Ärzte Zeitung, 20.03.2006

Neue Strategien gegen Krebs und verbesserte Ansätze zur Versorgung der Patienten - das sind zwei Themenkomplexe beim Deutschen Krebskongreß in Berlin, der Mittwoch beginnt. Erste Medikamente zur gezielten Krebstherapie sind Beleg dafür, wie erfolgreich die Suche nach neuen Mitteln ist.

Die Krebsbehandlung wird immer spezifischer

Neue Medikamente hungern Tumoren aus / Großes Interesse an der Angiogenese-Forschung / Erste Erfolge mit Impfstoff gegen Melanom

Von Peter Leiner

Trotz der Fortschritte in den vergangenen Jahren in der Krebstherapie, etwa durch bessere Kombinationstherapien und neue Krebsmedikamente, ist eine Heilung derzeit nur bei wenigen Patienten möglich. Deshalb wird intensiv nach neuen Möglichkeiten gesucht, Krebszellen unschädlich zu machen.

Wie eine Krebsvakzine hergestellt wird
Dendritische Zellen präsentieren Tumorantigene
Dendritische Zellen im Impfstoff sind Leukozyten, die dem Immunsystem fremde Antigene zeigen und es dadurch aktivieren.

Wie erfolgreich diese Suche sein kann, belegen die Therapie-Erfolge mit Tyrosinkinase-Hemmstoffen wie Imatinib gegen chronische myeloische Leukämie. Die Hemmer blockieren Enzyme, die eine Vermehrung der Krebszellen anheizen. Aber auch Medikamente, mit denen die Blutgefäßbildung in Tumoren gestoppt wird, bezeugen den Erfolg der Krebsforscher. Dies gelingt etwa mit Antikörpern wie Bevacizumab, einem monoklonalen Antikörper.

Das Immunglobulin bindet an den Rezeptor des Gefäßwachstumsfaktors VEGF. Die Bedeutung dieser Forschung spiegelt sich auch darin wider, daß sie eines der zehn Hauptthemen auf dem Deutschen Krebskongreß ist, der in dieser Woche in Berlin stattfindet. Solche Rezeptoren sind aber nicht die einzigen Angriffsziele, um das Sprießen von Tumorgefäßen zu unterbinden.

Beim Krebskongreß in Berlin werden auch Wirkstoffe gegen andere Angriffspunkte wie Rezeptoren von weiteren tumorspezifischen Wachstumsfaktoren vorgestellt. Darunter ist auch der Angiokinase-Hemmer BIBF 1120, der gegen drei Rezeptoren gleichzeitig gerichtet ist und bereits klinisch bei soliden Tumoren geprüft wird. In die Angiogenese-Forschung wird derzeit viel investiert: Pro Jahr werden etwa 5000 wissenschaftliche Arbeiten dazu publiziert.

Erforscht werden nicht zuletzt auch Hemmstoffe gegen das Enzym Telomerase zur Vernichtung von Krebszellen. Die Zellen werden dadurch in den normalen Alterungsprozeß überführt und sterben ab. Auch mTOR-Hemmer wie Sirolimus, die erfolgreich in der Transplantationsmedizin genutzt werden, wirken gegen Tumoren und werden in klinischen Studien bei Krebs geprüft. mTOR steht für "mammalian Target Of Rapamycin", eine wichtige Komponente in der Signalkaskade der Interleukin-vermittelten T-Zellaktivierung.

Ein Traum der Onkologen ist die Impfung gegen Krebs, ein weiteres Thema beim Krebskongreß. Für seine Erfolge mit dieser Strategie gegen Krebs wird in Berlin Professor Gerold Schuler von der Universität Erlangen mit dem Deutschen Krebspreis 2006 ausgezeichnet. In einer Phase-3-Studie hat der Forscher mit Kollegen aus Mannheim belegt, daß die Impfung von Patienten mit metastasiertem Melanom wirksamer ist als die Standardtherapie mit Dacarbazin. Die Vakzine besteht aus patienteneigenen dendritischen Zellen, die bestimmte Eiweißmoleküle auf ihrer Oberfläche tragen und subkutan injiziert werden.

Auch bei Patienten mit Pankreas-Ca könnte eine Impfung - mit bestrahlten Tumorzellen - sogar lebensverlängernd sein, wie kürzlich eine Studie mit 60 Patienten ergeben hat. Indirekt schützt zudem eine Impfung gegen Infektionserreger vor Krebs, zum Beispiel eine Impfung gegen den Erreger der Hepatitis B oder gegen humane Papillomviren (HPV).

Recht weit ist die Entwicklung bereits beim Zervix-Ca, das durch HPV ausgelöst wird. In einer Phase-3-Studie über zwei Jahre waren alle Frauen, die gegen HPV vom Typ 16 oder vom Typ 18 geimpft wurden, vor Präkanzerosen des Zervix-Ca und vor Karzinomen geschützt. Inzwischen ist die Zulassung des Impfstoffs gegen die HPV-Typen 6, 11, 16, und 18 beantragt worden. Eine Entscheidung wird Mitte des Jahres erwartet.

Nach Ansicht von Professor Klaus Cichutek vom Paul-Ehrlich-Institut in Langen wird Krebs die Indikation sein, bei der es in Westeuropa die erste Zulassung für eine Gentherapie geben wird. In China ist eine solche Therapie zugelassen, und zwar für Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren. Die Vakzine enthält veränderte Viren als Genfähre, die das Tumor-Suppressor-Gen p53 transportiert.

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