschen Krebsgesellschaft. Im Gespräch mit Thomas Müller von der "Ärzte Zeitung" fordert Biesalski, Sport und genetische Prädispositionen bei der Krebsprävention mehr zu berücksichtigen.

   
 
"Fünf Portionen Obst und Gemüse täglich - von dieser Empfehlung sehe ich bei der Krebsprävention derzeit keinen speziellen Nutzen."
 
Professor Hans Konrad Biesalski
Sprecher der Kommission Ernährung und Krebs der Deutschen Krebsgesellschaft
   

Ärzte Zeitung: Immer mehr neue Studien zeigen, daß die Ernährung das Risiko für viele Krebserkrankungen doch nicht beeinflußt - zuletzt hat eine Analyse ergeben, daß Ballaststoffe offenbar doch nicht vor Darmkrebs schützen. Wird der Einfluß der Ernährung überbewertet?

Professor Hans Konrad Biesalski: Es werden sowohl der Einfluß der Ernährung auf das Krebsrisiko überbewertet als auch die Aussagekraft epidemiologischer Studien. Es macht keinen Sinn, die Ernährung in solchen Studien auf einen Bestandteil zu reduzieren - etwa auf Ballaststoffe. Man muß die gesamte Ernährungsweise betrachten. Ein Beispiel: In Studien hatten Menschen, die viel rotes Fleisch aßen, häufiger ein Kolonkarzinom. Was ist aber mit den Menschen, die viel Gemüse und viel rotes Fleisch essen? Diese Gruppe wurde nicht untersucht. Bei diesen Menschen würde ich eher erwarten, daß das Risiko nicht erhöht ist.

Ärzte Zeitung: Was kann man dann aus den neuen epidemiologischen Studien überhaupt schließen?

Biesalski: Die Ernährung alleine ist es nicht, das zeigen die Studien. Damit kann man nicht einen ungesunden Lebensstil, also Rauchen, Alkoholtrinken und Bewegungslosigkeit kompensieren. Es nützt mir nichts, wenn ich abends vor dem Fernseher sitze und ununterbrochen Karotten kaue, mich aber sonst nicht bewege.

Ärzte Zeitung: Das trifft doch vor allem für das KHK-Risiko zu...

Biesalski: Ja, aber bei der Krebsprävention gilt dasselbe. Ein normales Körpergewicht und ausreichend Bewegung scheinen vor Krebs zu schützen - hier haben wir die höchste Evidenz bei der Krebsprävention. Und eine Ernährung, die reich an Obst und Gemüse ist, trägt zu einem normalen Körpergewicht bei.

Ärzte Zeitung: Ist dann die Empfehlung, täglich fünf Portionen Obst und Gemüse zu essen, um Krebs vorzubeugen, noch haltbar?

Biesalski: Sie muß überdacht werden. "5 am Tag" ist eine gute Sache, um gesund zu bleiben. Im Moment sehe ich bei der Krebsprävention keinen speziellen Nutzen von dieser Empfehlung. Es kommt vielmehr auf die Gesamtenergiezufuhr an, auf ein normales Körpergewicht - auch bei der Krebsprävention. Zur Ernährung können wir derzeit nur sagen: Am besten ist eine ausgewogene Mischkost - dazu gehört auch Fleisch. Vielleicht gibt es in einigen Jahren auch noch andere Erklärungen - etwa einen Gemüse-Polymorphismus.

Ärzte Zeitung: Was heißt das denn?

Biesalski: Möglicherweise gibt es Menschen, die aufgrund ihrer genetischen Ausstattung bestimmte Nahrungsbestandteile besser oder schlechter metabolisieren als andere. Vielleicht kommen wir soweit, daß Sie aufgrund ihres Genprofils sehr viel mehr Spinat essen sollten und ich viel mehr Fisch. Bis wir solche individuellen Empfehlungen haben, wird es aber noch ein paar Jahre dauern.

Ärzte Zeitung: Und wie kann man zu solchen präzisen Empfehlungen kommen?

