Ärzte Zeitung, 19.06.2006

Wunsch vieler Menschen: Komplementärmedizin

Nach Erfahrungen von Kollegen bedeutet Evidenz für Statistiker etwas anderes als für Ärzte oder Patienten

BERLIN (grue). Das Interesse an Komplementärmedizin und Phytotherapie ist in der Bevölkerung weiterhin groß. Auch Krebspatienten interessieren sich für diese Optionen zusätzlich zur schulmedizinischen Behandlung. Viele wünschen sich eine an ihren persönlichen Erwartungen orientierte Therapie, deren Erfolg sich nicht in randomisierten Studien an harten klinischen Endpunkten ablesen lassen muß.

Mit Extrakten aus Misteln zusätzlich zu einer schulmedizinischen Therapie haben viele Kollegen und Patienten gute Erfahrungen gemacht. Foto: Okapia

"Der salutogenetische Ansatz der Komplementärmedizin kommt dem Wunsch der Patienten nach einer individuellen Therapie näher als die rein evidenzbasierte Krebstherapie", sagte Professor Gerd Nagel aus Zürich bei einer Krebstagung in Berlin.

Salutogenese bezeichnet die gesundmachenden Kräfte des Körpers. Nagel, ehemaliger Leiter der Klinik für Tumorbiologie in Freiburg, setzt sich innerhalb der Stiftung Patientenkompetenz für eine Krebsmedizin ein, die den Kranken und nicht das Karzinom in den Mittelpunkt stellt.

In einer europaweiten Studie im vergangenen Jahr interessierte sich ein Drittel der befragten Krebspatienten für Zusatzangebote aus der Komplementärmedizin. Auch jeder dritte gesunde Mensch steht den Verfahren positiv gegenüber, wie etwa eine Umfrage in der Schweiz ergeben hat.

Umso wichtiger erscheint dem Naturheilkundler Professor Reinhard Saller von der Uni Zürich die Abgrenzung zur Paramedizin, die im magischen Denken verwurzelt ist und mit Medizin im engeren Sinn nichts zu tun hat. Um die Trennlinie noch schärfer ziehen zu können, plädiert Saller für eine evidenzbasierte Komplementärmedizin. "Es gibt über 20 000 kontrollierte Studien aus diesem Bereich", sagte Saller. "Vor allem die Phytotherapie, die Akupunktur sowie die Ernährungstherapie sind stark vertreten."

    Die Kranken sind der Mittelpunkt, nicht der Krebs.
   

Weil in der Komplementärmedizin keine großen Ziele wie Tumorverkleinerung oder Lebensverlängerung vorhanden sind, wird sie im Forschungsbetrieb kaum wahrgenommen. Erschwert wird die Anbindung an die Medizin auch dadurch, daß manche Verfahren eher in den Pflegebereich gehören.

So läuft an der Uni Freiburg derzeit eine prospektive Studie, in der die schlaffördernde Wirkung von Lavendelöl-Auflagen geprüft wird. An der Placebo-kontrollierten Studie nehmen 100 Reha-Krebspatienten mit Schlafstörungen teil. Lavendelöl soll das Einschlafen erleichtern und auch die Tagesaktivität steigern.

Professor Franz Porzsolt von der Uni Ulm wies darauf hin, daß die Nutzenbewertung einer kontrollierten Studie sehr unterschiedlich ausfallen könne - für den Statistiker etwa bedeute Evidenz etwas anderes als für Ärzte oder Patienten. Besonders in der Komplementärmedizin, wo Erfahrungen und Erwartungen wichtig sind, hätten klinische Studien nur begrenzte Aussagekraft für den persönlichen Nutzen.

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