Biesalski: Über eine molekulare Epidemiologie. Ein Beispiel: Für die meisten Menschen ist es ungünstig für ihr KHK-Risiko, wenn sie viel gesättigte Fette essen, bei einer kleinen Gruppe von Menschen steigt jedoch der HDL-Wert deutlich bei einer fettreichen Ernährung - eine solche Ernährung ist für diese Menschen also eher günstig. In einer gewöhnlichen epidemiologischen Studie kommen Sie dann vielleicht zu der Schlußfolgerung: Ein bißchen Fett ist so schlecht ja nicht. Dabei trifft dies ja nur für eine kleine Gruppe zu. Eine kleine Veränderung in einer großen Gruppe beruht möglicherweise auf einer extremen Veränderung in einer kleinen, nicht erkennbaren Teilgruppe. Mit geeigneten molekularen Markern ließe sich diese Gruppe identifizieren.

Ärzte Zeitung: Sollte also künftig vor jeder Kohortenstudie ein Genprofil der Teilnehmer erstellt werden?

Biesalski: Das ist bisher kaum machbar. Es reicht vielleicht zunächst, nach vier bis acht Genen zu schauen, die beim Stoffwechsel bestimmter Nahrungsbestandteile wichtig sind, und dann zu schauen, wie sich die Krebsrate bei solchen Menschen entwickelt, wenn sie sich in einer bestimmten Weise ernähren. Von solchen Ansätzen verspreche ich mir viel mehr als von den bisherigen Studien.

Ärzte Zeitung: Haben die ernüchternden Studienergebnisse der letzten Zeit dazu geführt, daß sich die Deutsche Krebsgesellschaft jetzt neu positioniert - weg von der Prävention, hin zu Ernährung von Krebskranken?

Biesalski: Die Deutsche Krebsgesellschaft positioniert sich nicht neu. Sie sagt weiterhin: Fünf Portionen Obst und Gemüse am Tag ist ein vernünftiges Programm in der Prävention von chronischen Erkrankungen, dazu gehört auch Krebs. Wir wollen nicht weg von der Prävention, sondern die Ernährung von Krebskranken stärker aufgreifen.

Ärzte Zeitung: Weshalb?

Biesalski: Die Ernährung hat einen wesentlichen Einfluß auf die Prognose und den Verlauf der Erkrankung. So ist eine nicht unwesentliche Zahl von Patienten bei der Krebsdiagnose bereits mangelernährt, weil es durch die Erkrankung zu einer Auszehrung kommt. Durch die Therapie kann sich der Zustand verschärfen, weil die Behandlung Geschmacks- und Geruchsveränderungen, Übelkeit und Ekel hervorrufen kann oder stomatotoxisch ist. Wenn ein Patient durch die Therapie eine Mukositis bekommt, kann er vieles nicht mehr essen. Die Patienten brauchen also vor der Therapie Reserven. Ich muß daher ganz früh einen Ernährungsstatus erheben und die Patienten darauf hinweisen, sich energiereich und vitaminreich zu ernähren.

Ärzte Zeitung: Welche Ernährung ist dann geeignet?

Biesalski: Fett, Kohlenhydrate, alles was schmeckt, im Einzelfall auch eine Ergänzung mit Vitaminpräparaten. Während der Therapie darf man jedoch keine hochdosierten Antioxidantien geben, weil die Krebstherapie oft freie Radikale bildet, mit denen Krebszellen angegriffen werden. Wenn man Antioxidantien gibt, könnte man die Wirksamkeit der Arzneien schwächen. Die Deutsche Krebsgesellschaft wird auch bald einen Leitfaden für die Anwendung von Nahrungsergänzmittel bei Krebspatienten vorstellen, der auf diesen Punkt eingeht.

ZUR PERSON

Professor Hans Konrad Biesalski ist seit 1995 Geschäftsführender Direktor des Instituts für Biologische Chemie und Ernährungswissenschaft an der Universität Hohenheim. Er ist zudem Sprecher der Kommission Ernährung und Krebs der Deutschen Krebsgesellschaft.

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